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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo
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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo
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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo
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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo
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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Fernanda Gomes in der Secession: Tableau der Möglichkeiten

June 5, 2019
Text by Kathrin Heinrich
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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Es klingt zunächst paradox: Als »ernstes Spiel« beschreibt Fernanda Gomes ihre künstlerische Praxis. Die aktuelle Einzelausstellung der brasilianischen Künstlerin in der Galerie der Secession zeigt jedoch, wie raffiniert sich dieses Gegensatzpaar zusammenfügen lässt.

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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Viel ist dabei eigentlich nicht zu sehen. Weiße Räume umfangen den Besucher, auf die sich die ebenfalls meist in weiß getauchten Objekten und Bricolagen Gomes’ spärlich verteilen. Der erste Eindruck ist karg. Nur wenig ist auf der nahezu raumfüllenden Tischkonstellation im vorderen Raum verteilt: eine weiß lasierte Holzkugel, ein Holzwürfel, eine schmale wie eine Rampe gewölbte Latte, oder ein einzelner gespannter Bindfaden.

Die Verwendung der weißen Farbe hat Gomes zu ihrem Markenzeichen gemacht. Die »empfängliche Farbe«, wie sie die Künstlerin bezeichnet, stünde für Behaglichkeit und Stille. Es sei die Behaglichkeit ihres Zuhauses, zu der sie in jeder Ausstellung gelangen wolle, meinte Gomes einst in einem Interview.

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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Ob dieser minimalistischen Werke wird der Betrachter unweigerlich auch mit dem Raum selbst konfrontiert und setzt sich mit dessen Charakteristiken und Materialien auseinander, die sonst oftmals hinter Einbauten und Ausstellungsarchitekturen verschwinden. Gleichzeitig bringt die Präsenz des Betrachters wiederum die fragilen Objekte zum Schwingen: An feinen Fäden hängen Holzstäbe oder Leinwände von der Decke herab, im leisesten Luftzug beginnen sie, kaum merklich, sich zu drehen. Der Hauch des Besucheratems aktiviert die Rauminstallation.

Doch trotz ihrer formalen Strenge wohnt den Objekten und Bricolagen ein geradezu schlitzohriger Schalk inne. Wie eine ernste Fassade legt sich das Weiß auf Gomes‘ Arbeiten, unter der der Betrachter den subtilen Witz nur entdeckt, wenn er sich auf sie einlässt. Die weiße Tischlandschaft wird zum Tableau der Möglichkeiten.

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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Einerseits ist das der Formensprache geschuldet – die Kugel, die wie ein weißmaskierter Tennisball wirkt, die rampenartige Holzlatte, die an Rutschbahnen denken lässt. Andererseits der spielerischen Anordnung des eigentlich so gewöhnlichen Materials. Holzlatten etwa balancieren so prekär, dass man fürchtet, ein falscher Schritt könne sie aus dem Gleichgewicht bringen, wie ein überdimensionales Mikado-Spiel. Schnüre spannen sich über die Wand, übermalt und übergipst, als wären sie miteinander verwachsen.

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Fernanda Gomes, installation view, Secession, 2019. Photo by Peter Mochi, Courtesy Galeria Luisa Strina, São Paulo

Gleichwohl sich die Ausstellung durchaus als leise Parodie auf den White Cube lesen ließe, in welchem die Kunstwerke an den Wänden zu schweben scheinen wie Gomes‘ Leinwand am Draht, so hat die Künstlerin doch bodenständigere Absichten. Sie möchte vielmehr der Frage nachgehen, wie sie die intellektuelle Last loswerden könne, die der Kunst normalerweise anhaftet.

Ob das gelingt, bleibt dem Betrachter überlassen. Die Künstlerin selbst hat derweil die ganz reale Last der Materialien abgeworfen. Sie reist stets ohne jedwedes Equipment an, ihre Werke entstehen vor Ort aus »found footage« – Material, Abfall, Übriggebliebenes an Ort und Stelle der Ausstellung, die sie dann »im Spiel« kombiniert. So ist Fernanda Gomes‘ Arbeitsweise ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit und gerät in ihrer gewitzten Reduziertheit zum bitterernsten Kommentar auf die Materialschlachten der globalen Kunstwelt. Eine Geste, die aktueller kaum sein könnte.

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