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Foto von Helmut Prochart

Die Vermessung des Selbst: Akemi Takeyas »ZZremix«

August 9, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Helmut Prochart

Die japanisch-österreichische Tänzerin Akemi Takeya zeigt beim diesjährigen ImPulsTanz eine Neubearbeitung ihrer 15 Jahre alten Performance »ZZ«. Dieser »Remix« aktualisiert das Ausgangsmaterial und ist eine Reflexion der eigenen künstlerischen Praxis.

Das ikonische Glas Wasser, bekannt aus »ZZ«, ist schon da, als das Publikum im Odeon Platz nimmt. In der ersten Szene der Performance erzeugt Takeya damit einen hohen, sirrenden Ton, indem sie ihren Finger am Glasrand entlang bewegt. Genauso wie im 2003 uraufgeführten »ZZ«: Der Ton bleibt im Raum hängen, auch wenn sie den Finger schon längst entfernt hat und das Glas wieder auf den Bühnenboden gestellt hat. Das Zischen wird elektronisch verstärkt und bleibt im weiteren Verlauf der Performance als Grundmotiv bestehen, wenn auch verändert und erweitert. Der Ton ist dabei mit den Bewegungen der Tänzerin verknüpft und scheint auf ihre körperliche Verfassung zu reagieren. In sechs unterschiedlichen Kurzszenen, die sehr bildlich funktionieren, spielt Takeya mit der eigenen Verfassung als Tänzerin. Mal sprintet sie an einer vorgegebenen Linie vor- und rückwärts und versucht dabei möglichst gerade zu laufen, was nie gelingt. Dann gibt sie sich abstrakten und hoch expressiven Tanzfiguren, hauptsächlich am Boden ausgeführt, hin. Später kreischt sie aus voller Kehle, um dann zu Gesang überzugehen.

Verbindendes Element aller für sich stehenden Kurzszenen ist die Atmung der Performerin. Menschliche Atemgeräusche als das kleinste Element vollkommener Stille nahm sich Takeya als Ausgangspunkt für »ZZ«. Was in der Performance von 2003 zu einem durchgehend sirrenden Ton wurde, ist in ZZremix dank der Mitwirkung von Peter Kutin und Moritz Nahold zu einer Soundlandschaft geworden, die mal nach Drone und mal nach Klaviersonate klingt, von aufbrausend bis zu meditativ wirkt. Gleich geblieben ist die tragende Lichtdramaturgie, für die Jan Wagner verantwortlich zeichnet. Takeyas Bewegungen sind klar geometrisch und Raum vermessend, geradezu tastend agiert sie im Bühnenquadrat, das genauso auch ihr Innerstes repräsentieren könnte. Um verschiedenste Winkel des Selbst auszuforschen und reflektieren zu können, wird sie dabei von Lichtimpulsen gelenkt. Das sind hell erleuchtete Linien aus Licht, die sich über den Boden ziehen oder Lichtpunkte, die als Startpunkte für Tanzfiguren fungieren. Besonders eindrücklich sind die Lichtkegel, in denen die Performerin wie in einer Erleuchtung badet.

Zwischen Sound, Licht und Körper der Performerin herrscht eine untrennbare Verbindung, wobei ein Element stets auf das andere zu reagieren scheint. So wird »ZZremix« zu einer Vermessung der Ich-Landschaft, wobei die von Takeya entwickelte Methode der Body-Voice-Performance zutragen kommt. Innere Bewegungen wie Gedanken und Emotionen werden in Kombination mit äußerer, körperlicher Bewegung zu einem sensorischen Stimmungsbild. In diesem Sinne ist »ZZremix« eine kluge Reflexion der eigenen künstlerischen Entwicklung und ein Erkunden der Grenzen der Leistungsfähigkeit.

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