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Antje Schupp. Foto von Julian Baumann
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Henrike Iglesias. Foto von Julian Baumann
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The Agency. Foto von Julian Baumann
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Florentina Holzinger. Foto von Julian Baumann
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Britta Thie. Foto von Julian Baumann
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Eunkyung Jeong. Foto von Julian Baumann
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Damian Rebgetz. Foto von Julian Baumann

Sharing is Caring: »X Shared Spaces« der Münchner Kammerspiele

August 2, 2018
Text by Lewon Heublein
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Antje Schupp. Foto von Julian Baumann

X Shared Spaces thematisiert die Chancen und Widersprüche der Ökonomie des Teilens und führt durch München und andere digitale Räume.

Die Start-ups, die das Leben einfacher machen wollen, werden immer größer und diversifizierter. Airbnb, die Plattform zur Buchung und Vermietung eigentlich privater Unterkünfte, wird inzwischen mit über 300 Billionen Dollar bewertetet und steht damit auf Augenhöhe mit den größten Hotel-Franchises. Start-ups wollen nicht den Status Quo verändern, sie wollen ihn nur bequemer machen. Mehr Quality-Time für alle lautet das große Versprechen. Leisten können aber sich das nur die Wenigsten.

Mit dem Performance-Parcours X Shared Spaces untersuchen die Münchner Kammerspiele die neugeordneten Lebensräume, die sich vermehrt und bedingt durch Peer-to-Peer Economy in den überfüllten Städten breitmachen. Über 20 private und privatisierte Orte wurden künstlerisch angeeignet und auf die Potentiale von digitalen und normabweichenden Räumlichkeiten, die eben nicht rein ökonomisch geprägt sein müssen, untersucht. Vorbei an Baustellen für zukünftige Smartcitys in der Vorstadt Neuaubing, durch Baukastenstraßen der Parkstadt Schwabing, hin zum Hauptbahnhof-Viertel der Ludwigsvorstadt, wo 15 Wettbüros auf ein 5-Sterne Hotel fallen.
Zu zweit können diese Stationen, kuratiert von Helena Eckert, Christoph Gurk und Martin Valdés-Stauber, auf drei Routen in 10-Minuten-Slots erschlossen werden. Dabei trifft man auf den Hoverboard fahrenden Sad Muscle Boy Jeremy Nedd, wohnt Smartphone-Ritualen von der Hexe Protekorama aka Johannes Paul Raether bei und erkundet die Technologie der Zukunft in Form eines schwindelerregenden Virtual-Reallity-Films von Chris Kondek und Christiane Kühl.

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Henrike Iglesias. Foto von Julian Baumann

In einem Edel-Loft aus Beton mit zwei Balkonen feiert die Young Boy Dancing Group eine ewige Afterhour. Mit Whiskey, Enya Remixes und Laserpointern in verschiedenen Körperöffnungen dehnt sich das erhabene Jetzt unendlich aus. Dance my Gentrification. Auf die artifizielle Spieglung der Verhältnisse treffen Alternativen: Henrike Iglesias Wohnwagen voll mit pinken Plüsch ist Wohnraum und Produktionsstätte für Fetischvideos, durch deren Vertrieb im Internet die Unabhängigkeit der beiden Bewohnerinnen gesichert wird.

Die Creative Class, die von Stadt zu Stadt, von Projekt zu Projekt jettet und möchte nicht mehr besitzen, sondern so kurz wie möglich mieten. Mit dem Startup Home Away from Home bieten THE AGENCY einen Service, der den liquiden GlobetrotterInnen in deren Kurzzeitwohnungen das Gefühl von Zuhause vermitteln. Das kann ein steril gehaltener Pfirsich – immer frisch geliefert von Amazon Prime – sein oder es rekelt sich ein Doppelgänger des Lieblingsmenschen auf dem Designerbett, während der gemeinsame Song aus den durchsichtigen Bluetooth-Boxen schallt.

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The Agency. Foto von Julian Baumann

Während die Dienstleistungen individueller werden, wachsen die Bürokomplexe von Amazon und Microsoft im Münchner Silicon Valley weiter in die Höhe. Mit dem Hochgeschwindigkeitsaufzug geht es in den 30. Stock zum Selfieworkshop der Ergonomics. Um die 1.000 Euro pro Tag würde es kosten, wenn man sich hier in die Co-Working-Spaces einmieten möchte, um zum Beispiel Meetings abzuhalten oder an wichtige Kunden zu pitchen, aber im Tagesgeschäft kein eigenes Büro mehr braucht. Die Flächen für digitales Nomadentum sind schon längst gebaut und warten auf ihre BenutzerInnen. 

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Florentina Holzinger. Foto von Julian Baumann

So wie zum Beispiel in den SMARTments, der Station von Antje Schupp, die nur einige Schritte entfernt sind. Diese sind Apartments, die man für kürzere oder längere meist berufliche Aufenthalte buchen kann. Wenn man mehr als drei Monate bleiben möchte, ist das auch kein Problem, den Meldeantrag gibt es bei der Rezeption. Ausgestattet ist die Miniwohnung mit Bett, Flatscreen, Kühlschrank, Kaffeemaschine und drei Nespresso-Kapseln. Aber ohne Salz, Zucker oder Öl. Das nötigste eben und ja nicht zu viel.

Der Erkundungsrausch der Stadtränder – so viel Selbstkritik muss sein – schmeckt ja auch irgendwie nach Freizeitbeschäftigung für die neue kreative Mittelklasse, die auf der Suche nach dem sauberen Authentischen ist. So gelangt man auch in das Innere eines unberührten Boxclubs mit Muhammad-Ali-Airbrush-Bildern an den Wänden. Hier stehen weniger die technischen Spielereien als das Community-Building solcher Orte im Fokus von Florentina Holzinger & Sergej Maingardt.

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Britta Thie. Foto von Julian Baumann

Einen Blick in die Planungscontainer der zukünftigen Smartcity kann man bei Britta Thies Video-Installation erhaschen. Während Dan Bodan seinen süßlichen Postpop in die Baustellenromantik erklingen lässt, laufen auf Leinwänden Videocamaufnahmen von Thie im Teenageralter oder einige Commercials aus ihrer Webserie Translantics. 

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Eunkyung Jeong. Foto von Julian Baumann

Wer von dieser Raumplanung profitieren wird, in der alles effizienter und smarter wird, ist vermutlich allen Beteiligten schon vor dem Spaziergang klar. Gerade das Zuhause sollte, laut Xenofeministin Helen Hester, verstärkt zum Bestandteil von poltischen Umverteilungsdebatten werden. Statt Rückzug ins privilegierte Private fordert sie kommunales Zusammenleben und soziales Effizienzdenken, welches auch Heimarbeit erleichtert.
Aber umso wichtiger erscheint eine direkte Konfrontation mit positiven und negativen Effekten der Sharing Economy zu sein, um Potentiale zu entdecken zu können und um Handlungsmacht aufzuzeigen oder Utopien zu entwickeln. X Shared Spaces macht klar: Die digitalen und davon betroffenen analogen Räume dürfen nicht den Konzernen überlassen werden. Aber dazu sind wohl Hacks in verschiedenen Formen nötig. So wie zum Beispiel der manipulierte, singende Reiskocher von Jaha Koo & Eunkyung Jeong.

Ganz zum Schluss einer Route landet man im Schrebergartenhäuschen von Damian Rebgetz und bekommt mit einem unheimlich anmutenden Grinsen Bowle mit Früchten aus dem behüteten Garten gereicht. Ein Tisch im benachbarten Biergarten ist für alle StadttouristInnen am Ende ihres Trips reserviert. Nach Bier und Wein kommt das Uber in Form einer Mercedes-E-Klasse. Es ist erst der dritte Personentransport von Mehmet überhaupt. Er will eigentlich Uber-Partner werden, Autos kaufen und andere zum Stundenlohn fahren lassen. Gerade macht er nur Recherche, um besser kalkulieren zu können. Man wünscht ihm viel Glück. 

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Damian Rebgetz. Foto von Julian Baumann

Route I Neuaubing mit doublelucky productions / Chris Kondek & Christiane Kühl, Mahin Sadri & Amir Reza Koohestani, Kinan Hmeidan, Florentina Holzinger & Sergej Maingardt, Christiane Huber & Gerhard Jilka, Die Freie Polizeiklasse, Jaha Koo & Eunkyung, Jeong Britta Thie & Dan Bodan

Route II Parkstadt Schwabing mit THE AGENCY, Felix Lübkemann, Antje Schupp, Ergonomics, Henrike Iglesias, Jovana Reisinger & Ludwig Abraham, Damian Rebgetz

Route III Ludwigsvorstadt mit Jeremy Nedd, Johannes Paul Raether, Billinger & Schulz, Young Boy Dancing Group, Franz Wanner, Josefa Nereus im Residenzprogramm der Burschenschaft Molestia, Leon Eixenberger, Mariam Ghani in Kollaboration mit You have to be as cool as Alain Delon und den Workshops von Kissi Baumann & Achim Waseem Seger, Bellevue di Monaco 

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