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Vom Leben mit Reiskochern: Jaha Koos »Cuckoo« beim ImPulsTanz Festival

July 31, 2018
Text by Wera Hippesroither
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Photo by Radovan Dranga

Der Reiskocher Cuckoo kann viel mehr als nur Reis zubereiten und steht in Jaha Koos gleichnamiger Performance für ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Jaha Koo sitzt auf der Bühne und unterhält sich mit seinen drei Cuckoo Reiskochern. Die hochtechnologisierten Geräte können nicht nur Reis kochen, sondern auch blinken, sprechen und singen. Das klingt zwar lustig, ist es aber nicht. Cuckoo, eigentlich ein Markenname, ist in Korea zum Symbol einer Jugend ohne Zukunft geworden. Der südkoreanische Performancekünstler und Musiker Koo, selbst ein Kind dieser Generation, nutzt Cuckoo als Allegorie. Der Reiskocher ist eine Art Druckkochtopf und lässt sich mit der koreanischen Gesellschaft gegenlesen, die mehr und mehr unter Druck steht und zu explodieren droht.

Jaha Koo erzählt in einem multimedialen Setting mit dokumentarischen Einblendungen auf Leinwand und musikalischer Untermalung die Geschichte der Generation 고립무원. Dieses unübersetzbare koreanische Wort Golibmuwon existiert in unserer Sprache nicht. Es bezeichnet einen Zustand absoluter Isolation, aus der kein Weg mehr herausführt. Von dieser ausweglosen Einsamkeit ist vor allem die koreanische Jugend betroffen. Nach einer Wirtschaftskrise vor rund 20 Jahren konnte der Staatsbankrott nur abgewendet werden, indem Südkorea den strengen Auflagen des Weltwährungsfonds zustimmte, was zu sozialer Ungleichheit, zahlreichen Bankrotten, Arbeitslosigkeit und hoher Verschuldung führte. Ein extremer Leistungsdruck ist bis heute zu spüren und die junge Generation reagiert mit sozialer Isolation, vermehrter Migration und nicht zuletzt der höchsten Selbstmordrate der Welt. Alle 37 Minuten bringt sich ein Südkoreaner oder eine Südkoreanerin um.

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Die Reiskocher auf der Bühne blinken, singen und träumen, sie beschimpfen sich gegenseitig und denken über Glück und Algorithmen nach. Jaha Koo hat seine Heimat in Richtung Europa mit nichts als einem T-Shirt, seinem Laptop und einem Cuckoo verlassen. Wenn er zwischendurch mit seinem Cuckoo kuschelt und ihn liebevoll in den Arm nimmt oder wenn die Stimme seines Vaters aus dem Reiskocher tönt, wird die eigentümliche Verbundenheit zu hochmoderner Technologie eindrücklich, die aus dieser hilflosen Isolation entspringt. Cuckoo ist oft der einzige Gesprächspartner. Die absolute Einsamkeit gepaart mit Leistungsdruck, die Jaha Koo als eine paradoxe Situation beschreibt, in der man sich gleichzeitig in einem gesellschaftlichen Außen und Innen befindet, scheint Bedingung für das Funktionieren Südkoreas nach der Krise zu sein.

Jaha Koos Cuckoo nutzt den Druckkochtopf als Metapher und schafft so ein düsteres und kluges Bild einer ganzen Generation. Die stärkste Szene steht dann am Schluss: In einer stillen Geschäftigkeit, die an das pflichtbewusste Erfüllen einer sinnlosen Tätigkeit im kapitalistischen System erinnert, presst der Performer den fertig gekochten Reis in eine kleine Form, um zahllose Reisziegel zu formen und übereinander zu stapeln. Die immer gleichen und in Form gepressten Portionen wirken wie einzelne Teile einer entindividualisierten Gesellschaft, die alle den gleichen Formaten entsprechen. Bedrohlich dampft es aus den Geräten. Sie stehen ordentlich unter Druck.

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