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Foto von Lisa Rastl
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Realität, Körper und Medium: Willi Dorners »many« untersucht digitale Bilderwelten

December 6, 2018
Text by Wera Hippesroither
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Foto von Lisa Rastl

Die Kompanie Willi Dorner präsentiert im Wiener Tanzquartier mit many das mediale Substrat ihrer langjährigen Beschäftigung mit Körpern, Öffentlichkeit und Individualität.

Der österreichische Choreograph Willi Dorner beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit und setzt die Körper seiner PerformerInnen immer wieder mitten im städtischen Geschehen in Szene. Aufsehenerregend sind vor allem seine weit getourten Arbeiten every-one und bodies in urban spaces, die auch als Film beziehungsweise Fotobuch, teilweise sogar als Modekampagne umgesetzt wurden. Dabei werden nicht nur Fragen von Privatheit und Öffentlichkeit verhandelt, sondern auch von Uniformität und Individualität. Genau hier setzt die aktuelle Performance many an. Beim Impulstanz Festival dieses Jahrs war bereits eine Vorschau, gewissermaßen eine Werkstatt-Einsicht in den laufenden Arbeitsprozess zu sehen. Das Ergebnis wurde nun im Tanzquartier präsentiert.

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Gestalteten sich frühere Arbeiten, wie die oben erwähnte every-one, als Interventionen direkt im urbanen Raum, ist many nun für die Bühne konzipiert. Die Choreographien im öffentlichen Alltag zielten oft darauf, eine neue Perspektive auf Gewohntes zu werfen und die Art und Weise der Bewegung des eigenen Körpers durch den Stadtraum zu befragen. Spielte hier vor allem der körperliche Einsatz der PerformerInnen eine große Rolle, etwa beim uniformierten Gehen im Gleichschritt oder beim an Tetris erinnernden Zusammenquetschen im Türrahmen eines Geschäftseinganges, ist es bei many die digitale Körperschaft, die zum Thema gemacht wird.

Willi Dorner verhandelt in der von Britt Kamper und Esther Steinkogler performten Choreographie die mediale Ebene des Ich und wagt einen Blick hinter die many, many, many Faces, die wir uns tagtäglich in sozialen Netzwerken oder auf diversen Plattformen zulegen. Die Performance untersucht Internet-Identitäten und fragt nach der Verfassung unserer digitalen Körperschaft. Das Ganze gerät dank einer guten Portion Humor zu keinem Lamento über digitale Abstumpfung, hier wird nicht einfach nur gezeigt, wie wir uns im digitalen Raum bewegen. Many untersucht Mechanismen der Herstellung von Wirklichkeit und testet diese selbst aus. So lässt sich stellenweise kaum mehr zwischen medialem Abbild und realer Handlung auf der Bühne unterscheiden, etwa wenn sich eine Live-Aufnahme mit einer offenbar vorab aufgezeichneten, identen Bewegung auf der Leinwand deckt. Das Abbild wird brüchig, wenn die Performerin einen anderen Schritt setzt, als sie es auf der Leinwand tut oder wenn der kleine Schmetterling, der sich an diesem Abend grandioserweise ins Tanzquartier verirrt hat, unentwegt auf der Bühne umherschwirrt und gegen die hell leuchtende Leinwand fliegt.

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Many ist keine Abrechnung oder Anklageschrift über die vielen, vielen, vielen digitalen Identitäten, die wir uns Tag für Tag basteln, sondern eine logische Konsequenz aus Willi Dorners Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Körperschaft und Öffentlichkeit. Auf einer medialen Ebene werden Wirklichkeiten hergestellt und gleichsam entstellt, die Performance offenbart einen Bruch zwischen Realität und Bilderwelt, was einen Blick hinter das Bild erlaubt. Willi Dorner wählt für diese Untersuchung passenderweise höchst komplexe mediale Mittel und Techniken, die eine weitere Reflexionsebene ermöglichen und sich gewissermaßen selbst befragen. Neben den Performerinnen werden diese Medien zu Mitspielern. So sind es vor allem die von Florian Kmet und Paul Ebhart konzipierten Soundwelten und die von Adnan Popović produzierten Videosequenzen, die die trügerische Qualität des medialen Bildes offenbaren und sich selbst als brüchiges Abbild präsentieren, das in Relation zur Körperschaft auf der Bühne steht.

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