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Foto von Juliana Lindenhofer
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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer
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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer
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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer
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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer
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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Henrike Naumann: Wenn sich Österreich wieder angeschlossen hätte

December 5, 2019
Text by Juliana Lindenhofer
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Foto von Juliana Lindenhofer

Die Künstlerin Henrike Naumann skizziert in ihren immersiven Rauminstallationen aus Möbeln, Wohnaccessoires und Videos gesellschaftspolitische Stimmungen und eine Rechtsradikalisierung, die man alleine zuhause entwickelt. Juliana Lindenhofer traf Henrike Naumann in ihrer Ausstellung Das Reich im Belvedere 21 zum Gespräch über Finca-Ästhetik und den Ibiza-Skandal, vertraute Wurzeltische und gefesselte Sitzhocker.

Der Ausgangspunkt für deine Ausstellung ist ein alternatives historisches Szenario im Jahr 1990. Einen Anschluss von Österreich und eine wachsende rechte Ideologie thematisierst du mit Wohnlandschaften aus Waffenschränken, Fellhockern, Flokati Teppichen.

Chronologisch gesehen wurde 1990 im Kronprinzenpalais der Einigungsvertrag unterzeichnet. Dieser Vertrag ist für die Anhänger der Reichsideologie der Punkt, an dem sie sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland aufgehört hat zu existieren. Das Palais wurde im Krieg zerstört und dann zu DDR-Zeiten wiederaufgebaut, aber mit einer historisierenden Fassade, wie das Humboldt Forum, und drinnen im 60er Jahre Stil der DDR.

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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Für meine Arbeit »Das Reich« habe ich gebrauchte Möbel aus Wohnungen in das Palais geschleppt und eine Art völkische Kultstätte aufgebaut, ein Stonehenge errichtet, um mich in diese Ideologie hineinzuversetzen: Was bedeutet es, Brüche, die man empfindet, mit einer historischen Verschwörungstheorie, mit einer esoterischen und rassistischen Theorie zu erklären? Und, dass Leute sich da aufgehobener fühlen, als in einer anderen Gemeinschaft?

Im Belvedere 21 habe ich »Das Reich« zum ersten Mal mit »Anschluss ‘90« kombiniert. Auch eine Arbeit, die sich mit dem Jahr 1990 beschäftigt und letztes Jahr für den steirischen Herbst entstanden ist, mit Möbeln von willhaben. Ein fiktives Möbelhaus, mit dem ich sage: Was wäre, wenn sich 1990 nicht nur Ost- und Westdeutschland vereinigt hätten, sondern auch Österreich sich im Freudentaumel wieder angeschlossen hätte? Der Anschluss wäre aber ganz anders abgelaufen als 1938, man hätte den Unterschied gar nicht allzu sehr bemerkt, außer dass es plötzlich überall neue Möbelhäuser gibt. So ein Möbelhaus habe ich hier errichtet.

Was hat dich motiviert über mehrere Jahre an diesem Thema zu arbeiten, diese Erinnerungsarbeit zu leisten?

Ich könnte die Welt nicht ertragen, wenn ich das nicht machen würde. So wie es mich beschäftigt, diese Ästhetik jeden Tag zu sehen, beschäftigt es mich auch, wenn ich merke, dass Leute sich nicht richtig unterhalten. Gerade als sich in dem Dorf in Sachsen, wo ich aufgewachsen bin, so viele rechtsradikalisiert haben, war für mich klar, dass das zur Gesellschaft gehört und ich mit denen reden muss. Alles andere bringt nicht soviel. Im Prinzip habe ich das Gefühl, jetzt auch nichts anders zu machen, nur größer und mit Möbeln, weil ich Räume schaffen will, wo Diskussionen stattfinden können, die sonst gesellschaftlich nicht so einfach stattfinden können.

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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Deine beiden Videos »Terror« und »Amnesia« spielen im Jahr 1992, in Jena und auf Ibiza. Produziert hast du sie allerdings im Jahr 2012, und du hast auch selbst Regie geführt.

Szenografie, Kostüm, alles. Das war meine Diplomarbeit an der Filmhochschule. Ich habe die Videos in der Ausstellung hier in das Mobiliar der Arbeit „Anschluss 90« eingebettet und mit einer FPÖ- und Finca-Ästhetik kombiniert, um zu sehen, was man jetzt eigentlich mit so einem Ibiza-Skandal macht. Das greife ich auch im Außenraum des Belvedere 21 noch einmal auf, denn seit dem Ibiza-Skandal gibt es drei Möbelstücke, die für etwas Politisches stehen: Wurzeltisch, Butterfly Stuhl und Fellhocker.

Außerdem habe ich die Säulen aus dem Ausstellungsraum im Außenraum gespiegelt. Sie beziehen sich auch auf das Signa Gebäude gegenüber, denn das ist ja von Investor René Benko gebaut, der auch in dem Ibiza-Video erwähnt wird. Das heißt, man hat eigentlich genau vor Augen, um welche Machtfragen es geht. Der Außenraum wird über die nächsten Monate der Ausstellung immer mehr zu einer Ruine werden.

Es geht in beiden Videos um Langeweile, um eine schleichende Veränderung. Die jugendlichen Protagonist*innen erinnern an das NSU Trio.

Ja das kann man so sagen. Das interessante ist, was die Reaktionen des Umfelds sind, weil am Ende von »Amnesia« die Protagonistin die Spiegelpyramide im Rausch zerstört und sofort alle kommen und sich um sie kümmern. Während in »Terror« die ganze Zeit zerstört wird, aber sich daraus keine Konsequenz ergeben. Eine Konsequenzlosigkeit, die entsteht, wenn es niemanden gibt, der sich daran stören könnte, denn vieles von dem spielt sich an unbelebten Orten ab. Ein Zustand der in Dörfern immer noch Realität ist.

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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Du bist in Zwickau aufgewachsen. Nachdem Beate Zschäpe 2011 die NSU Wohnung genau dort in Brand gesetzt hat, hast du noch einen Teppich von dieser Brandstelle geholt.

Einen Teppich und eine verkohlte Raufasertapete, die ich dann als Vorlage für das Videoset und die Installation verwendet habe.

Die Sitzmöbel sind so knapp an den Videos positioniert, dass man sehr nahe am Bildschirm sitzen muss.

Es ist mir wichtig, dass man das alleine ansieht und ein bisschen gefangen ist. Es geht um die Radikalisierung, die man alleine zuhause entwickelt. Die Möbel sind auch gefangen, sie tragen Fesseln. Ich habe versucht, das Selbstbild der Reichsbürger auf die Möbel zu übertragen: Dass man sich in einem Land gefangen fühlt, geknechtet vom Staat.

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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Wie beginnst du deine Arbeit für solch eine Ausstellung?

Meistens über willhaben. Das Wiener willhaben war schon lange ein Traum. Das Kucken in Privaträume über Onlineplattformen. Auch die Frage, was geben Leute ab, was wollen Leute loswerden, das interessiert mich total. Auf den Flohmarkt gehen, ist das erste, was ich mache, wenn ich irgendwo bin. Was hier natürlich interessant ist, ist, dass so vieles vertraut ist.

Manipulierst du die Möbel für deine Installationen?

Ja, aber sehr liebevoll. In der Arbeit »Das Reich« habe ich recht viel verändert, weil es mir darum ging, keine realistische Wohnung darzustellen, sondern sie aussehen zu lassen, als hätten gewisse Leute sie aus einem Grund genauso arrangiert, den wir nicht verstehen. Ich versuche, mich in radikalisierte Menschen hineinzuversetzen: Was würde man machen, wenn man Möbel nicht aus Gemütlichkeitsgründen aufstellt, sondern um schnell an die Waffen zu kommen?

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Ausstellungsansicht, Henrike Naumann, Das Reich, Belvedere 21, Wien, 2019, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin. Foto von Juliana Lindenhofer

Was bedeutet das Sammeln für dich, warum baust du die Objekte nicht selbst?

Für mich wäre es überhaupt nicht interessant, selber etwas zu bauen. Das würde sich für mich total falsch anfühlen, weil ich dann das Gefühl hätte, ich würde mir etwas ausdenken. Während ich hier das Gefühl habe, dass ich etwas nehme, das Teil der Realität ist, und frage: Was machen wir jetzt mit diesen ganzen Sachen? Deswegen ist meine künstlerische Arbeit auch so sehr mit dem Suchen und Finden verbunden, weil ich die geilste Idee haben könnte, aber wenn ich den dazu passenden Schrank nicht finde, dann gibt’s den halt nicht.

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