VIS Vienna Shorts Daniel Ebner Interview VIS Vienna Shorts Daniel Ebner Interview
Color Test: The Red Flag, Foto von Gerd Conradt
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Artificial Paradise, Foto von Chick Strand
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Myth Lab (Martha Colburn)

VIS Vienna Shorts: Gegen den Abbau sozialer Errungenschaften

May 28, 2018
Text by Christian Glatz
VIS Vienna Shorts Daniel Ebner Interview
Color Test: The Red Flag, Foto von Gerd Conradt

Ein Gespräch mit Daniel Ebner, dem künstlerischen Leiter der VIS Vienna Shorts, über die Jubiläumsausgabe unter dem Titel We need to disagree, YouTube und die österreichische Filmszene.

Welcher Kurzfilm hat Sie persönlich für das Genre begeistert?

Der erste Kurzfilm, der mir bewusst und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, war ein Stop-Motion-Tanzfilm aus Frankreich, Erè Mèla Mèla von Daniel Wiroth. Ich bin zufällig im Fernsehen darüber gestolpert und hab den Film damals, mit Anfang 20, nicht mehr aus dem Kopf gekriegt. Bis zu einem gewissen Grad hat der Film wohl auch meinen Zugang zum Film und die Ausrichtung des Festivals mit beeinflusst: er mischt scheinbar mühelos Realfilm, Animation, Musik und Experiment - also all jene Gattungen, die wir beim Festival nun seit mittlerweile 15 Jahren bestmöglich zu präsentieren versuchen. Und er schafft es, in nur sieben Minuten eine ganze Welt entstehen zu lassen und mir mehr zu erzählen, als viele Langfilme das in 120 Minuten tun - das hat mich fasziniert.

Vom Studentenprojekt zum größten österreichischen Kurzfilmfestival. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ein Erfolgsrezept gibt es dafür, glaub ich, nicht wirklich. Wir haben in den ersten Jahren einfach alles ausprobiert, was uns Spaß gemacht und uns gereizt hat - ohne Kohle und mit wenig Ahnung, aber mit viel Engagement und Begeisterung. Wir haben dabei sicher viele Fehler gemacht, aber wir wollten es auch jedes Jahr besser machen und haben unsere Ansprüche immer mehr nach oben geschraubt. Ab einem gewissen Zeitpunkt war dann klar, dass sich die Organisation professionalisieren muss und das Programm besser strukturiert werden muss, weil sonst der Arbeitsaufwand nicht mehr bewältigbar gewesen wäre. Und heute befinden wir uns, wenn man so will, in der dritten Phase, der Konsolidierung. Wir verfügen über ein weitreichendes internationales Netzwerk, sind ins EU-Förderprogramm aufgenommen (das gelingt nicht vielen) und unsere Gewinnerfilme qualifizieren sich für die Oscars - aber diese Erfolge können gleichzeitig schwer aufrechterhalten werden, wenn es uns nicht gelingt, die Arbeitsverhältnisse beim Festival zu verbessern und unser tolles und erfahrenes Team auch längerfristig an uns zu binden. Daran arbeiten wir gerade auf Hochtouren.

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Artificial Paradise, Foto von Chick Strand

Wie ist es Ihrer Meinung nach um die zeitgenössische Filmszene in Österreich bestellt?

Das ist eine Frage, die sich schwer in wenigen Worten beantworten lässt. Ein bisschen sehe ich die Schwierigkeit, dass die Sehnsucht nach einem neuen Seidl oder Haneke groß ist und man sich vielfach in Grabenkämpfen zwischen vermeintlich kommerziellem und bemüht künstlerischem Kino aufreibt. Dabei wird aber gern übersehen, dass wahnsinnig gute Leute nachkommen, die im Kurzfilmbereich teils schon große Erfolge gefeiert haben und bei denen diese Kunst-Kommerz-Trennung oft gar keine Rolle mehr spielt: sei es Patrick Vollrath, der für den Oscar nominiert war, sei es Jannis Lenz, der für den Europäischen Filmpreis nominiert war, oder auch die letzten Gewinnerinnen des Österreichischen Filmpreises, Clara Stern und Luz Olivares Capelle. Das gibt es ein unheimlich großes Potenzial, das vielfach aber zu wenig gefördert und unterstützt wird. Wenn ich mir ansehe, wie in anderen Ländern versucht wird, von dieser Stufe ausgehend kontinuierliche Karrieren aufzubauen, wundere ich mich schon ein bisschen, wie etwa die Austrian Film Commission sich hinstellen und erklären kann, dass sie kein Interesse hat, erfolgreiche österreichische Kurzfilme im Ausland zu promoten. Oder wie ein Großteil der Förderlandschaft auf Langfilme ausgerichtet sein kann, wo dann schon mal mehrere Jahre vergehen, bis das erste oder zweite Projekt finanziert ist, anstatt hier Zwischenstufen und eine explizite Nachwuchsförderung einzuführen. Das scheint mir alles etwas unlogisch.

Wie wirken sich Videoplattformen wie Vimeo oder YouTube auf die Entwicklung des Kurzfilms aus?

Im besten Fall ermöglichen diese Plattformen eine größere Sichtbarkeit für die Filme - allerdings ist das oft auch nur Wunschdenken. Wenn der Film nicht vorab eine bestimmte Festivalpräsenz oder im besten Fall auch einige Preise gewonnen hat, dann wird er auch im Netz neben unzähligen Konkurrenten kaum mehr Aufmerksamkeit erlangen. Gerade mit Vimeo gibt es aber zum Beispiel einen regen Austausch: die Plattform schickt Scouts auf Festivals weltweit, um guten Content zu finden - und wir arbeiten mit ihnen zusammen, um unseren Filmen im Idealfall eine erweiterte Sichtbarkeit nach dem Festival zu ermöglichen. YouTube funktioniert da schon wieder ganz anders: Da fällt in den vergangenen Jahren eher auf, dass sich auch im Kurzfilm bereits eine gewisse Spezialisierung je nach Länge entwickelt hat. Ein knackiger Drei- oder Fünfminüter wird dort etwa deutlich höhere Chancen haben als ein Zehn- oder 15-Minüter. Wir sind auf YouTube aber eigentlich nur dann unterwegs, wenn wir Filme für unsere etwas abseitigeren Mitternachtsprogramme suchen. Für abstruse Fundstücke ist YouTube eine richtige Goldgrube.

Kurzfilme stehen selten alleine, sondern werden häufig innerhalb einer programmatischen Gruppe gezeigt. Was bedeutet das für die Rezeption?

Das ist den eingeübten Sehgewohnheiten des Kinopublikums geschuldet und manchmal auch tatsächlich schade, da teils schon ein Kurzfilm alleine eine unglaubliche Wucht entwickeln kann und sich dann schwer mit anderen Filmen gruppieren lässt. Das Kuratieren von Kurzfilmen zu abendfüllenden Programmen ist allerdings auf der anderen Seite auch eine eigene Kunst, die viel Hingabe und auch Erfahrung erfordert: Sind sich die Filme zu ähnlich, wird es für das Publikum langweilig; werden Filme in der falschen Reihenfolge programmiert, kann das die Rezeption des gesamten Filmblocks völlig zerstören. Wir legen somit gerade beim Zusammenstellen der Filme großen Wert darauf, die Programme noch einmal in ihrer Gesamtheit zu sichten, um sicherzustellen, dass wir nichts übersehen haben. Im besten Fall wird für die Zuseherinnen und Zuseher die Summe dann größer als die einzelnen Teile, weil sich etwa ein gewähltes Thema aus mehreren Perspektiven betrachten lässt oder sich einzelne Filme erst in Kombination mit anderen so richtig erschließen. Aus einer Marketingsicht macht ein thematischer Titel die Bewerbung eines Programms natürlich auch leichter, da im Kurzfilm das klassische Filmmarketing über bekannte SchauspielerInnen oder RegisseurInnen halt einfach nicht greift. So weiß man dann als Publikum zumindest ungefähr, was einen bei einem Programm erwartet.

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Myth Lab (Martha Colburn)

Welche Impulse bieten die 300 Filme in Bezug auf das diesjährige Leitthema We need to disagree?

Das Leitthema ist, wie sich rasch vermuten lässt, ein gesellschaftspolitisches und war vergangenen Sommer von einem Artikel in der New York Times inspiriert, der angesichts des weltweiten Erstarkens von Populismus und Nationalismus sowie der zunehmenden Polarisierung im öffentlichen Diskurs betont hat, welch hohen gesellschaftlichen Stellenwert die politische Debatte und das miteinander Reden einmal hatten. Das hat uns sehr gut gefallen, vor allem da das Wörtchen disagree ja eine doppelte Bedeutung hat: da geht es einerseits um das Widersprechen (und für uns damit um das Auftreten gegen den Abbau sozialer Errungenschaften), andererseits aber auch um das miteinander Sprechen, also das Zuhören, das sich Austauschen, das Argumentieren. Wir haben dazu die Berlinale eingeladen, ein historisches Programm zu den 1968ern zu machen - und ich muss sagen, es ist teilweise erschreckend, wie sehr sich die Themen und Diskurse mit jenen von heute gleichen. Außerdem haben wir zwei Festivals aus Glasgow und Barcelona gebeten, eigene Programme zu unserem Schwerpunktthema zu kuratieren, die die Situation in Schottland nach dem Brexit und jene in Katalonien nach dem Referendum reflektieren sollen. Wir haben dazu ein Programm zum Rechtsruck in Österreich und Europa beigesteuert - und diese drei Programme werden nicht nur bei allen drei Festivals zu sehen sein, sondern dienen im besten Fall auch als Ausgangspunkt für inhaltliche und politische Diskussionen.

Wie beurteilen Sie die cineastischen Möglichkeiten von Virtual Reality und wie spiegeln sich diese im Schwerpunkt VR the World wieder?

Das ist genau die Frage, die wir uns gestellt haben, als wir in diesem Jahr beschlossen haben, den 360°-Film aus der Gimmick-Ecke rauszuholen und ernst zu nehmen, d.h. einen neuen Wettbewerb zu formieren und zu Einreichungen aufzurufen, um herauszufinden, was es denn bisher in dem Bereich schon gibt und inwiefern die virtuelle Realität für das Kino tatsächlich eine Relevanz hat. Tatsächlich lässt sich diese Frage allerdings auch nach dem Sichten aller Einreichungen nur sehr schwer beantworten, weil man merkt, dass wir uns immer noch sehr am Anfang der Entwicklung befinden und vielfach leider noch die Technologie und nicht unbedingt der Inhalt im Vordergrund steht. Für den Wettbewerb haben wir acht Filme ausgewählt, die es tatsächlich geschafft haben, unsere Vorstellungen von Wahrnehmung und Bildsprache, von Bewegung und Raum auf die Probe zu stellen. Uns war es dabei auch wichtig, dass wir simultane Screenings der zwei Programme ermöglichen, d.h. dass die Filme für alle im Publikum zur gleichen Zeit starten und enden und somit auch ein kollektives und kino-ähnliches Erlebnis möglich gemacht wird. Auf die Reaktionen und das Feedback des Publikums sind wir jedenfalls schon sehr gespannt.

Welche Filme würden Sie unseren LeserInnen besonders ans Herz legen?

Das ist immer die schwierigste Frage, muss ich gestehen, weil mir natürlich alle 301 Filme im Programm sehr am Herzen liegen - schließlich habe ich mich mit den meisten über viele Wochen und Monate beschäftigen dürfen. Sehr neugierig bin ich aber auf das Screening der Filme von Chick Strand im Österreichischen Filmmuseum, einer bei uns noch weitgehend unbekannten Pionierin aus Kalifornien, deren Werk kürzlich vom Archiv der Oscar-Academy restauriert wurde und vom Restaurator Mark Toscano persönlich in Wien vorgestellt wird. Auch die Personale zu Martha Colburn, einer niederländisch-amerikanischen Animationskünstlerin mit dem Punk im Blut, wird mit Sicherheit sehr speziell werden. Und wer auf Nummer sicher gehen will und sich einfach einen guten Überblick verschaffen möchte, kann sich ja in den Marathon der Goldenen Nächte reinsetzen: da laufen preisgekrönte Filme aus 34 Ländern bei freiem Eintritt, darunter die Gewinner von Oscar, César, Bafta und Co. - und da läuft auch der grandiose schwedische Film Min Börda (The Burden), ein schwarzhumoriges Animationsmusical, das einen lachen und weinen lässt. Wenn man dieses Jahr einen Film gesehen haben muss, dann steht der auf jeden Fall sehr weit oben auf der Liste.

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