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Foto von Blommer & Schumm

Alexandra Bachzetsis: »Die Bühne als Lösung«

April 16, 2019
Text by Eva Steffgen
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Foto von Blommer & Schumm

Alexandra Bachzetsis, Choreographin und Künstlerin, hat mit Eva Steffgen über ihre Arbeit auf der Bühne und das für die documenta 14 erarbeitete Stück »Private Song« gesprochen.

Mit »Private Song« zeigt Alexandra Bachzetsis ihr erstes autobiografisches Stück. Dabei wird der Zuschauende nicht umhinkommen, sich selbst mit der Idee einer Identität auseinanderzusetzen. »Private Song« ist eine Einbettung, aber auch ein Befreiungsschlag von einer transkulturellen Identität, die so vielleicht nur hinter der Bühne gefunden werden kann.

In deinen Stücken behandelst du oft Popkulturelle Referenzen. In »Private Song« ist gleich zu Beginn auch ein Stück aus Tarantinos Kill Bill erkennbar. Ist das ein Popkulturell inspiriertes Stück?

Das Musikstück heisst Misirlou und ist ursprünglich ein ost-mediteranes Rembetiko Lied, welches in einer Tsifteteli Komposition erstmals in 1927 aufgenommen wurde. Der Tsifteteli ist ein ausschließlich von Frauen getanzter Bauchtanz, der aus der Kultur des Rembetiko [Anm. griechischer Musikstil, oft als »griechischer Blues« bez.] kommt. Auch Tarantino verwendet das Stück als Reinterpretation, in »Private Song« geht es jedoch mehr um die ursprüngliche Bedeutung der Musik, es ist also auf keinen Fall popkulturell inspiriert.

Das Rembetiko hattest du auch schon in einem deiner früheren Stücke thematisiert. Was interessiert dich daran?

»Private Song« ist im Kontext der documenta 14 in Kassel und Athen entstanden. Durch den forcierten Völkeraustausch in den 20er Jahren wurden viele Leute aus Kleinasien in Athen ansässig, die sich damals als Flüchtlinge in den Logen des Municipal Theater in Piräus angesiedelt haben. Dort fanden auch in Athen die Vorstellungen statt.

In dieser Zeit, wie heute, sind viele Menschen geflüchtet, was als direkte Referenz der Wiederholung von Geschichte fungiert. Der Rembetiko ist aus diesem Völkeraustausch entstanden und existiert heute in der kollektiven Erinnerung dieses Ereignisses. Thematisch besingen die Liedtexte den Begriff des Verlustes – den vom Haus, von der Liebe, der Familie, vom Land und der Heimat.

Gleichzeitig habe ich mich auch mit den in dieser Musik etablierten Genderrollen auseinandergesetzt, die sehr aufgespalten sind. Es gibt Tänze für Männer und Tänze für Frauen, Lieder für Männer, Lieder für Frauen. Instrumente die eher dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet sind. Mit dem Aufbruch dieser Rollen wollte ich spielen. Also ging es sehr stark um Genderfragen in dieser traditionell überlieferten Musikkultur und inwiefern sich das in der Körpersprache, den Gesten und der Gesellschaft manifestiert, oder auch heutzutage noch spiegelt.

Ein Aufeinanderprallen, oder Motiv des Kampfes kann ist auch im Stück erkennbar. Ist das auch Ausdruck einer politischen Agenda?

In »Private Song« wird eine transkulturelle Verschmelzung thematisiert. Dabei geht es jedoch weniger um ein politisches Statement zum Kampf, als mehr um eine generelle Thematisierung des Körpers. Sich in einem Körper zu befinden stellt generell immer eine gewisse Form des Kampfes dar. Man muss gegen Materie ankämpfen, die der Gravitation ausgesetzt ist. Denn von Geburt an ist der Körper etwas, auch im Sinne von kulturellen oder genderspezifischen Hintergründen, dem Grenzen gesetzt werden, die jedoch aufgebrochen, oder verwischt werden können. Die Bühne ist dabei weniger Ort für Kampf, als eher Setup für ein Experiment.

In dem Stück transformiert sich auch das Bühnenbild, der Umgang damit wirkt fast bildhauerisch, etabliert aber auch klare Räume. Was ist deine Arbeitsweise mit den Gegenständen auf der Bühne?

Formal und inhaltlich, geht eigentlich immer um eine Art von Rahmenbedingung. Was sind Grenzen, in welcher Form werden sie etabliert und wie werden sie auf jemanden zurückgespiegelt. Inwiefern verhält sich der Körper im Raum? Es ging in meiner Arbeit schon immer viel um Architektur und ein Verständnis dem Raum gegenüber. Was sind Räume? Es geht darum, Zuordnungen zu finden, was ist Tag oder Nacht. Wie findet Zeit auf der Bühne statt, was ist zyklische Zeit, was ist eine zeitlose Arbeit, was sind zeitlose Körper?

Dabei betrachte ich auch den Spannungsbogen zwischen Körpern, Kleidern, Bühnenelementen und Props im Dialog mit sich selber.

Auch Kleider geben immer einen ganz speziellen Charakter in diesem Sinne. Sie sind wie Mitarbeiter oder Hilfselemente und weniger ein Kostüm, in dem man eine theatralische Figur wird. Ich versuche dabei systematisch zu dekonstruieren und eben keine Kostüme zu schaffen, sondern Kleidung als Objekte zu verstehen, die kommen und gehen und sich verselbstständigen.

Wie ist dein Bezug zum Publikum?

In »Private Song« wird das Publikum direkt angesprochen und gleichzeitig auf sich selber zurückgeworfen. Ich möchte, dass sich das Publikum mit der Frage der Identifikation auseinandersetzt. Die Arbeit wurde im Rahmen der documenta 14 für das Municipal Theater in Piräus konzipiert. Das Publikum betrat das Theater durch den Hintereingang und gelang so direkt auf die Bühne, auf der eine Tribüne aufgebaut war.

Während des Stückes öffnet sich der Hintergrund und entblößt die klassische Theaterloge. Somit sieht das Publikum die Leerstelle der Publikumsanordnung und spiegelt sich selber in dieser Abwesenheit. Diese Umkehrung des Raumes, sowie die Umkehrung der Publikumsanordnung, verweist inhaltlich auf den in den Liedern des Rembetiko thematisierten Völkeraustausch, sowie die Abwesenheit der damals im Theater angesiedelten Flüchtlinge.

Auffallend ist auch die deutliche Bildsprache, die leicht lesbar scheint. Diese Wiederholungen als Stilmittel zwingen schon fast dazu zu Reflektieren: Warum wird erfahren, was erfahren wird? Gibt es eine Lesart des Stückes, die du vermitteln möchtest?

Es soll keine von mir gesteuerte Lesbarkeit erreichen, ich finde eigenständige Gedankenprozesse wichtig. Das Hinterfragen eines Bedeutungsinhaltes ist dabei relevant und ich versuche meine Arbeit so zu strukturieren, dass sich das aus der Dramaturgie ergibt.

Wie ist dein Schaffensprozess bei einem Stück? Wie wählst du die Themen deiner Stücke aus?

Bei meiner Themenfindung fasziniert mich Diskurs und Zeitgeist. Aus autobiografischen Gründen fand ich es sehr spannend das Thema des Südens und Nordens zu ergründen. In meinem Falle dann der Schweiz und Griechenlands. Was bedeutet das kulturell in meinem Körper, wie kommen die beiden polarisierenden Elemente zusammen und wie entfernen sie sich voneinander? Bisher ist das die einzige Arbeit, die in diesem Sinne funktioniert hat.

Inwiefern hast du in der Arbeit auch autobiografisches verarbeitet?

Bei »Private Song« war also in diesem autobiografischen Kontext das Thema des Rembetiko zentral, mit dem ich auch als Kind aufgewachsen bin. Diese Lieder habe ich immer gehört, mein Vater hat sie oft zuhause abgespielt und die ganze griechische Seite meiner Familie singt sie. Das sind sehr stark prägende Momente, da ich selbst aus einem Migrationskontext komme. Mein Vater ist in den 60er Jahren aus Griechenland ausgewandert und in die Schweiz gekommen, wo sich meine Eltern getroffen haben. In dieser Spannung zwischen vollkommen Unterschiedlichen Auffassungen, Sprachen und kulturellen Ausrichtungen bin ich aufgewachsen.

Es ist schon sehr interessant, dass man sich nicht zuordnen kann, sich weder am einen noch am anderen Ort zugehörig fühlt. Das kann auch eine Stärke sein, nachdem das Traumatische daran überwunden ist. Ich fühle mich deshalb auch in Metropolen am wohlsten. Dort fragt niemand nach Zugehörigkeit, man ist viel freier in dem, was man sein kann und ist niemandem etwas schuldig.

Ganz persönlich empfinde ich auch die Bühne als einen wunderbaren Ort der Anonymität, die aber selbst immer Fragen der Identität behandelt. Das ist für mich eine perfekte Lösung für diese Leerstelle.

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Foto von Otobong Nkanga

»Private Song«: Unsere unsichtbaren Blicke

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