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Sophia Süßmilch vor Triptychon "Alles hört auf mein Kommando", Foto: Georgij Melnikov
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"Entweder Reiten oder Ballett, für Beides haben wir einfach kein Geld", Foto: Kestutis Lapsys Kestutis Lapsys
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Sophia Süßmilch. Kann ich mal die Braun? © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll
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Sophia Süßmilch. Kann ich mal die Braun? © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll

Sophia Süßmilch: Wie die Komikpferde in die Kunst kommen

August 28, 2018
Text by Lisa Moravec
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Sophia Süßmilch vor Triptychon "Alles hört auf mein Kommando", Foto: Georgij Melnikov

Die Künstlerin Sophia Süßmilch spricht mit uns über Pferde und gibt einen Einblick in ihren Kunstbegriff, der mehr als zu provozieren vermag.

Die deutsche Künstlerin Sophia Süßmilch lebt zwischen München und Wien und arbeitet mit Performance und Malerei. Wenn sie sich nicht gerade selbst im Raum ausstellt, ist sie auf Facebook und Instagram zu finden. Diesen Sommer hat sie zwei Wiener Institutionen gleichzeitig bespielt. Der Chefkurator Harald Krejci des Belvedere 21 hat Süßmilch dazu eingeladen vier Wochen lang einen Raum innerhalb der Retrospektive Günther Brus. Unruhe nach dem Sturm zu gestalten. Ihre performative Malerei Kann ich mal die Braun? kleidete den gesamten Raum in braune Malfarbe und stellte ihr Bild Mädchen mit Taube (euer Aktionismus hilft uns jetzt auch nicht weiter) in den Mittelpunkt. In der Wiener Galerie Aa Collections zeigt sie noch bis 30. August die Soloschau Das Glück der Erde, welche sich aus Pferdebildern und gesammelten Pferdeskulpturen zusammensetzt. Ein Interview von Lisa Moravec.

Deine letzte Soloausstellung in der Galerie Aa-Collections fokussiert sich auf das Thema Pferd. Wie ist das Pferd in deine Kunstpraxis gekommen?

Das Pferd ist schon öfter in meiner Arbeit vorgekommen. Die Pferde, die in der Galerie herumstehen, gehen auf 2008 zurück. Da wollte ich einen Rorschach auf dem Boden aus lauter Pferde legen. Kuschelpferde, Porzellanpferde, Minibronzepferde, und große Schaukelpferde habe ich auf Flohmärkten und auf Ebay gekauft. Diese Arbeit habe ich aber nie gemacht und dann die Pferde in meinem Speicher verräumt. Vor ein paar Monaten habe ich meinen Speicher ausgeräumt, weil ich ihn nicht mehr betreten konnte, und dachte ich mir, dann mache ich eine Pferdeschau.

Deine Auseinandersetzung von Kuscheltieren erinnern mich ganz stark an Mike Kelley und seine psychologische Aufarbeitung der Kindheit, durch die man aber auch jetzt nicht, nach seinem Tod, ganz durchblicken kann. Bei ihm ist eine Selbstmystifizierung im Spiel.

Jedes Spielzeugpferd hatte seine eigene Geschichte, da könnte man ja wieder endlose Geschichten erzählen, ganze Filme laufen da in meinem Kopf ab. Gerade in der Masse hat das bei Mike Kelley für mich etwas Bedrückendes. Einige der Pferde, die ich gekauft habe waren sehr abgefuckt und kaputt, das sagt natürlich mehr aus als etwas Cleanes. Ich habe damals nicht an Mike Kelley gedacht, aber bestimmt ist es eine unbewusste Beeinflussung. Seine Arbeit habe ich 2006 in New York gesehen und war nachhaltig beeindruckt vom object trouvé Charakter, der zu einer Skulptur gemacht wird. Außerdem stehe ich wahnsinnig auf Sammlungen. Selbstmystifizierung ist so ein Ding, das Künstler gerne durchziehen. Ich habe aber den Impuls das albern zu finden.

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"Entweder Reiten oder Ballett, für Beides haben wir einfach kein Geld", Foto: Kestutis Lapsys Kestutis Lapsys

Wie hast du die Soloausstellung konzipiert?

Ich habe mir eine Formatvorgabe von acht Großformaten zurechtgelegt, da ich sonst eher kleinere Formate male, und dieses Mal darauf Lust hatte. Das war quasi parallel zur Entstehung der Pferdethematik. Dann habe ich angefangen zu recherchieren und zu zeichnen. Es sind dann nebenher noch einige kleinere Formate entstanden. In der Serie davor, wo man die Vulvas sieht, habe ich mich näher mit feministischen Themen beschäftigt. Aber eigentlich war das von mir gar nicht feministisch gemeint. Aus dem Kontext heraus, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich das nicht als provokant oder politisch empfunden. Ich habe dann aber auch angefangen mehr über Feminismus nachzudenken und was dieses Pferdeding bedeutet. Ich habe mich wieder zurückerinnert, dass ich zu Pferden eine wahnsinnige Liebe gespürt habe und es mit dem Gefühl von Macht und Freiheit verbunden ist. Ich war wirklich obsessed. Ich war jeden Tag reiten bis ich ca. vierzehn Jahre alt war. Mit Drei habe ich reiten gelernt und mit Neun habe ich ein eigenes Pony bekommen. Vielleicht ist dieses Pferdeding ja auch etwas Präsexuelles. Eine krasse Liebe. Ich habe ja auch jede Woche die Mädchenzeitschrift Wendy gelesen, Pferdevideos geschaut, und es war für mich auch klar, dass ich so etwas wie Pferdewirtin werde.

Jetzt bist du aber doch Künstlerin geworden. Was war der entscheidende Punkt bei dir, dass das Pferd unwichtig geworden ist?

Ich wollte im Jugendzentrum rumhängen, Musik, Jungs etc. Da fand eine Interessenverschiebung statt und für beides hatte ich keine Zeit. Ich habe dann direkt die Pferdeposter gegen die Boybandposter und die Wendy Hefte mit der Bravo ausgetauscht. Ich bin zwar schon noch reiten gegangen mit Leuten. Aber es war nicht mehr so wichtig.

Durch die Verschiebung der Mädchen-Pferdbeziehung zur Mädchen-Jungenbeziehung bei dir stellt sich aber auch die Frage, warum gerade durch das Pferd, auch wenn es nicht mehr da ist, diese Art eine Beziehung zu führen verinnerlicht würde. Was zum Beispiel dazu führen kann, dass es der Habitus der Frau, auf ein anderes Lebewesen aufzupassen und Verantwortung zu übernehmen so früh ausgeübt wird.

Im Sinne von caretaking?

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Sophia Süßmilch. Kann ich mal die Braun? © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll

Genau, dass diese romantische und mythologische Idee mit etwas Einswerden, ob mit dem Pferd oder mit einem anderen Menschen, und für ein anderes Lebewesen Sorge tragen, nochmals in einer abgeänderten Version dieses, wie du es beschreibst, „Liebesgefühls“ als Symptom, auftreten kann.

Ja, Frauen wollen sich eher um etwas kümmern und Verantwortung übernehmen. Die Frage, die ich mir stelle, ist warum Frauen dieses Sorgetragen so früh drinnen haben. Bekommt man es beigebracht oder ist es angeboren? Und warum trägt man es das erste Mal bei Pferden aus? Aber die Sache der Verschmelzung mit dem Tier ist auch eine Illusion. Das Pferd tritt dich auch tot, wenn es Panik hat. Die Pferd-Menschliebe ist keine gleichwertige Liebe, weil das Pferd kein Mensch ist.

Inwieweit siehst du dich als Künstlerin einer institutionellen Dressur unterworfen im Bezug auf den historischen Kontext und die sozialen Strukturen des Kunstbetriebes?

Inwieweit ich mich eingeschränkt sehe? Enorm, gerade wenn ich viel Stress habe, weil Eröffnungen etc. anstehen. Man kann sich von der Kunstzirkusdressur halt besser innerlich befreiten, wenn man genug Geld hat. Gleichzeitig musst du dazu in der Regel erstmal die Regeln des Kunstbetriebes befolgen. Am liebsten sitze aber einfach im Atelier höre Musik, recherchiere und male, sowie ich früher im Wald ausreiten war. Ich kann das aber auch nur machen, wenn es sich selbstfinanziert. Vor allem als Frau ist es schwerer in eine Galerie zu kommen, weil man nicht so ernst genommen wird. Ich habe mal eine Arbeit gemacht Männer regen gesellschaftsrelevante Diskurse an, Frauen machen autobiographische Kunst. Ich habe das Gefühl, dass die Wahrnehmung dort hingeht.

Und die Pforelle?

Das ist ein Witz. Es gibt auch relativ platte Bilder, die oft am besten ankommen, weil die Identifikationsfläche größer ist.

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Sophia Süßmilch. Kann ich mal die Braun? © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll

Kommen wir zurück zum Pferdethema und zum implizierten Macht- und Freiheitsgefühl. Für was glaubst du steht das Pferd heute in deinen Arbeiten von 2018, die du bei Aa-Collections gezeigt hast? Zum Beispiel in Entweder reiten oder Ballett, für beides haben wir einfach kein Geld? Dafür hast du dir einen schönen klischeehaften Titel ausgesucht.

[Lacht] Das ist ja der Grundsatz der Mittelklassediskussion. Ich habe das Pferd so gemalt, dass bei ihm die Knochen herausschauen, wie in der Ballettpose. Der Witz ist dabei, dass das auf das Pferd übertragen wird, um nicht die Person selbst zu sehen. Im Triptychon Alles hört auf mein Kommando stehe ich in der Mitte mit den Cowboystiefeln und zwei Bananen, umgeben von Hengsten. Da geht es mir ganz dezidiert darum ein Machtgefühl darzustellen.

Der Humor und die Ironie haben in deiner Kunst Vorrang, woher kommt das?

Ich halte das ohne den Humor, der in den Bildern ist, nicht aus. Humor macht es erträglich. Ganz oft ist der Humor auch der Zucker, der eine Zugänglichkeit für das Publikum herstellt—aber er ist auch ein Eskapismus für mich. Geschichten verbinden die Menschen, und nicht der Humor. Aber oft ist man erst bereit sich eine Geschichte anzuhören oder sich mit etwas auseinanderzusetzen, wenn der Zugang leichter ist.

Der Humor ist sozusagen der Zuckerwürfel für das Pferd?

Ja, weil die Sache leichter verdaut wird. Bei meiner Performance Kann ich mal die Braun? für das 21er Haus, die sich auf Günter Brus und die Wiener Aktionisten bezogen bezieht, war es mir wichtig einen anderen Zugang zu erschaffen als über die Dramatik, die zu dieser Zeit üblicher war. Ich finde eine slapstick performance löst oft mehr aus als tausend Liter Schweineblut.

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