pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Otobong Nkanga
pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Mathias Voelzke
pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Mathias Voelzke

»Private Song«: Unsere unsichtbaren Blicke

April 10, 2019
Text by Jette Büchsenschütz
pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Otobong Nkanga

Alexandra Bachzetsis verwischt in ihrer Performance »Private Song« die Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem.

Der Rahmen begrenzt das Bild. Innerhalb des Rahmens zeigt sich, was wir sehen sollen (Abschweifungen inklusive, denn die Verlockung des Verborgenen ist immer hoch). Er definiert nicht nur Bildinhalt, sondern vor allem auch den Diskurs, dem der Rahmen zugleich angehört. Damit suggeriert der Rahmen einen zum Bild erstarrten Inhalt, der zwar wirklich existiert, aber kulturell konstruiert ist – und deshalb de-konstruiert, verflüssigt, und neu und anders zusammengesetzt werden kann. Genau das versucht Alexandra Bachzetsis in ihrem von der documenta 14 in Auftrag gegebenen Stück »Private Song«.

Auffallend ist: Der Bühnenraum im Wiener Tanzquartier ist klar abgesteckt und verweist auf diese Dialektik von Sichtbaren und Unsichtbaren. Ein kachelartiger Tanzboden – die Assoziation mit einem Küchenboden erscheint fast banal – bildet das markierte Zentrum der Bühne, auf der in der nächsten Stunde zum Soundtrack von griechischen Rembetiko Liedern gängige Körperbilder durcheinander gewirbelt werden.

pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Mathias Voelzke

Zum dröhnenden Sound von »Misirlou«, der uns sofort in die Anfangsszene von »Pulp Fiction« versetzt, beginnt Alexandra Bachzetsis im hautengen schwarz glänzenden Latexkleid weiblich-lasziv, schlangenhaft verführerisch zu tanzen, bis ihre Bewegungen in Liegestützen und Stretching-Übungen enden: sexuelles Begehren mutiert zu körperlicher Ertüchtigung. Starr und bestimmt bleibt ihr Kontroll-Blick dabei aufs Publikum gerichtet, als fordere sie uns auf: Werdet Euch Eurer voyeuristischen Blicke bewusst!

Dann Kostümwechsel: Aus der künstlichen Latexhaut schlüpft sie in eine bequeme Ballonhose und ein Ringkampf mit Sotiris Vassiliou beginnt, bei dem unentschieden bleibt, was er ist – ein erotisches Rangeln, ein Geschlechterkampf, Fitnessübung – und was sie wollen – sich voneinander abstoßen oder aneinander festhalten. Schließlich taucht auch der dritte Performer, Thibault Lac auf, räkelt sich, die richtige Pose suchend, auf seinem kleinen weißen Handtuch und singt mit entzückender Stimme: »Verrückter Zigeuner, […] ich komme mit Dir wohin du auch gehst.«

Immer wieder werden unterschiedlichste Körperbilder miteinander kombiniert: Zitate aus Wrestling, Fitness, Yoga, Porno werden konfrontiert mit den Sehnsuchtsmotiven aus den subkulturellen Rembetiko Songs, einer griechischen Lied- und Tanztradition, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand und die selber wieder ein Medley ist, nämlich Produkt einer Vermischung griechischer und türkischer Musiktradition ist. In den ritualhaften Wiederholungen von Gesten und Posen entstehen individuelle Abweichungen und lassen eine Rückeroberung zugunsten einer individuelleren Körpersprache erahnen. So gelingt Alexandra Bachzetsis durch das komplexe Ineinanderwirken von Teil und Ganzem ein Spiel, das gängige Hierarchien verquirlt. Sie zeigt, dass das eingeschlossene Eigene ein Trugschluss ist, da das Äußere das Innere immer mitkonstruiert.

pw-magazine-alexandra-bachzetsis-private-song-tanzquartier-wien-vienna-performance
Foto von Mathias Voelzke

Durchweg provozierend bleiben die ins Publikum gerichteten intensiven Blicke der PerformerInnen, denen wir nicht ausweichen können. Wer stellt hier wen zur Schau oder gar bloß? Wer exponiert sich hier? Die PerformerInnen sich selbst oder das Publikum, das dazu neigt voreilig seine Kategorienkiste auszupacken, um seine Schlüsse zu ziehen?

Als der Küchenboden gegen Ende der Performance eingerollt wird, öffnet sich der rückwärtige Bühnenvorhang und die nackte Hinterbühne samt ihrer Technik wird entblößt. Diese Desillusionierung ist verheißungsvoll blau ausgeleuchtet. Ein Moment voller Erhabenheit und aufgeladener Symbolik, von dem nicht ganz klar ist, wie ernst er gemeint ist, wird er doch gleich wieder ironisch gebrochen, als Thibault Lac ein Schlagermedley zum Besten gibt und das Publikum zum mitklatschen und mitsingen auffordert. Auch Alexandra Bachzetsis muss jetzt schmunzeln.

Next article

pw-magazine-vienna-juliana-huxtable-art-music-nathan-bajar
Photo by Nathan Bajar

Juliana Huxtable: »A Kaleidoscopic Aesthetic Could Meet a Racial Trauma«

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.