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Foto von Nora Hollstein
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Foto von Lucie Marsmann
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Foto von Lucie Marsmann

Das Kollektiv SEXES oder How to Become Hybrid?

November 2, 2019
Text by Lewon Heublein
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Foto von Nora Hollstein

SEXES veröffentlicht elektronische Musik und Textbeiträge, veranstaltet Symposien oder kreiert ortsspezifische Installationen, welche die Beziehungen zwischen Materie, Identität und Macht ausloten. Ein Gespräch über Mikroben, Clubkultur und Hybridität als Praxis.

Mit der Installation »Convolution« für die diesjährige Ausgabe des Balance Festivals in Leipzig hat SEXES einen begehbaren Raumkörper entworfen, in dem biologisches und synthetisches Leben miteinander verwachsen sind.

»Wir wollten, dass unsere Installation eine eigene Stimme hat, mit den Körpern der Begeher*innen kommuniziert.« Entstanden ist ein technologisches Biotop, das zur Festival-Plattform für Performances, Workshops, Diskussionen (u.a. mit Juliana Huxtable, rkss oder Bogomir Doringer) und Smartphone-Ladestation wurde. »Menschen sind irgendwie immer erleichtert, wenn sie ihr Smartphone aufladen können.« Eine einfach zu triggernde Emotion. Neben Kontaktlinsen oder Brillen ist das Smartphone eines der prägendsten technologischen Objekte, das den menschlichen Körper permanent beeinflusst. »Aber es sind eben nicht nur die artifiziellen Kompetenten, die uns zu etwas anderem als einem singulären humanen Wesen machen – wenn sowas überhaupt existiert –, sondern auch die lebenden Agenten in unseren Körpern. Mikroben, die unsere Darmflora bevölkern, können beeinflussen, worauf man Hunger hat oder die Stimmung verändern.«

Do you consider the microbiome as part of your body? It should make up approximately five kilograms of what you consider your body weight. The DNA in your cells is only 1% of the DNA you carry around.

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Foto von Lucie Marsmann

So ertönt bei der Eröffnungsperformance von SEXES beim Balance Festival eine computergenerierte Stimme, während ein grüner Laser, befestigt an einer Pilz-Stein-Synthesis, durch den nebelgefüllten Raum rastlos die Körper der Tänzer*innen abtastet. Neben den selbstgezüchteten Pilzen versammeln die Steinbrocken auch eingelassene Screens oder montierte QR-Codes, die zu einem schleimigen Facefilter verlinkt sind. Die Binarität von Natur und Kultur ist hier bereits verwest und hat Platz geschaffen für ein mutiertes Ökosystem, in dem es keine Grenzen mehr zwischen den verschiedenen Entitäten zu geben scheint.

»Der Cyborg hat oft diese Konnotation der Selbstoptimierung, was eigentlich nicht sonderlich interessant ist.« »Ich kann mich allerdings mit Donna Haraways’ Konzept anfreunden. Das erste Lesen hat damals meine eigene Körperwahrnehmung stark beeinflusst.« »Unsere Haut ist ja auch keine geschlossene Oberfläche, sondern offen und porös.« »Die westliche Wissenschaft tendiert dazu, Objekten einen abgeschlossenen Status zuzuschreiben. Ein Blick in die Natur zeigt, dass so etwas eigentlich nirgends der Fall ist. Es geht mehr um interconnectivity

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Foto von Lucie Marsmann

What about mushrooms? If you were healthy you would be covered in them right now. They are some of the oldest, biggest and most distributing living organisms of the world. Forming fast networks that strongly remind of nervous systems. A bit like the internet.

»Wir stehen den Konzepten von Repräsentation, Natürlichkeit und Ursprung sehr kritisch gegenüber. Wenn man etwas repräsentiert, zerfällt es innerhalb von Millisekunden. Deshalb gibt es auch kein richtiges Gegenteil davon. It’s a trap! Identitäten sind immer eine Assemblage.« »Wir müssen in einem größeren Kontext analysieren, wie unsere Identitäten konstruiert sind und wie emotionaler Status, kultureller Druck und organisches Gleichgewicht zusammenpassen und sich gegenseitig beeinflussen.«

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Foto von Lucie Marsmann

If you have a vision of how life can be better for everyone, start living it. Little by little.

Hybridität ist der KeyGen zu SEXES’ Systematik. Wie lässt sich das Dazwischen sichtbar bzw. erfahrbar machen? Wo endet die post-koloniale kulturelle Ausbeutung und wo kann die gegenseitige kulturelle Bereicherung beginnen?

Der Fragestellung, ob es einen authentischen Exotismus geben kann, der nicht über andere urteilt, sondern das eigene Denken transformiert anstatt kulturelle Unterschiede auszubeuten oder zu fetischisieren und somit den problematischen Begriff positiv umdeutet, widmet sich auch die erste Veröffentlichung auf ihrem Musiklabel: Die EP Authentic Exoticism von Don’t DJ, deren Kompositionen auf einer verspult-meditativen Polyrhythmik basieren.

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Foto von Lucie Marsmann

Ausgehend von der Debatte um Aneignung von Sounds, die in der westlichen Zivilisation als foreign wahrgenommen werden, veranstaltete das Kollektiv im Studio For Artistic Research Düsseldorf das 1-Tages-Symposium »HYBRIDIZATION«, in dem die Theorie Homi K. Bhabhas auf die der Clubkultur trifft.

»Die Möglichkeiten, die die experimentelle Clubszene manchmal bietet, ist die eines sozialen Kontexts, in dem die Menschen einen offeneren Ansatz zueinander und eine höhere Reizschwelle haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, aber es ist möglich eine Sehnsucht nach einer kollektiven Erfahrung, oder realistischer gesagt, eine geringere Konzentration auf den individuellen Gewinn, zu finden.«

Aber auch die sozio-ökonomischen Fragestellungen von Clubkultur spiegeln sich Theoriefeld von SEXES wider. Ist der Clubtourismus wie beispielsweise in Berlin eine artifizielle Generierung von Authentizität?

»Für Leute, die nicht permanent die Möglichkeit haben, auszugehen, ist diese Institutionalisierung von Clubkultur, die man in Berlin beobachten kann, aber auch eine Form von Befreiung. Vermutlich, da vermehrt Kapital in diese Kultur fließt und somit ein neues Standing erreicht wurde. Auf der einen Seite ist das natürlich eine Form von Ausverkauf, auf der andere Seite wird es so überhaupt erst möglich, dass Leute, die sonst höhere Hemmschwellen hätten, bestimmte Erfahrungen machen.«

»Es wird gerade viel darüber diskutiert in wie weit sich subculture in consum-culture verwandelt. Aber die Frage ist ja: Gibt es eine Kultur, die nicht kapitalisiert werden kann?« Feiern sei zu einer Metapher für Freiheit geworden, die aber eigentlich gar nicht existiert. »It’s city marketing.« »Es gibt dort – auch in der experimentellen Clubkultur – Regeln, Hierarchie und Tabus, über die selten gesprochen wird.«

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Foto von Lucie Marsmann

Wenn SEXES über ihre internen Diskussionen über Clubkultur und ihre eigene Feiersozialisation – illegale Raves am Schweizer Land, Punkjugend oder das Privileg in Berlin aufzuwachsen, – reflektieren, klingt statt Kulturpessimismus eine nicht zu sättigende Neugier nach den rituellen Aspekten des Ausgehens durch.

»Wenn an einem Clubabend oder einer Festivalnacht alles richtig gelaufen ist und es diese euphorischen Umstände des Kollektiven gibt, dann teilst du diesen Augenblick mit den anderen. In solchen Momenten schimmert eine gedimmte Vision einer Utopie durch.« »Es kann das Gefühl aufsteigen, dass es nicht um eine*n selbst geht. Ein Teil einer Menschenmenge zu sein, sich darin aufzulösen, das ist ein sehr rarer und gleichzeitig aufregender Moment.«

In der Erzeugung des Spannungsverhältnissens zwischen Ekstase und Regulierung, Macht und Identität machen SEXES‘ Installationen diese postutopischen Sehnsuchtsorte transparent. Durch seine Aufweichung der Grenzen zwischen apolitischem Eskapismus und Rebellion verwandelt sich auch der Clubraum in ein »Convolution«-Biotop für gesellschaftliche, wie individuelle Selbsterforschung und sublime Konfrontation.

»Die Leute, die von sich behaupten, besonders politisch zu sein, sind oft von dem Konzept der Repräsentation besessen. Es wird dann problematisch, wenn kein Raum mehr für Experimente oder andere Formen gegeben wird. Menschen urteilen so schnell nach den Oberflächen, während sie auf der einen Seite dieses freie, autonome Selbstbildnis haben und auf der anderen Seite die ganze Zeit dieselben Bilder kopieren. Deshalb ist es so wichtig, hybride Formate zu finden, die eine*n selbst überraschen, um nicht in diese Falle der Repräsentation zu tappen. So ist es möglich, eine visuelle Form zu kreieren, die normalweise in diesem Umfeld so nicht stattfindet. In der Möglichkeit, Themen immer anders zu adressieren, liegt für uns auch das Potential von SEXES als Kollektiv.«

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Photo by Lois Cohen

LYZZA: »I Want the Table to Burn, Have the Phoenix Rise«

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