Rudolf Polanszky Secession by Amar Priganica Rudolf Polanszky Secession by Amar Priganica
Foto von Amar Priganica

Rudolf Polanszky: »Materialien sind mir eigentlich völlig egal«

March 28, 2018
Text by Amar Priganica
Rudolf Polanszky Secession by Amar Priganica
Foto von Amar Priganica

Seit Mitte der 70er Jahre hat Rudolf Polanszky ein vielschichtiges Oeuvre geschaffen, das von konzeptuellen Film-, Video- und Fotoarbeiten über Zeichnung und Malerei bis zu skulpturalen Objekten und Assemblagen reicht. In seiner aktuellen Einzelausstellung Eidola zeigt er in der Wiener Secession Arbeiten aus unterschiedlichen Werkgruppen und hinterfragt dabei, mit ausgeprägter Skepsis an der Sinnstiftung, die festgefahrenen Denkmuster der Natur- und Geisteswissenschaften. Ein Interview von Amar Priganica.

Ein zentraler Bestandteil deiner Arbeit ist der Widerspruch – theoretische Konstrukte werden in einer freien, impulsiven Art verarbeitet und dekonstruiert. Wie gehst du an die Produktion deiner Arbeiten heran?

Es ist nun mal so, dass die Welt nicht so einfach funktioniert. Und ich finde es ganz schlüssig, sich Gedanken darüber zu machen, was der ganze Irrsinn soll. Es gibt natürlich die Vernunftbegabten, die Dinge ausschließen, welche in ihren Vernunftschemata keinen Platz finden. Daraus folgen all diese hermetischen Versuche irgendwelche Ausdrucksweisen zu finden, die widerspruchsfrei sind – und die gibt es schlicht und einfach nicht. Die Mathematik ist nicht widerspruchsfrei, die Logik ist es genauso wenig, nichts ist widerspruchsfrei. Es wird einem eigentlich immer nur so verkauft als ob es so wäre, bis man dann zum Idioten wird, der das nicht verstanden hat. Das Faszinierende sind doch eben unfertige Systeme, die Paradoxien aufweisen. Die schrecklichste Vorstellung für mich ist ein völlig fertiges System, in dem alles stimmt. Damit ist alles aus. In solch einem Fall könnte man auch in seiner eigenen Vorstellungskraft gar nicht mehr überleben.

Immer und überall herrscht diese Obsession, Dinge festzunageln, sei es um sich zu orientieren oder die Falsifizierbarkeit eines Systems belegen zu können. Daran sind schon einige hochintelligente Menschen zugrunde gegangen. Der österreichische Mathematiker und Logiker Kurt Gödel ist durch seinen Beweisbarkeitszwang völlig irregeworden. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass jemand der so rational, logisch und komplex denken kann, glaubt es gäbe irgendwelche Dämonen, die ihn vergiften wollen. Daraufhin hat er einfach nichts mehr gegessen und ist aufgrund von Unterernährung und totaler Entkräftung gestorben. Da sieht man schon wieder das Paradoxon, es ist völlig wahnsinnig! Die Möglichkeit, dass etwas immer noch irgendeine andere Verzahnung hat, regt ja bekanntlich zum Nachdenken an. Man kommt auf einen Entschluss und ist begeistert, bis man dann nach kurzer Zeit merkt, dass es sich schon wieder nicht richtig lösen lässt – ich stelle mir das wahnsinnig unbefriedigend vor. Das kann mir auch zum Glück nicht passieren, da ich keinen Anspruch auf wahr und falsch habe. Für mich ist es ein Spiel. Ich kann jedes Mittel zu jedem möglichen Zweck verwenden.

Dennoch lassen sich Konstanten in deinem Oeuvre erkennen. Du beschränkst dich beispielsweise auf einige immer wiederkehrende Materialien wie Metall, Spiegel und Sperrholz.

Theoretisch wäre mein Repertoire schon unbegrenzt, aber das hat natürlich starke Sympathiefaktoren. So wie man sich auch bei anderen Angelegenheiten für Dinge entscheidet, zu denen man eine gewisse Affinität hat. Irgendwann bin ich jedoch darauf gekommen, dass mir Materialien eigentlich völlig egal sind. Es war nur so, dass ich versucht habe irgendetwas zu finden, mit dem ich innerhalb meines Kunstbegriffes arbeiten kann. Die Kunst ist ja etwas Irrationales, ganz klar. Was mit ihr auftaucht und existiert, ist so vielfältig und kann nicht auf einen Aspekt reduziert werden. Für mich ist die Kunst eine Verwendungsmöglichkeit, die es anderweitig nicht gibt, da sonst alles immer auf Zweck und Nutzen ausgerichtet ist. Jede Definition muss einen Zweck erfüllen. Jede Gleichung, jedes Ding, das hergestellt wird, dient einer Sache. Dazu ist es da, sonst hat es keinen Sinn. Dann bin ich darauf gekommen, dass das natürlich wie eine Art Versklavung des Materials ist, das dazu gezwungen wird, diesen Zwecken zu entsprechen - und zwar besser und schlechter, deswegen gibt es gute, schlechte, teure und billige Produkte. Und wenn man es nicht mehr braucht, dann schmeißt man es eben weg. Ab diesem Zeitpunkt werden die Materialien frei, da sie plötzlich von ihrem Zweck losgelöst sind. Das ist ein sehr schöner Aspekt – zwar ebenso ein illusorischer aber den habe ich sehr gern. Den Scheinaspekt der Freiheit, die Autonomie, die es überhaupt nicht gibt. Aber als Vorstellung geistert sie dauernd durch alles was ich tue. Ich verwende nichts was noch in einem Herstellungsprozess als zweckgebunden definierbar ist. Deswegen nehme ich aus den Dingen alles heraus, was darauf verweist wofür diese früher da waren.

Oft machen das Künstler genau umgekehrt - sie verwenden einen Gegenstand und kippen ihn aus dem Sinngefüge. Wenn man zum Beispiel einen Hammer nimmt und ihn so positioniert, dass er als solcher nicht mehr dient, wird man ihn dennoch als Hammer identifizieren können. Ich möchte die Identität rausnehmen. Und die Identität eines Gegenstandes ist genau das, was seinen Nutzen widerspiegelt. Diese gibt dem Betrachter sofort die Möglichkeit, sich daran festzuhalten: „Ha, da ist ein Hammer!“. Und genau das möchte ich in meiner Arbeit völlig eliminieren.

In deinem Kunstverständnis lehnst du also jede Form von Sinn und Zweckhaftigkeit ab. Wie stehst du zu dezidiert politischen Arbeiten?

Wenn es etwas gibt, das man nicht mit der Kunst machen kann, dann braucht man die Kunst dazu nicht. Das ist ganz einfach. Die Parameter der Kunst sind so beweglich, dass sie sich überhaupt nicht festlegen lassen – das macht sie sozusagen frei. Wenn man diese Parameter jedoch vordefinieren möchte, heißt das schon eine Grenze zu ziehen. Bei politischen Arbeiten ist ja oft schon ein Konzept von Identitäten, Herkünften, Begriffen und Weltgeschichte vorhanden. Und das würde ja mein Kunstverständnis schon von vornherein beschränken. In solch einem Kontext wird die Kunst schnell zur Illustrationsmethode – gesellschaftlich-politische Sachverhalte werden bekanntlich oft durch die Kunst, als Attraktor der Aufmerksamkeit und Unterhaltung, dargelegt und veranschaulicht. Selbstverständlich kann man auch umgekehrt einen Aufmerksamkeit erregenden Attraktor bewusst in einem Kunstkontext verwenden. In meiner Videoarbeit „Transaggregate Strukturen“ erklärt dir eine Affen-Bauchrednerpuppe die Kunst. Es ist ja ganz klar, dass da alle hinschauen. Wenn man jetzt nur den Text hören würde, würde jeder denken, dass das ein völliger Blödsinn ist. Und so schaut man sich das halt an.

In „Die Semiologie der Sinne“ ist das Element der Unterhaltung ebenfalls zu erkennen. Die BetrachterInnen bekommen hier die Gelegenheit, dir dabei zuzusehen wie du dich vor der Kamera betrinkst – der Akt des Trinkens als Attraktor der Kunst sozusagen. Wie ist diese Arbeit entstanden und was war die Motivation dahinter?

Wir haben generell viel getrunken und in der Zeit war das Trinken überhaupt so eine Art von Lebensform. Das hatte damit zu tun, dass wir diese rationale Ausrichtung, alles kontrollieren und immer bei gutem Bewusstsein sein zu müssen, dadurch provozieren wollten. Wir haben damals auch Leute, die nichts getrunken haben verachtet – Feiglinge die sich nicht getraut haben die Kontrolle über sich aufzugeben und mal durch das »Höllentürchen« durchzuschlüpfen. Da kommt natürlich auch viel Unsinn dabei raus, aber eben nicht nur. Diese Veränderungen und Modifikationen die sich dabei bilden, muss man auch erleben wollen. Und durch »Die Semiologie der Sinne« habe ich erstmals gesehen, wie man eigentlich durch diese Droge transformiert wird. Man verändert sich ja auch physiologisch, man schwillt an. Dann es geht oft ganz schnell, die Haare stehen nach einer Stunde schon zu Berge. Mich hat das fasziniert. Daher habe ich mir gedacht ich mach mal einen Film und sauf mir einfach einen an, dann sehe ich ja was da so passiert. Ich konnte dadurch an mir selbst diese Veränderung beobachten, die ich normalerweise nur bei anderen sehen konnte. Das war der Hauptgrund.

In dem Prozess werden gewisse Zeichenketten erzeugt, die sich wiederholen. Es wiederholt sich ja alles andauernd und das ist eben auch beim Rausch der Fall. Zum Beispiel so Stereotypen aus irgendwelcher Verlegenheit, wenn man dann das Glas hebt und melancholisch zum Fenster schaut – das passiert im Film andauernd. Dass ich mich dabei übergeben habe, war Zufall, ich wollte das gar nicht. Ich war nur schlecht beisammen. Für die Aufnahme des Filmes habe ich eine stehende Kamera mit drei Minuten Super 8 Film verwendet. Demnach musste ich immer aufstehen um die Rolle zu wechseln. Man sieht ja auch, dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr imstande war den Film richtig reinzugeben. Das gehört alles zu der Umgebung dieser semiologischen Struktur, die sich da bildet. Mir war natürlich auch bewusst, dass die Leute das lustig finden werden oder denken, dieser Film sei eine Schweinerei. Das war schon irgendwie sehr komisch. Es ist interessant, etwas unter anderen Gesichtspunkten zu beobachten, an dem man sonst immer selbst teilnimmt. Ich weiß nicht ob es erkenntnishaft war - wohl eher weniger. Aber es ist zumindest bereichernd gewesen. Bereichernd in seiner eigenen Armut.

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