Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Perera Elsewhere. Foto von Hugo Holger Schneider
Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Elysia Crampton. Foto von Boychild
Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Dohee Lee. Foto von Pak Han
Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Okwui Okpokwasili. Foto von Caitlin McCarthy, 2014

Wiener Festwochen: Die Gösserhallen, ein Labor für die Festivalzukunft

June 6, 2018
Text by Christian Glatz
Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Perera Elsewhere. Foto von Hugo Holger Schneider

Ein Gespräch mit Tomas Zierhofer-Kin, Marlene Engel und Angela Mattox über das Programm der Wiener Festwochen in den Gösserhallen und was bei den Deep Fridays sonst noch zu erwarten ist.

Die Gösserhallen im 10. Bezirk sind heuer Spielstätte der Wiener Festwochen. Sie sollen Künstler*innen-Treff und Sehnsuchtsort für alle sein, die Sound, Musik, Theater, Tanz und Performance gemeinsam mit anderen Menschen erfahren möchten. Nach den Inszenierungen von Gisèle Vienne und Co laden die Wiener Festwochen an drei Freitagen im Juni  zu langen Nächten mit Konzerten, Interventionen und Audiovisueller Kunst auch zu späterer Stunde zum Spielort mit künstlerischen Positionen unterschiedlichster Genres unter dem Titel Deep Fridays.

Welche Stellung nehmen die Vorführungen in den Gösserhallen innerhalb der Wiener Festwochen ein?

Thomas Zierhofer-Kin: Das Programm der Gösserhallen zielt darauf ab, neue Formate bei den Wiener Festwochen zu etablieren und somit auch neue Inhalte. Auf einem Areal sollen unterschiedlichste künstlerische Medien, Formate und Aussagen aufeinanderprallen, zusätzlich finden dort Premierenpartys und Künstler*innenfeste statt. Es soll ein temporäres Festival-Zentrum etabliert werden, das im Fall des Programms 2018 große Tanz- und Musiktheater-Produktionen, mit neuen Theaterformen, Performances, visueller Kunst, Sound Art und Musik konfrontiert. Die Gösserhallen sollen dazu einladen länger zu bleiben, mehr zu sehen und zu hören als nur eine Veranstaltung, zwischendrin zu essen und trinken, Menschen zu treffen - also ein Fest zu sein im Sinne der gesellschaftspolitischen Uridee von Theater. Die Schaffung eines solchen Ortes ist ein zentrales inhaltliches Anliegen, ein Konzept, das sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln und zusammen mit Publikum und Künstler*innen verändern wird.

Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Elysia Crampton. Foto von Boychild

Wie kann es gelingen nicht nur die »immer gleichen elitären Kunst und Theater-Kreise« anzusprechen?

Thomas Zierhofer-Kin: Das ist sicher eine schwere Aufgabe. Im Moment geht es uns darum, die unterschiedlichen Szenen und Diskurse miteinander zu vereinen. Ein heterogenes Publikum, das eine temporäre, utopische Gesellschaft widerspiegelt, eine temporäre Gesellschaft, die nicht ihre Differenzen, sondern ihre Gemeinsamkeiten entdeckt. Das ist der erste Schritt. In weiterer Folge geht es dann natürlich sehr stark darum, auch Menschen als Publikum gewinnen, die per se gar keine Veranstaltungen dieser Art besuchen.

Die Arbeiterkammer Wien ermöglicht freien Eintritt zu allen Deep Fridays. Solche Angebote konkurrieren auch mit der freien Szene, die sich freie Eintritte nicht leisten kann.

Thomas Zierhofer-Kin: Ganz im Gegenteil. Die Deep Fridays bauen durch den freien Eintritt einen Nährboden für ein Publikum auf, von dem nicht nur wir, sondern auch die freien Szenen und die Künstler*innen profitieren. Durch den Wegfall der Schwelle »Geld« und durch die Programmierung über alle Genregrenzen hinweg sind die Deep Fridays Prototypen für Vermittlungsformen neuer künstlerischer Aussagen. Sie machen auch mit Künstler*innen vertraut, die noch nie in Wien aufgetreten sind.

Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Dohee Lee. Foto von Pak Han

Die Wiener Festwochen in den Gösserhallen wirken auf erfrischende Weise unkonventionell. Konnten Sie hier besonders frei programmieren?

Thomas Zierhofer-Kin: Das Programm ist überall sehr frei programmiert. In den Gösserhallen ist natürlich die Freiheit zu experimentieren, auch mit Formaten, noch größer. Inhaltlich ist das Programm der Gösserhallen mit dem anderen Programm sehr eng verzahnt. Es versteht sich aber auch als Labor für die Zukunft des Festivals, als ein Kraftfeld der Kommunikation aktueller künstlerischer Inhalte, Utopien und einem heterogenen Publikum von Zeitgenoss*innen.

Wie lässt sich anhand teilnehmender Künstler*innen das Konzept der Deep Fridays veranschaulichen?

Angela Mattox: Zwei meiner Highlights der Deep Fridays sind Okwui Okpokwasili und Dohee Lee, zeitgenössische Performance-Künstlerinnen, die sich mit ähnlichen inhaltlichen Fragestellungen beschäftigen und zum ersten Mal ihre Arbeiten in Wien zeigen. Beide bieten einzigartige Formen des Storytellings durch den weiblichen Körper, schöpfen aus Verbindungslinien zu ihren Vorfahr*innen und untersuchen die ihren Körpern eingeschriebenen, persönlichen und politischen Narrative. Themen von Widerstand und Healing spielen dabei eine wichtige Rolle. Die New Yorker Künstlerin Okwui Okpokwasili ist mit ihrer Arbeit Poor People’s TV Room SOLO der Ankerpunkt des ersten Deep Fridays. Das durative Solo, eine Performance-Installation, ist von historischen, weiblichen Protestformen in Nigeria inspiriert. Dohee Lee stammt ursprünglich aus Südkorea und lebt und arbeitet in Oakland, Kalifornien. Sie wird die Serie der Deep Fridays am 15. Juni mit dem Heilungs-Ritual MU/巫 beschließen. Sie verbindet traditionellen koreanischen Tanz, Vocals und Perkussion, die aus dem Schamanismus kommen.

Wiener Festwochen Gösserhallen Deep Fridays
Okwui Okpokwasili. Foto von Caitlin McCarthy, 2014

Marlene Engel: Elysia Crampton und Tara Transitory nähern sich ähnlichen Themen an, aber aus dem Musik-Kontext. Ebenfalls inspiriert von ihren Wurzeln, den indigenen Aymara Lateinamerikas, treffen in Elysias elektronischen Kompositionen, ihren Visuals und ihrer Performance die poetischen Mythologien dieser Kultur auf eine radikale, queere Politik. In Kooperation mit Why Be wird sie ihre neue Show Red Clouds präsentieren! Tara Transitory alias One Man Nation zieht für ihre Live-Shows Inspiration aus dem Rituellen, allerdings mit Fokus auf dem Club, dem Beisammensein und der Gemeinschaft die dort entstehen. Ihre harten, technoiden Shows sind wie das Headbangen der Club Szene. Ich freu mich aber auch sehr auf Perrera Elsewhere, deren neue EP ich gerade viel unterwegs auf dem Handy höre. Und auf Lyra Pramuk - ihre Solo-Performance hat im letztes Jahr enorm an Eigenständigkeit und Stärke gewonnen.

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