pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner
pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner
pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner
pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner
pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Christian Kosmas Mayer: »Der ganze Körper wird in dieser Ausstellung aktiviert«

May 10, 2019
Text by Christian Glatz
pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Christian Kosmas Mayer denkt in seiner Ausstellung Aeviternity im mumok über eine Menschheit nach, die bisher festgelegte Zeitvorstellungen infrage stellt und auszudehnen beginnt.

Der in Wien lebende Künstler Christian Kosmas Mayer erforscht in seinen Projekten unsere kulturelle Beziehung zu Erinnerung, Bewahrung und Wiederentdeckung. Die Einzelausstellung »Aeviternity« im mumok lässt die BesucherInnen in ein assoziatives Geflecht aus historischen und wissenschaftlichen Kuriositäten eintauchen und offenbart, wie sich das Verständnis von Leben und Tod verändert. Ein Interview von Christian Glatz.

Was hat dich an der Architektur des mumok so fasziniert, dass du sie zu einem Ausgangspunkt deiner Ausstellung gemacht hast?

Das mumok erweckt von außen den Eindruck eines Steinmonoliths. Wenn man das Museum dann betritt, den dunklen Basaltlavastein an den Wänden und das in die Tiefe stoßende Atrium sieht, denkt man auch unweigerlich an ein Bergwerk. Der Raum für meine Ausstellung befindet sich bereits unter der Erde und verstärkt diese Assoziation noch.

Für viele dort ausstellende KünstlerInnen ist es ein Problem, dass dieses Museum eine solch aufdringliche Charakteristik besitzt. Ich wollte aber genau das nutzen. Man sollte das Gefühl bekommen, dass das mumok genauso sein muss wie es ist, damit es zur Ausstellung passt und umgekehrt. Daraus entstand die Grundthematik der ganzen Ausstellung: unterirdische Räume und deren Bedeutung als konservierende, über die Zeit bewahrende Speicher.

Ein tatsächliches Bergwerk taucht in deiner Fotocollage auf, die sich mit dem versteinerten Bergmann beschäftigt.

Die Minen von Falun in Schweden waren die größten Kupferminen der damaligen Welt. Ein junger Bergmann war 1677 darin tödlich verunglückt und wurde erst 50 Jahre später zufällig aufgefunden. Sein Körper und seine Kleidung waren absolut unversehrt, was an den Kupfersalzen lag, die in dem Wasser gelöst waren, in dem er all die Zeit gelegen hatte. Damals war dieses Wissen allerdings noch nicht gängig und so glaubte man eher an ein Wunder. Als er an die Oberfläche gebracht wurde erstarrte sein Körper zu Stein, was ihm den Beinamen »versteinerter Bergmann« gab. Es war eine alte Frau die ihn schließlich als ihren verschütteten Verlobten identifizierte, und diese Anekdote verlieh der Geschichte etwas Poetisches. 100 Jahre später wurde sie dann auch mehrfach von bedeutenden deutschen Romantikern wie E.T.A. Hoffmann oder Achim von Arnim verarbeitet die fasziniert waren von der Thematik zwischen Leben und Tod, Jugend und Alter, und der Bedeutung der Liebe in diesem unerwarteten Wiedersehen. Dieser Moment interessiert mich, wenn Wissenschaft sich mit Poesie verbindet, wenn die tiefen, unterbewussten menschlichen Begehren sich mit den objektiveren Bereichen des Wissens mischen.

pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Wie passt dazu dein Ausstellungstitel »Aeviternity«?

Der Begriff »Aevum«, der später als »Aeviternity« ins englische eingegliedert wurde, ist ursprünglich aus einer gedanklichen Notlage entstanden: In der Scholastik wurde darüber nachgedacht, welche Zeitlichkeit solche Wesen wie Engel und Heilige sich teilen könnten, die weder unserer begrenzten menschlichen Zeitlichkeit, noch der einzigartigen Unendlichkeit Gottes entsprechen darf. Man hat sich mit der Zwischenzeitlichkeit Aevum beholfen, die unsere endliche Zeitwahrnehmung in einen erweiterten Zeitbegriff hinein ausdehnt und diese Thematik findet man auch in den Arbeiten der Ausstellung.

Was mich in dem Zusammenhang beschäftigt, sind die neuen Möglichkeiten der Menschheit unsere Zeitlichkeit in Bereiche auszudehnen, die früher nicht zugänglich waren. Dass man das eigene menschliche Leben in dieser Endlichkeit nicht mehr einfach so akzeptiert, sondern über Möglichkeiten einer zeitlichen Ausdehnung nachdenkt und forscht.

Das Konservieren des menschlichen Geistes in der Cloud?

Dass es kommen wird, steht für mich außer Frage. Die Frage ist im Grunde nur noch: Wie wird das Ganze gesteuert? Von wem wird das archiviert werden und wer hat Zugriff darauf? Und ganz entscheidend: wie viel von der Persönlichkeit oder von dem, was manche vielleicht als Seele bezeichnen, ist wirklich in diesen Daten enthalten, die in die Cloud hochgeladen werden? Es ist ein Experiment, das die Menschheit wahrscheinlich eingehen wird, aber der Ausgang bleibt ungewiss.

Ebenso spannend sind die Versuche das biologische Leben zu verlängern oder bereits ausgestorbenes Leben wiederzubeleben. Mammuts werden dank neuester Gentechnik wahrscheinlich bald wieder Teil unserer lebendigen Welt werden, Menschen lassen sich nach ihrem Tod einfrieren in der Hoffnung auf ein weiteres Leben in der Zukunft, und so weiter. Da befinden wir uns an einem faszinierenden und gleichzeitig beängstigenden Punkt in der Menschheitsgeschichte: wieviel von dem, was bald möglich sein wird, wollen wir tatsächlich auch Realität werden lassen? Und wie würde all das unser ethisches, philosophisches oder auch religiöses Grundverständnis verändern?

pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Nach 32.000 Jahren Lagerung im Permafrost erfolgreich wiederbelebt wurden die eiszeitlichen Samen, die du in fünf säulenartigen Vitrinen zeigst.

Diese Samen sind die mit Abstand ältesten Samen, die je wiederbelebt werden konnten. Man kann diese Pflanzen nun einfach als ein lebendiges Wesen unter vielen betrachten, man kann sie aber auch als Sinnbild ansehen für eine Zeit, in der der Mensch beginnt bisher festgelegte Zeitbegriffe oder Zeitvorstellungen infrage zu stellen und auszudehnen. Die Evolution hat die Pflanzen derselben Gattung in den letzten 32.000 Jahren so verändert, dass die Pflanze, wie sie jetzt in der Ausstellung zu sehen ist, in der heutigen Natur nicht mehr zu finden ist. Man wird hier unweigerlich an Jurassic Park oder andere Sci-Fi Geschichten erinnert in denen längst ausgestorbenes wiederbelebt wird.

Die Pflanze ist im Grunde das verbindende Element, welche die verschiedenen Narrationen der Ausstellung in einer Form zusammenhält und ihnen eine Lebendigkeit verleiht.

Während die Industrie immer digitaler und die Grenzen zwischen unserer Realität und der virtuellen Welt zu verschwimmen beginnen, hat materielle Kunst Konjunktur.

Als ich Ende der 90er Jahre angefangen habe Kunst zu studieren, waren einige MitstudentInnen davon überzeugt, dass man 15 Jahre später nur noch digitale Kunst sehen wird und dass das, was man als materielle Kunst bezeichnet hat, einfach nicht mehr produziert werden wird.

Stattdessen kam das Material total zurück und es gibt gute Gründe dafür: In einer Zeit, in der alles virtuell und digital wird, ist es besonders anziehend, den eigenen Körper in einem Raum mit etwas Materiellen in Verbindung zu bringen.

pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Diese Begegnung spielt auch in deiner Ausstellung eine große Rolle.

Die Ausstellung ist sehr installativ angelegt, es werden darin verschiedenste Sinne angesprochen: man bewegt sich zwischen den Pflänzchen, denen man beim Wachsen zusehen kann, diesem rosa LED-Licht, das die visuelle Wahrnehmung durcheinanderbringt, und der plätschernden und Feuchtigkeit spendenden Quelle. Der ganze Körper wird in dieser Ausstellung aktiviert.

Warum hast du diese physische Erfahrung deiner Ausstellung mit Texten auf den Säulen erweitert?

Ich wollte eine Situation erschaffen in der man sich ständig zwischen dem Gefühl, diesen lebendigen Objekten gegenüber zu stehen, und der verstandesmäßigen Verarbeitung der informativen Narrationen hin und her bewegt. Nach jedem dieser kurzen Texte schaut man mit anderen Augen auf die Pflänzchen. Diese Geschichten, die alle mit der Pflanze in Beziehung stehen, gehen ein Geflecht miteinander ein und beginnen in den Zwischenräumen etwas aufzudecken und zur Erscheinung zu bringen, was sonst nicht da wäre.

Mich interessiert dabei, wie man Narrationen mit einer körperlich spürbaren oder in einem Raum inszenierbaren Materialität in Verbindung bringen kann. Das kann kein Film und keine Literatur leisten. Dafür braucht es die Kunst.

pw-magazine-vienna-christian-kosmas-mayer-mumok-museum
Christian Kosmas Mayer. Aeviternity, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 23. Februar bis 16. Juni 2019. Foto von Marie Haefner

Wie verändert sich das Wesen der Plüschtiere, die du in deiner künstlichen Versteinerungsquelle versintern lässt?

Die Plüschtiere werden durch das extrem mineralienreiche Wasser, das über sie tropft, langsam mit einer Kalksteinschicht überzogen. Diese Tiere sind ja eine kulturelle Appropriation und Repräsentation von Natur, und sie bekommen nun durch einen natürlichen Prozess eine natürliche Schicht überzogen. Gleichzeitig wird etwas sehr Weiches in etwas Hartes überführt. Je länger sie in der Quelle bleiben, desto unkenntlicher wird ihre Form, desto mehr wird das Objekt dem Vergessen zugeführt.

Versteinerung identifizieren wir allgemein mit Konservierung und Schutz. Auf der anderen Seite ist Versteinern natürlich auch immer ein absterben, ein in der Form erstarrt sein. Es lässt sehr viele Denkarten zu: Wird da jetzt etwas über die Endlichkeit hinaus beschützt? Oder wird es dem Leben entzogen? Man kann es so oder so betrachten oder beides zugleich.

Ein Gedankenspiel: Wenn du die Wahl hättest, welche deiner Hinterlassenschaften von ArchäologInnen der Zukunft ausgegraben werden, welche wären das?

Ich fände es schon spannend, wenn die ArchäologInnen der Zukunft meine versteinerten Plüschtiere finden und sich fragen würden, was das für komische Objekte sind und welchen Zweck sie einst erfüllten.

Next article

pw-magazine-susanne-kennedy-coming-society-volksbuehne-berlin
Foto von Julian Roeder

Susanne Kennedy & Markus Selg »Coming Society«: Tiefer als der Tag gedacht

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.