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Foto von Marie Haefner
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Elisabeth von Samsonow: »Eine matriarchale Politik für die Zukunft«

November 13, 2019
Text by Paula Thomaka
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Foto von Marie Haefner

Elisabeth von Samsonow spricht mit Paula Thomaka über empathische Intuition, warum sie halb Pflanze, halb Mensch ist und wie ihr queeres Pflanzenstadium auf ihre künstlerische Praxis übertragen werden kann.

Die Akademie der bildenden Künste Wien ist seit mehr als 300 Jahren eine der bedeutendsten Bildungseinrichtungen für Künstler*innen. Mit dieser Interviewreihe gibt das PW-Magazine Einblick in die Lehre und das künstlerische Schaffen der Professor*innen.

Seit 1996 sind Sie Professorin für Philosophische und Historische Anthropologie der Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Wie kann Kunst unterrichtet werden?

Es findet eine sehr produktive Auseinandersetzung an Kunstakademien statt. Die Studierenden suchen sich die Klassen nach dem Inhalt und ganz oft nach der leitenden künstlerischen Figur aus. Es ist ein Haufen unglaublich talentierter Menschen, die alle Zeitgenoss*innen sind, das Gleiche anstreben, ähnliche Probleme haben und sich in einer semi-kompetitiven Situation befinden. Die extrem objektive Subjektivität, also die künstlerische Urteilskraft von Professor*innen, die sich durch die Stimme der Meister*innen artikuliert, ist in diesem Kontext sehr wichtig. Deswegen fordern sich die Studierenden gegenseitig, stehen aber auch im Austausch, beobachten und reflektieren viel. Jedoch hat die Akademie als Institution mehrere Aufgaben. Natürlich die Ausbildung, aber sie soll auch als Ganzes kontinuierlich die Rolle der Kunst reflektieren und innerhalb der Gesellschaft neu positionieren – sie hat also einen avantgardistischen Auftrag.

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Foto von Marie Haefner

Was ist für Ihre Lehre von Bedeutung?

Im Vordergrund steht die Philosophie und wie sich diese der Kunst, ihrer Produktion und der Position von Künstler*innen widmet. Für meine Lehre ist demnach ein Dreieck aus Psychoanalyse, Religionen (aber nicht nur die Hochreligionen, sondern auch kleinere Glaubenssysteme von minoritären Gruppen) und Feminismus bedeutend. Ich versuche, die Philosophiegeschichte neu zu lesen und dezidiert dieser Frustration Herr zu werden, dass es keine weibliche Philosophiegeschichte von entsprechender Länge und Stattlichkeit gibt. Ferner gehört die Mädchenphilosophie zu meinem Spezialgebiet, da viele feministische Auseinandersetzungen nur die Frau in ihrer Rolle analysieren. Aber jede Frau war zuerst ein Mädchen, somit beginnt für mich die Verhandlung mit ihnen.

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Inwiefern beeinflussen sich bildende Kunst und Philosophie in Ihrer künstlerischen Praxis?

Für mich geht die Kunst nur zusammen mit der Philosophie und umgekehrt. Als Legitimation dafür gelten Vorbilder aus der Geschichte, große, reflektierte und artikulierte Künstler*innen. Zum Beispiel Hermann Nitsch, der seine Bücher als philosophisches Korpus begleitend zu seiner Kunst verfasst. Die Philosophie produziert in meinem Fall eine Form von Überzeugung, die bildhaft wird. Das heißt, ich kann eigentlich die Wege meines Denkens oder des Intertextes, in dem ich mich bewege, durch einen Filter der ästhetischen Wahrnehmung schleusen. Mich interessiert nicht nur der Gedanke, dieser muss an die Emotion, an die Welt der Wahrnehmung angeschlossen werden. So bewege ich mich mit meiner Kunstphilosophie oder Philosophiekunst.

Sie verwenden in Ihren Arbeiten Holz und Blüten, was ihnen etwas Organisches verleiht. Was fasziniert Sie an »lebendem« Material?

Holzbildhauerei hat einen wahnsinnig schlechten Ruf, da sie nicht monumental und modern genug ist, keine Gussplastik, dafür aber sehr aufwendig in der Herstellung. Trotzdem wollte ich mit diesem und keinem anderen Material arbeiten. Das Holz redet mit mir. Wenn ich Linden bekomme, haben sie meistens schon eine metabolische Karriere von über einhundert Jahren hinter sich. Sie sind meine älteren Brüder und Schwestern, die mir ihre Körper hinterlassen. Eigentlich ist meine Arbeit ein »Interspecies Meeting« nach Donna Haraway. Holz und Fleisch treffen aufeinander und wir machen so lange miteinander was, bis ich irgendwann zum Baum werde – ich bin ja schon eine halbe Pflanze – und der Baum von mir anthropomorphisiert wird.

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Foto von Marie Haefner

Kann bei Ihnen Performance insofern nur in Verbindung mit Skulpturen gedacht werden oder besteht die Möglichkeit, sie als autonom zu betrachten?

Meine ersten Performances waren immer für eine Skulptur entworfen, eine Form von Animation mit allen rituellen Mitteln, die historisch und zeitgenössisch möglich sind. Performance ist da eine Form von Ritualisierung gewesen, die mit einer Interpretation der Skulptur einhergeht und die deren transitorische Animation in den Fokus stellt. Denn wir besitzen die Fähigkeit, die Dinge in unsere Lebendigkeit mit einzubeziehen, auf dem Kredit unserer Lebendigkeit zum Leben zu erwecken. Davon lebt die ganze Kunst, besonders die Skulptur. Neuerdings arbeite ich auch ohne Skulptur, falls man negieren wollte, dass ich eine sprechende Statue bin. In München habe ich eine Performance ohne Skulptur gemacht, die jetzt in Venedig ausgestellt wird. Dabei waren Möbel elementar, da diese das Stadium der Animation schon hinter sich haben. Beim Schlafzimmermöbel ist die Intimität von Menschen in das Objekt bereits hineinprojiziert. Dadurch ist dieser Typ Möbel alles andere als ein Objekt, sondern ersäuft in Bedeutung.

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Gibt es für Sie das Weibliche oder die Frau und kann überhaupt in diesen Kategorien gedacht werden?

Diese Frage stelle ich mir aufgrund meines Queer-Seins wiederholt, wobei mein Queer-Sein eine »Interspecies Relationship« ist, nämlich eine zwischen Mensch und Pflanze. Mir ist es zu langweilig, nur zwischen den binären Kategorien der Geschlechter zu wählen, zwischen männlich und weiblich. Mittlerweile bin ich ziemlich weit in diesem queeren Pflanzenstadium vorangekommen, weswegen ich das Weibliche noch mal anders betrachten kann. Ich musste einen kleinen Ausflug machen und als Halbpflanze zurückkehren, um die Kraft des Weiblichen zu erfassen. Zurzeit arbeite ich an einem Projekt, das eine matriarchale Politik für die Zukunft entwickelt. Davon ausgehend sind die mütterlichen Werte diejenigen, die eine zukünftige Gesellschaft leiten. Aus den mütterlichen Werten ergibt sich definitiv keine Hierarchisierung der Geschlechter! Ich lese existierende Untersuchungen von Gesellschaftsformen und versuche auf dieser Grundlage ein politisches Konzept zu entwickeln, das die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft entlastet. Denn bis jetzt leben wir in einer barbarischen Gesellschaft, die die Schwächsten belastet. Natürlich haben wir auch bestimmte Erfolge in diesem patriarchalen System errungen. Aber es ist immer noch das Patriarchat. Es ist nur korrigiert, aber nicht ausgeglichen. Deswegen müssen die Frauen mit ihren Kindern geschützt werden. Existierende matriarchale Gesellschaften besitzen beispielsweise eine explizite soziale Struktur, um Frauen dabei zu unterstützen, die Menschen der Zukunft fit zu machen, nämlich die Kinder. Damit wird der Verelendung von Frauen entgegengewirkt, da sie von den kollektiven Müttern unterstützt werden und nicht auf die Existenz eines Mannes angewiesen sind. Wenn Frauen die Verteilungsmacht und soziale Strukturbildungskraft haben, dann müssen sie auch die politische Macht haben. Ganz einfach.

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Paul Makowsky. Photo by Marie Haefner

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