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Vrinda Jelinek, Model: Runa Hansen, Make-Up: Nina Borde
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das erschöpfte Selbst BK, 2019
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Exkursion Transsibirische Eisenbahn, April 2019, Fotos: Sophie Vitovec, Florian Berger

Angewandte Festival: »Öffnen ist nicht nur Thema, sondern auch Methode«

June 19, 2019
Text by Christian Glatz
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Vrinda Jelinek, Model: Runa Hansen, Make-Up: Nina Borde

Die Angewandte bietet mit ihrer erneuerten Jahresabschlussschau Angewandte Festival eine Plattform zum Überdenken klassischer Ausstellungssettings. PW-Magazine sprach mit dem kuratorischen Team bestehend aus Lena Kohlmayr mit Elisabeth Falkensteiner und Martina Schöggl.

Warum hat sich die Angewandte dafür entschieden das Konzept der Jahresabschlussausstellung zu erneuern und sich von »The Essence« zu verabschieden?

Lena Kohlmayr: Ein wichtiger Grund sind die neuen bzw. sanierten Gebäude. So eine neue Situation schreit nach Veränderung und neuen Formaten. Die Angewandte will einerseits ausprobieren, wie eine Ausstellung in der neuen Raumsituation funktionieren kann.

Elisabeth Falkensteiner: Außerdem steht die Angewandte für interdisziplinäres Arbeiten um kreative Lösungsansätze für gesellschaftspolitische Fragen mittels Kunst und Forschung zu finden. Wir wollen künstlerische wie sozial-politische Diskurse vorantreiben, dazu braucht es ein Umdenken von klassischen Ausstellungssettings hin zu offeneren Formen und das Angewandte Festival soll dafür eine Plattform sein.

Martina Schöggl: Gleichzeitig geht es auch darum nach zeitgemäßen Formen der Präsentation zu suchen. Prozesshafter, ephemerer, denn nicht alles passt in einen White Cube! Es ist jedenfalls ein Experiment. Wir werden sehen, was gelingt, was besser geht, und im nächsten Jahr daraus lernen.

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das erschöpfte Selbst BK, 2019

Der Oskar-Kokoschka-Platz nimmt in eurem Konzept gleich mehrere Rollen ein: Bühne, Spielplatz, Podium, Spielplatz etc. Was für ein Programm ist dort konkret geplant?

Lena Kohlmayr: Vorplätze von Universitäten haben historisch gesehen eine wichtige, nicht zuletzt politische Rolle. Auch in der Verbindung der beiden Gebäude der Angewandten, bekommt der Oskar-Kokoschka-Platz eine neue Funktion. Mit diesen Vorbedingungen zu spielen, den Raum bewusst temporär einzunehmen und zu öffnen sind die Hauptanliegen des Programms.

Martina Schöggl: Genau, denn in erster Linie ist das Programm ein kollaborativ erarbeitetes. Das vorrangigste Ziel war es, möglichst viele Leute in die Programmierung mit einzubeziehen. Alumni, Studierende, Mitarbeiterinnen, Lehrende – das merkt man auch an der Vielstimmigkeit und Vielfalt des Programms.

Elisabeth Falkensteiner: Neben den Ausstellungen wird es Performances geben, Präsentationen, Interventionen, beispielsweise gibt es ein Tischtennis-Turnier „mit Hürden“ oder einen Workshop zur Herstellung von Zines. Es soll aber auch ein Platz zum Zusammenkommen und Reden sein. Dazu gehört auch Essen und Trinken.

Lena Kohlmayr: Und Disco, weil auf der Straße tanzen auch wichtig ist.

Wie ermöglicht man, dass aus der Phrase »gesellschaftspolitische Themen öffentlich verhandeln zu wollen« eine tatsächliche Auseinandersetzung entsteht?

Lena Kohlmayr: Das ist genau die Frage, mit der wir begonnen haben, das Projekt zu denken. Ich glaube es geht darum, durch solche Projekte gesellschaftspolitische Prozesse anzuregen. Das beginnt in der eigenen Institution und mit der Art und Weise, wie ein solches Programm gestaltet wird – in unserem Fall kollaborativ. Und geht weiter mit der Frage, wie man sich als Institution nach außen wendet.

Martina Schöggl: Weil: Können gesellschaftspolitische Themen überhaupt zu einer Auseinandersetzung führen, wenn sie nicht öffentlich geführt werden? Ist nicht gerade das »öffentlich machen« der Moment, wo Auseinandersetzung in Gang zu kommt? Mit dem Leitmotiv »Öffnungen/Openings« wollen wir gerade auch auf diesen Aspekt mit dem Finger zeigen. Offenheit, Aufmachen, Öffnen ist nicht nur Thema, sondern auch Methode.

Elisabeth Falkensteiner: Gleichzeitig findet die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen natürlich auch auf einer inhaltlichen Ebene statt. Sei es der Klimawandel oder Migrationsbewegungen und deren Implikationen. Klarerweise ist nicht jeder Beitrag per se politisch, dennoch glauben wir, dass das Programm als Ganzes, indem es alle dazu einlädt mitzumachen und das Publikum nicht nur als ZuseherIn definiert, auch politischen Impetus haben kann.

Euer Ausstellungskonzept kann durchaus institutionskritisch verstanden werden, findet jedoch im Rahmen einer Institution statt. Wie kann institutionskritische Kunst auf institutionelle Aufmerksamkeit reagieren?

Lena Kohlmayr: Ein kritischer Blick auf die eigene Institution ist unseres Erachtens wichtig und auch Selbstironie darf nicht fehlen. Gerade aus der Institution heraus kann und muss man Kritik anbringen, verhandeln und behandeln.

Elisabeth Falkensteiner: Das kuratorische Leitmotiv »Öffnungen/Openings« hat auch dazu angeregt, sich mit dem Thema Institution und Öffentlichkeit auseinanderzusetzen. Dadurch sind gezielt Beiträge entstanden, die sich kritisch mit der Universität als Institution auseinandersetzen, wie z.B. »Unisäuberung» (Oskar-Kokoschka-Platz, Di, 25.06., 13:00 - 15:30 und Fr, 28.06., 13:00, Vordere Zollamtsstraße im Atrium) oder »Die unbedingte Universität« (Performance, Oskar-Kokoschka-Platz, Di, 25.06, 16:00 – 17:30).

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Exkursion Transsibirische Eisenbahn, April 2019, Fotos: Sophie Vitovec, Florian Berger

Das Programmheft des Festivals umfasst 57 Seiten! Welche Punkte könnt ihr besonders empfehlen?

Lena Kohlmayr: Auch für uns wird Vieles am Ende eine Überraschung, aber ich freue mich sehr darüber, dass der allererste Programmpunkt »Caviar on Instant Noodles« im Büro des Rektors: (Ferstel-Trakt, 1. OG, Büro des Rektors, Di, 25.6., 11:00–12:00) stattfinden wird, weil dadurch Räume geöffnet werden, die normalerweise nicht zugänglich sind. Für mich sind es die Beiträge, die sich humorvoll mit der eigenen Institution auseinandersetzen oder die Geschichte vom Haus künstlerisch bearbeiten, auf die ich mich am meisten freue, wie z.B. »Erinnerung in Gang setzen: Wie gestalten wir Gedenken?« (Dialogführung, TP Oskar-Kokoschka-Platz, Do, 27.06., 14:00 – 15:00).

Martina Schöggl: Ich glaube, man kann die Angewandte auf vielen Ebenen neu entdecken. Überhaupt macht es wahrscheinlich am meisten Spaß, die Häuser und die Ausstellungen darin zu erkunden (täglich von 11:00–20:00) und dazwischen ein paar Programmpunkte am Oskar-Kokoschka-Platz mitzunehmen (Di, 25.6., 11:00–24:00; Mi, 26. und Do, 27.6., 11:00–22:00; Fr, 28.6., 11:00–02:00). Ich freue mich auch besonders auf den Frühschoppen vor der Sponsion. Feste muss man feiern wie sie fallen und ich denke, das ist ein guter und würdiger Start in diesen Tag bei dem auch hoffentlich viele Sponsionsgäste schon vorab vorbeischauen (»Frühschoppen mit Blasmusik, Butterbrot und Kresse und Umzug mit Perchten«, Oskar-Kokoschka-Platz, Fr, 28.6., 9:30–10:45).

Lena Kohlmayr: Mir sind auch all jene Programmpunkte wichtig, die den öffentlichen Raum in seiner Komplexität kritisch und künstlerisch befragen und seine Möglichkeiten ausloten. So finden ein Boxkampf »Palestra Popolare Quarticciolo« (Do, 27.6., 15:00–17:00) und ein Ping Pong-Turnier mit dem bedeutungsschwangeren Namen »SPIELFELD – Das Spiel ums Ganze« (täglich 12:00–13:30, Finale Fr, 18.6., 21:00–23:00) am Platz statt. Auch ein Loch wird gegraben, sofern das Magistrat das zulässt oder wir uns an Grenzen halten oder nicht.

Elisabeth Falkensteiner: Für mich ist der Sound, der musikalische Part also, ein ganz wichtiger Teil des Programms, bei welchem wir das Potenzial innerhalb der Universität nutzen. In einigen Lehrveranstaltungen haben Studierende experimentell zu Sound gearbeitet, daraus ist dann z.B. eine Mehrkanal-Installation entstanden (»Modul 06: VCV+«). Mehrere Soundarbeiten werden in Audioinstallationen zu hören sein (»Ritual & Routine« von aka angewandte kunst audio) und aus selbstgebastelten elektronischen Instrumenten macht eine Gruppe eine improvisierte Klangperformance (»NAND«, Oskar-Kokoschka-Platz, Mi, 26.06., 18:30 - 19:00). Klar, gibt es auch Raum für Party. Abgesehen von den DJs und MusikerInnen im engeren Dunstkreis der Angewandten (Ausländer, Rosa Anschütz, Sofie, IVAN, Haskii oder Geier aus Stahl) freue ich mich auf Fauna von BLISS beim Eröffnungsabend, und beim Abschlussfest auf LDY OSC, Heap sowie Alpha Tracks, von denen gerade erst neue Veröffentlichungen erschienen sind. Alle stehen dezidiert für ihre eigene Soundästhetik. Wir werden tanzen, es wird gut!

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