pw-magazine-vienna-wien-tanzquartier-tqw-performance-juraak-bailey pw-magazine-vienna-wien-tanzquartier-tqw-performance-juraak-bailey
Foto von Juurak & Bailey

BYOB: Bring your own Baby – ins Theater

March 5, 2019
Text by Wera Hippesroither
pw-magazine-vienna-wien-tanzquartier-tqw-performance-juraak-bailey
Foto von Juurak & Bailey

»Codomestication«, die neue Produktion der jungen Eltern Krõõt Juurak und Alex Bailey im Wiener Tanzquartier beschäftigt sich mit der Frage, wie sich der Beruf als PerformerInnen und das Elterndasein vereinbaren lassen. Die Lösung? Sie nehmen ihren Sohn einfach mit auf die Bühne.

Der einjährige Albert schaut noch etwas verschlafen aus der Wäsche, als er gemeinsam mit seinen Eltern seinen Platz auf der Bühne einnimmt. Die Bühne ist so gut wie leer, doch das wird sich schnell ändern. Bald krabbelt ein Baby aus dem Publikumsraum auf die Bühne, direkt auf Albert zu, doch als die beiden Babys nur noch wenige Meter trennen, überlegt es es sich anders und kehrt um. Das war erst der Anfang: nun gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Kinder stürmen die Bühne, Spielzeug wird entdeckt und ausgepackt. Da gibt es eine überaus beliebte Spielküche, ein Mini-Dreirad, diese bunten Bodenpuzzlestücke und eine Lichtorgel. Sobald das erste Kind den Zusammenhang der Lichtorgel mit der Beleuchtung im gesamten Raum erkannt hat, mutiert diese zum Spielzeug und die Kinder finden abwechselnd Begeisterung daran, den Publikumsraum hell zu erleuchten, bunte Spots auf die Bühnenmitte zu werfen oder gar Disco zu spielen. Es ist ein wildes Gewimmel, die Geräuschkulisse wird von schreienden und spielenden Kindern dominiert und der Bühnenraum ist gefüllt von Spielsachen und Kindern unterschiedlicher Altersstufen.

Das Chaos ist schnell ausgebrochen und Söhnchen Albert mittendrin, doch Juurak und Bailey bleiben ruhig. Die kindliche Einnahme der Bühne ist nämlich durchaus gewollt, denn Baby Albert fungiert hier als Ko-Regisseur. »Codomestication« ist ein Performance-Projekt über Arbeitsbedingungen von Kunstschaffenden, die sich zunehmend verändern, wenn eine Familie gegründet wird. Was passiert, wenn eine junge Tänzerin oder Performerin schwanger wird? Wie gestaltet sich der Familienalltag, wenn die berufliche Routine aus zahlreichen Reisen und unregelmäßigen Arbeitszeiten besteht? Wer kümmert sich um den Nachwuchs, wenn abendliche Spieltermine eingehalten werden müssen? Juurak und Bailey lösen das Problem, indem sie ihren Sohn einfach mit ins Theater bringen und als kreativen Part miteinbeziehen. Was im Verlauf von »Codomestication« passiert, ist offengelassen und hauptsächlich von Alberts unberechenbarer Neugier getragen. So ist der Spieltermin an einem Sonntagnachmittag familienfreundlich gewählt, das Publikum besteht zu einem großen Teil aus Eltern, die ihre Kinder mitbringen und diese sind dann auch dezidiert dazu eingeladen, teilzunehmen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.

Spannend wird es dann, wenn der Bühnenraum aus einer kindlichen Perspektive erforscht wird. Da wird etwa versucht, hinter die Abdeckung der Brandmauer zu sehen oder das Publikum in helles Licht getaucht. Zwischendurch nehmen die PerformerInnen selbst auch mal Platz in den Sitzreihen und werfen einen Blick auf das Geschehen. Die kindliche Neugier wirkt hier dekonstruierend und befragt nicht nur Produktionsbedingungen, sondern auch die Rahmung Theater an sich. Baby Albert wird hier zu einem aktiv schöpferischen Part und Ideengeber. Juurak und Bailey reagieren so auf ihre neuen Arbeitsbedingungen, denen sie sich als PerformerInnen und Eltern stellen müssen. Das kreative Schaffenspotenzial ihres eigenen Nachwuchses genauso wie das eines jungen Publikums zu erkennen und künstlerisch zu nutzen, ist dabei eine viel treffsichere Reflexion über diese schwierige Situation, als es jede Diskussionsrunde zum Thema sein könnte.

Next article

pw-magazine-vienna-annamelina-melina-northern-electronics-music
Photo by Jonas Rönnberg

AnnaMelina: Ceremonial Soundscapes

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.