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Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion »Diamante«. Photo by Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018
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Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion »Diamante«. Photo by Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018
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Foto von Nurith Wagner-Strauss

Ein Jahr im Leben einer kapitalistischen Utopie: Mariano Pensottis »Diamante«

May 14, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion »Diamante«. Photo by Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018

Mariano Pensotti inszeniert die ultimative kapitalistische Utopie: eine Stadt, in der es keinen Unterschied mehr zwischen Privat- und Arbeitsleben gibt. Die ZuschauerInnen sind zum Spaziergang eingeladen.

Durch schwere schwarze Theatervorhänge treten wir ein und was sich hier offenbart, erinnert nicht mal im Entferntesten an eine Eishockey Halle. Die fiktive Stadt Diamante wurde für die Festwochen in der Erste Bank Arena im 22. Wiener Bezirk errichtet. Hier präsentiert sich uns ein Stadtviertel mit elf verschiedenen Spielstätten: Privathäuser, eine Bar, ein Kulturzentrum, eine Bühne und ein Hauptplatz. Wir bewegen uns auf Wegen und Grasflächen, dazwischen finden sich eine Statue mit Antlitz des Stadtgründers, Wegweiser, Mistkübel und zahlreiche Pflanzen. Das Draußen ist schnell vergessen: Wie wir von den BewohnerInnen erfahren, befindet sich »Diamante« mitten im argentinischen Dschungel und ist eingezäunt, um vor den drohenden Gefahren der Umgebung zu schützen. Die Stadt gehört dem Konzern Goodwind, der alle BewohnerInnen beschäftigt. Wir spazieren von Haus zu Haus, in jedem spielt sich eine Kurzszene ab, die ein Fragment einer größeren Geschichte zeigt. Da geht es um Ehebruch, gemeine Chefinnen, korrupte PolitikerInnen, unaufgeklärte Morde und Familientragödien. Wir sind eingeladen, am Leben in der Stadt teilzunehmen und erleben in drei Kapiteln einen Sommer, Herbst und Winter in »Diamante«.

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Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion »Diamante«. Photo by Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018

Die bruchstückhaften Geschichten werden von den BewohnerInnen selbst oder über Textprojektionen erzählt. Es ist leicht, der großen Geschichte zu folgen, die sich nach und nach zusammensetzt, doch einzelne Handlungsstränge führen ins Nichts oder werden nie zu Ende erzählt. Das Verbindende der Lebensgeschichten der BewohnerInnen ist der geteilte Fluchtpunkt: ihre gemeinsame Arbeit und der wirtschaftliche Zustand des Konzerns. Betrieb Goodwind anfangs noch Industriearbeit und schöpfte vor allem aus den Erdölreserven der Region, entwickeln die Angestellten nun Software und technologische Produkte. Parallel zu den wirtschaftlichen Problemen entwickeln sich auch die Leben der Einzelnen: Im zweiten Kapitel sind mehrere Figuren von den krisenhaften Umständen gezeichnet, ihre Wohnsituationen haben sich zum Schlechteren oder Besseren gewendet und ihre privaten Beziehungen verändern sich aufgrund neuer Stellungen in der Firma. So wird etwa eine ehemalige einflussreiche Chefin zur Stripperin in der Bar. Diese Geschichten erinnern nicht ohne Grund an lateinamerikanische Telenovelas oder Formate wie Reich und Schön. Als der Konzern und damit auch die Stadt im dritten Kapitel in den Bankrott schlittert, wird beschlossen, die Stadt in einen Themenpark umzuwandeln. Die BewohnerInnen könnten in ihren Wohnungen bleiben und bräuchten sich keine Sorgen zu machen. Sie leben ihr Leben einfach weiter und bekommen DoppelgängerInnen zur Verfügung gestellt, die einzelne Schichten in ihrem Leben übernehmen. Die Doppelgänger-Pappfiguren werden dann in den Häusern platziert und am Ende beobachten sich die BewohnerInnen selbst durch die Fensterscheiben, genauso wie wir als Publikum es tun.

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Foto von Nurith Wagner-Strauss

Immer wieder eingeworfene Zitate von Judith Butler, Michel Foucault oder auch Rainer Maria Rilke deuten auf eine ultimative Fiktion und werfen die Frage auf, wo Realität beginnt und aufhört. Das Ende von »Diamante« ist dramaturgisch klug angelegt und deutet selbstreferenziell auf die Gemachtheit und das »Als-ob« des Theaters, auch wir als TheaterzuschauerInnen müssen unseren voyeuristischen Blick in die Privathäuser der StatdbewohnerInnen hinterfragen, wenn sich genau diese beim Hineinschauen zu uns gesellen. Pensottis Produktion, im vergangenen Sommer bei der Ruhrtriennale uraufgeführt, erinnert an einen Trend, der Mitte des 19. Jahrhunderts florierte, aber wegen Misserfolges schnell wieder in Vergessenheit geriet. Die sogenannte Werksiedlung ist eine Stadt, die einer Firma gehört und in der nur die Angestellten dieser Firma wohnen. Der Lebensalltag ist von den Interessen der jeweiligen Firma durchzogen und stark reglementiert. In »Diamante« muss beispielsweise jede Bewohnerin und jeder Bewohner ein Musikinstrument spielen und jeden Morgen wird gemeinsam gesportelt. Reales Vorbild für Pensottis Theaterdorf war das von Henry Ford in den 1920ern errichtete Fordlandia. Heute lebt das Modell dank Megakonzernen wie Google oder Facebook im amerikanischen Raum wieder auf, neoliberale Vorstellungen von Arbeit führen allerorts dazu, dass wir uns immer schwerer von unserer Arbeit abgrenzen können. »Diamante« nähert sich diesen Entwicklungen kritisch und lässt das Publikum an der ultimativen kapitalistischen Utopie teilnehmen, um die problematischen Auswirkungen der Verstrickung von Arbeits- und Privatleben aus der Nähe beobachten zu können. Das immersive Spektakel ist bis ins letzte Detail durchdacht und wenn sich die Theaterproduktion am Ende doppelt und wir uns plötzlich in einem Real-World-Disneyland befinden, wo gerade noch städtischer Alltag war, ist es vor allem die politische Macht der Fiktion, die sich hier offenbart.

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