pw-magazine-vienna-tania-el-khoury-gardens-speak pw-magazine-vienna-tania-el-khoury-gardens-speak
Foto von Jesse Hunniford

Die Toten flüstern aus den Gräbern: Tania El Khourys sprechende Gärten

December 15, 2019
Text by Wera Hippesroither
pw-magazine-vienna-tania-el-khoury-gardens-speak
Foto von Jesse Hunniford

Tania El Khourys Soundinstallation Gardens Speak erzählt die Oral Histories derjenigen, die anonym und heimlich in Hinterhöfen begraben liegen.

Ich spüre die feuchte, weiche Erde unter meinen Füßen, spüre, wie sie unter meinen Fingernägeln haften bleibt, während ich in ihr grabe. Ein tiefer Atemzug, mein Körper ruht auf dem Erdboden vor einem Grabstein und ich rieche die saftige, dunkle Erde, spüre, wie sie meinen Körper trägt und langsam kühlt. Ich befinde mich mitten in der Installation »Gardens Speak« von Tania El Khoury. Nach einer kurzen Einführung, dem Ablegen von Jacke, Schuhen und Socken suche ich, ausgestattet mit Taschenlampe und einer Karte mit einem Namen in arabischer Schrift, »meinen« Grabstein. Es ist sehr dunkel und da sind noch neun andere, die auch suchen. In dieser kleinen Gruppe tappen wir so lange im Grabfeld, bis jede*r vor dem stilisierten Grabstein liegt, der den Namen auf der Karte zeigt. Ich grabe mit den Händen, bis mir eine Inschrift im wahrsten Sinne des Wortes entgegenspringt: es ist ein weiches Polster, das den Namen und den Ort der letzten Ruhestätte von Ayat trägt. Erleichtert von der schweren Last der Erde, bewegt sich mir das Polster entgegen, fast schon als würde es atmen. Als ich es mir darauf bequem gemacht habe, flüstert es zu mir. Tief aus der Erde spricht Ayat. Sie erzählt ihre Geschichte, erzählt von ihrer Verwicklung in die syrische Revolution, ihren Gedanken bis hin zu ihrem Tod und Begräbnis.

El Khourys Installation lässt all diejenigen sprechen, die in irgendwelchen Hinterhöfen und Gärten beerdigt wurden und verleiht politischem Widerstand eine Stimme. Selbst den Toten gönnt das Assad-Regime keine Ruhe; Beerdigungen werden verhindert, Gräber geplündert, den Angehörigen das Trauern verwehrt. Als kleine Gruppe betreten wir bloßfüßig eine symbolische Grabstätte, um genau hinzuhören. Es sind nicht nur die realen Gedanken Verstorbener, die nahe kommen, es ist das Setting, das einem im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rückt. Die kühle Erde, das Erfahren einer »eigenen« Geschichte – alle zehn Teilnehmer*innen hören eine andere Person sprechen – und das seltsame Knistern der übergezogenen Mäntel, die wir tragen, schaffen eine Atmosphäre, die genauso andächtig wie verstörend ist. Innerhalb der ungewöhnlichen Theatersituation befolgen wir Anweisungen, bohren unsere nackten Zehen in die Erde und müssen uns im Dunkeln zurechtfinden. Noch während wir liegend lauschen, werden Blumen von außen auf uns geworfen und Gesang ertönt. Fast werden wir selbst zu Totgeglaubten und es stellt sich dieses ganz besondere Gefühl ein, das es nur im Theater geben kann: das »Wir«. Die flüsternden Toten sind es, die diese Gemeinschaft herstellen und diejenigen vereinen, die ihnen zuhören.

Doch nicht nur die Toten geben etwas an diesem Abend, auch das Publikum kann etwas hinterlassen. Nachdem die Stimmen verklungen sind, schreiben wir spontane Briefe an die verstorbene Person, der wir lauschten. Die Briefe werden am Ende des Abends eingesammelt und kommen El Khourys Arbeit »Tell Me What I Can Do« zugute, welche die seit der Uraufführung von »Gardens Speak« (2014) entstandenen Briefe für die Angehörigen der Verstorbenen zugänglich macht. Eine zweite Ebene der Vergemeinschaftung also, die durch die Installation geschaffen wird. Warum sich die Installation solch einer Beliebtheit erfreut und in zahlreichen Ländern gezeigt wird, ist unter dem Gesichtspunkt eines Verbundenheitsgefühls, das weit über Grenzen hinauswirkt und einen fernen Krieg als individuelle Oral Histories erfahrbar macht, nachvollziehbar.

Next article

kunsthalle-wien-time-is-thirsty-exhibition-luca-lo-pinto-review
Ausstellungsansicht, Time Is Thirsty, Kunsthalle Wien, 2019. Foto von Kunsthalle Wien: Willem de Rooij, Tracksuits, Size XL, 2015, Courtesy der Künstler und Galerie Daniel Buchholz, Berlin/Köln/New York

Spurensicherung der Gegenwart in der Vergangenheit

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.