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Courtesy von Kunstverein Hannover e.V.
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Foto von Komfar Sengmueller

Das Cyborg-Ich aus der Maschine: Granular Synthesis‘ »Modell 5«

July 26, 2019
Text by Wera Hippesroither
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Courtesy von Kunstverein Hannover e.V.

ImPulsTanz zeigt mit Modell 5 eine 25 Jahre alte Medieninstallation, die nichts an Aktualität eingebüßt hat und eine digitale Fratze offenbart. Kurt Hentschläger und Ulf Langheinrichs Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer technologisierten Umwelt und stellt das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine in Frage.

Im Odeon Theater erwartet die BesucherInnen eine riesige, leere Leinwand, die so nah den Sitzreihen positioniert ist, dass sie wie eine erdrückende Mauer wirkt. Darauf erscheinen vier identische, überdimensionierte Gesichter nebeneinander, die uns frontal anblicken. Aus dem beeindruckenden Soundsystem erklingt Drone, das sich zu immer höheren Tempi und Lautstärken steigert, aber auch gemäßigte, ausharrende Momente hat.

Der Sound ist stets mit der bildlichen Ebene verknüpft. Wird der Ton schneller oder langsamer, wird es auch das Bild: Da wird das Gesicht – übrigens das der Tänzerin Akemi Takeya – mal seitlich verzerrt, mal der Kopf ruckartig nach hinten geworfen oder die Augen langsam nach rechts gedreht. Es sind minimalste Regungen menschlicher Mimik, die hier auf der Leinwand vergrößert und verfremdet werden. Takeyas Kopf bewegt sich immer schneller rauf und runter, sie wirft den Kopf weit nach hinten, der Mund steht halb offen, die Augen sind wie vor Anstrengung zusammengekniffen. Die Bewegungen sind mitunter so schnell, dass das Bild verzerrt wird und die Zähne im geöffneten Mund aufblitzen: Das beschleunigte Gesicht wird zu einer Fratze.

Granular Synthesis, eine Technik aus der elektronischen Musikproduktion, ist der Künstlername, den Kurt Hentschläger und Ulf Langheinrich für ihre Zusammenarbeit bis 2003 gewählt haben. Bei der Granularsynthese wird vorhandenes Material in seine kleinstmöglichen Einzelteile – die sogenannten Grains – zerlegt und neu zusammengesetzt. Das Resultat der Synthese ist kein stabiler Ton, sondern ein höchst artifizieller Klang, der sich mehrdimensional, wie ein Klangraum verhält. Hentschläger und Langheinrich experimentierten in den 90ern mit der Übertragbarkeit dieser Technik. Die Granularsynthese wird in »Modell 5« auf analoge Weise auf das Bildmaterial angewendet – in diesem Fall eine vier Minuten lange Aufnahme einer Performance Takeyas. Um aus diesen vier Minuten eine exakt 44-minütige Installation zu generieren, wird das Bildmaterial in winzige Einzelteile zerlegt. Kleinste Augenblicke menschlicher Mimik werden aus ihrem Kontext gerissen und formen durch die technische Bearbeitung eine vollkommen neue Erzählung: laut Selbstbeschreibung der Künstler »ein Chor geklonter Cyborgs«.

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Foto von Komfar Sengmueller

Die angewandte Granularsynthese löst in »Modell 5« ein menschliches Abbild nicht nur vollkommen auf, sondern lässt eine maschinell generierte Ästhetik entstehen, die Emotionen und menschlichen Ausdruck künstlich erzeugt. Das von der Technik zerfetzte Gesicht scheint von großer Belastung gezeichnet, es zerfranst und wirkt schmerzhaft verzerrt. So sehr, dass 1995 in einer Kritik zur Aufführung im MAK von »machine pain« zu lesen ist. Was sich hier auf der Leinwand offenbart, sind nicht Takeyas eigene Gefühlsausbrüche, sondern ein neues Gesicht, ein technisierter Avatar, der sich durch absolute Künstlichkeit auszeichnet. Die Trennung zwischen Mensch und Maschine wird aufgehoben und ein neues Ich entsteht: eine maximal artifizielle Identität.

»Modell 5« wurde 1994 in London uraufgeführt, zu einer Zeit, als die technischen Entwicklungen, die unser tägliches Leben heute prägen, noch in den Kinderschuhen steckten. Die aufgegriffenen Themenkomplexe sind heute aktueller denn je und in der Debatte um das optimierte Selbst sogar noch verschärft. Granular Synthesis‘ Arbeit stellt menschliche Emotionen und leibliche Zerbrechlichkeit in den Fokus, um diese in einer durchaus dystopischen Weise maschinell zu verarbeiten; führt die angewandte Granularsynthese doch zu einer mehr und mehr zersetzten Fratze, die jeglicher Menschlichkeit entbehrt.

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