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Sylvia Palacios Whitman »Green Hands and Other Performances«, Kunsthalle Wien in Kooperation mit Burgtheater, 2019, Foto von David Avazzadeh
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Sylvia Palacios Whitman »Green Hands and Other Performances«, Kunsthalle Wien in Kooperation mit Burgtheater, 2019, Foto von David Avazzadeh

Die Poetik des Alltags: Sylvia Palacios Whitman

November 24, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Sylvia Palacios Whitman »Green Hands and Other Performances«, Kunsthalle Wien in Kooperation mit Burgtheater, 2019, Foto von David Avazzadeh

Die neue Kunsthalle Wien-Direktion lud die Performancekünstlerin Sylvia Palacios Whitman nach Wien, wo sie ihre ikonischen Klassiker und eine neue Performance im Kasino am Schwarzenbergplatz zeigte. »Green Hands and Other Performances« demonstrierten Palacios Whitmans einzigartigen kindlichen Humor und ihren spielerischen Blick auf den Alltag.

Der buschige Fuchsschwanz wippt auf und ab, als Palacios Whitman den Raum betritt. Sie geht langsam, ihre Kleidung ist zurückhaltend, der Blick stoisch und in den Händen hält sie eine Kaffeetasse. Wie einen Hund an der Leine zieht sie die die rauchende Tasse hinter sich her, bevor sie den Raum wieder verlässt. Kommentarlos und ohne musikalische Begleitung. Bald kommen die berühmten grünen Hände zum Einsatz. Mit derselben stoischen Miene betritt sie die Bühne, geht auf und ab, erkundet den Raum, patscht mit den riesigen Händen gegen die Rückwand der Bühne. Wieder bleibt es still, ihr Gesichtsausdruck verändert sich nie. Die Saaltür muss ihr für den Bühnenabgang geöffnet werden, die enormen Hände können die Klinke nicht fassen.

Palacios Whitman vereint simple Materialien wie Papier und Schnur mit einem einzigartigen Sinn für Humor, um Performances zu schaffen, die einen alternativen, kindhaften Blick auf den Alltag richten. Dabei benötigt sie weder eindrucksvollen Sound noch große Worte. Eine Kaffeetasse hatte schließlich schon jede*r von uns in der Hand.

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Sylvia Palacios Whitman »Green Hands and Other Performances«, Kunsthalle Wien in Kooperation mit Burgtheater, 2019, Foto von David Avazzadeh

Viele kennen wohl auch das Spiel aus der Kindheit, bei dem ein Faden zwischen den Fingern gewoben wird, um Figuren entstehen zu lassen. Für die Performance »Cat’s Cradle« (1975) – so heißt das Spiel auf Englisch – setzt Palacios Whitman statt Fingern Performerinnen ein, die lebensgroße Figuren weben. In »Human Paper Coil« (1973) ist es einfaches braunes Packpapier, in das sich eine Performerin auf eindrucksvolle Weise einwickelt. Drei ihrer Arbeiten wie das oben beschriebene »Cup and Tail« und »Green Hands« aus den 70ern werden an diesem Abend performt, weitere werden per Videodokumentation vorgestellt. »Visit to the Monkey and other Childhood Stories« (2019) spannt den Bogen ins Heute, die Arbeit feierte erst vor drei Wochen in New York Premiere. Anhand von Zeichnungen und Malereien erläutert die Performerin absurde, dramatische und schöne Geschichten aus ihrer Kindheit in Chile und beweist einmal mehr, mit wie viel Humor sie dem Alltag begegnet.

Gefolgt von einem Gespräch mit der Kuratorin Isabella Maidment bietet »Green Hands and Other Performances« einen komplexen Einblick in das Schaffen der Künstlerin, die ihre Praxis in den 80ern eingestellt hat, und seit 2013 wieder vereinzelt auftritt. Ihre ikonischen Performances, die zu den ersten ihrer Art zählen, entstanden im New Yorker Umfeld der Happening- und Tanzszene. Zu ihren Freund*innen zählten Künstler*innen wie Trisha Brown, Allan Kaprow und Red Grooms, verheiratet ist sie mit Robert Whitman. Was für Palacios Whitman damals selbstverständlich war, wird heute als feministische und radikale Kunst wiederentdeckt, sowohl das Whitney Museum in New York als auch das Hammer Museum in Los Angeles widmeten ihr Schwerpunkte. Die Künstler*innen dieser experimentellen New Yorker Szene etablierten den Körper als Material und bezogen ihn auf unterschiedliche Weise in die künstlerische Praxis ein. Was für ein heutiges Publikum selbstverständlich ist, nahm hier seinen Anfang.

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