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Foto von Marie Haefner
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Diedrich Diederichsen: Die Mystifikation in der Kunst

June 20, 2019
Text by Paula Thomaka
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Foto von Marie Haefner

Diedrich Diederichsen spricht mit Paula Thomaka über Charisma, das fehlende Dispositiv in der Pop-Musik und welche Probleme die Gegenwart mit sich bringt.

Die Akademie der bildenden Künste Wien ist seit mehr als 300 Jahren eine der bedeutendsten Bildungseinrichtungen für Künstlerinnen und Künstler. Mit dieser Interviewreihe gibt das PW-Magazine Einblick in die Lehre und das künstlerische Schaffen der ProfessorInnen.

Seit 2006 sind Sie Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien. Was ist für Ihre Lehre bedeutend?

Im Zentrum meiner Veranstaltungen steht die Überlegung, was Gegenwart in einer globalisierten Welt bedeutet. Sie lässt sich nicht mehr als letzte Stufe einer eurozentrisch gedachten linearen Fortschrittsgeschichte verstehen. Man muss sie in der Breite und der Gleichzeitigkeit des Globalen verstehen, was gewissermaßen eine horizontale »Geschichte« ergibt. Inwiefern ist Gegenwart, auch als Zentrum einer Disziplin, dann noch außerhalb der Geschichte zu verorten? Wird sie jeweils von bestimmten historischen Markern eingegrenzt?

Wie kann Kunst unterrichtet werden?

Das ist zum Glück nicht mein Problem, da ich das nicht tue. Aber ich habe eine Meinung dazu. Künstlerisch Lehrende erklären immer wieder gerne, Kunst könne gar nicht unterrichtet werden. KünstlerInnen können letztlich nur auf etwas hinweisen. Ein weiteres Modell ist »imitatio christi«: Wir können nur selbst als KünstlerInnen etwas vorleben, vorführen. Studierende müssen uns imitieren, folgen und am Ende umbringen. Diese Ansätze halte ich für eine Mystifikation und diese Mystifikation ist ein Problem der Kunstlehre. Sie hilft allenfalls gegen die andere, ebenfalls falsche Position, Kunst und Kunstlehre müssten unmittelbar anwendbares, nützliches Wissen hervorbringen. Kunst besteht aus diskutierbaren Positionen, aber darin geht sie nicht auf. Allerdings unterscheiden sich die künstlerisch Lehrenden in ihrer Ausrichtung massiv voneinander. Einige organisieren Theorieprogramme oder ziehen ExpertInnen hinzu, während andere auf ihr Charisma vertrauen.

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Während des Symposiums »Überlebensrate 4%« der HFBK Hamburg wurde die pessimistisch propagierte Berufsaussicht des Studiums der freien Kunst verhandelt. Sie relativieren diese Zahl.

Entwicklungen sowie Karrieren Kunststudierender sollten nicht nur unter der Maßgabe ökonomischer und symbolischer Einzelerfolge – Verkäufe, Ausstellungsbeteiligungen, Preise – beschrieben werden, sondern in der Art und Weise wie sie an der Produktion eines Milieus und dessen Ökonomie beteiligt sind. Ich habe einen gewerkschaftlichen Ansatz, aus dem hervorgeht, dass die Arbeit, die an der Entstehung eines Milieus und dessen Produktivität beteiligt ist, insgesamt als Arbeit betrachtet und honoriert werden muss. Traditionellerweise findet eine Honorierung nur in Bezug auf die Erfolge derjenigen statt, die künstlerische Objekte verkaufen. Daraus resultiert normalerweise das Ergebnis der vier Prozent.

Die Pop-Musik als Modell einer Gegenwartskultur zählt zu Ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten. Welche Schnittstellen haben bildende Kunst und Pop-Musik?

Gemeinsam haben sie heutzutage, dass nicht nur mit verschiedenen Medientraditionen gearbeitet, sondern auch von allen abstrahiert wird. Ausgangspunkt ist nicht eine medienspezifische Praxis, sondern, dass ein gewisser – nennen wir ihn ruhig: konzeptueller – Abstand zu all den medienbasierten oder über das Medium erklärten Praktiken herrscht. Aus diesem Abstand entsteht ein anderes Denken, in dem Praktiken nicht mehr von einer handwerklichen oder technischen Prägung hergeleitet werden, sondern als verschiedenartige Möglichkeiten mit allenfalls von der Medien- und Technikgeschichte herkommenden Bedeutungsspuren. Der große Unterschied ist die Distribution, es sind unterschiedliche ökonomische Modelle. In der Pop-Musik hat sich das ökonomische Modell (Massenproduktion technisch aufgezeichneter Kunst) in letzter Zeit stark verschoben, während es sich in der bildenden Kunst (Produktion von Einzelobjekten) eigentlich nicht verändert hat. Nun gibt es in vielen Bereichen, die von der Digitalisierung betroffen sind, den Versuch, das Modell der bildenden Kunst zu adaptieren und mit Verknappungen zu arbeiten.

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Foto von Marie Haefner

Dabei fällt mir das Aufgreifen von politischen Diskursen im Mainstream der Pop-Musik ein. Es stellt sich die überspitzte Frage, ob es eine Verarbeitung von Diskursen oder zeitbasiert gutes Marketing ist.

Man kann einen anderswo kursierenden Diskurs oder Begriff auf unterschiedlichste Weise bearbeiten. Es ist eine Transformation, die in jedem Fall etwas verändert. Ob diese Veränderung anregend oder langweilig sein wird, muss sich zeigen. Gerade der aktuelle Fall, dass die Vengaboys bei der Donnerstagsdemo in Wien auftreten, finde ich extrem anregend. Der klassischen Idee von politisierten KünstlerInnen, dass diese aus der ethischen Tiefe ihrer Überzeugung für etwas eintreten, wird hier sehr schön ein schnelles, situationsspezifisches Reagieren entgegengesetzt, das viel politischer ist als die innere ethische Konsistenz und biografische Logik von Mittelschichtsüberzeugungen.

Welche Rolle nehmen RezipientInnen im Versuch, Pop-Musik zu greifen und zu analysieren ein?

Aus meiner Perspektive die entscheidende. Von all diesen hybriden Formaten in der Kultur ist Pop-Musik jenes, das kein mediales Zentrum hat beziehungsweise kein privilegiertes Medium besitzt. Im Gegensatz zur bildenden Kunst existiert kein Urobjekt, auf dem alles basiert, das stark auratisiert und aufgeladen ist. Im Gegensatz zur großen Hybridkunst Kino, gibt es kein vereinheitlichendes Dispositiv. Bild, Ton, Rezeptionsort fallen in der Pop-Musik potenziell auseinander. Sie können unabhängig voneinander rezipiert werden. RezipentInnen fällt es zu, diese beiden Ebenen zusammenzubringen und Verbindungen herzustellen. Sie setzen Erfahrungen aus intimen Hörmomenten im Schlafzimmer mit öffentlichen zusammen und erst durch diese Synthesen entsteht Pop-Musik.

Was steht bei Ihnen als Nächstes an?

Bis Oktober 2019 bin ich massiv mit der Ausstellung »Liebe und Ethnologie« im Haus der Kulturen der Welt in Berlin beschäftigt. Was danach kommt, weiß ich noch nicht.

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