Porn Film Festival Vienna 2018 Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Dirty Boots". Regie: Adam Baran. USA 2014.
Porn Film Festival Vienna 2018 Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Boy Is a Bottom by Willam". Regie: Shawn Adeli. USA 2013.
Porn Film Festival Vienna 2018 Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Borderhole". Regie: Amber Bemak, Nadia Granados. Mexiko, Kolumbien, USA 2017.

Porn Film Festival Vienna: »Porno kann nie nicht politisch sein«

February 28, 2018
Text by Phil Koch
Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Dirty Boots". Regie: Adam Baran. USA 2014.

Das Porn Film Festival Vienna bringt nun erstmals Pornofilme in die Programmkinos der österreichischen Hauptstadt. Es ist höchste Zeit.

Nach internationalem Vorbild, wie etwa den Festivals in Berlin oder Toronto, präsentiert das Porn Film Festival Vienna vom 1. März bis 5. März 2018 ein umfangreiches Erotikfilm- und Dokumentationsprogramm: Unter anderem im Top Kino, dem Erotikkino Fortuna und der Virtual Reality Lounge darf man es sich gemeinsam mit Freunden und Fremden bequem machen. Das Festival beschränkt sich jedoch nicht auf kollektiven Pornokonsum, sondern möchte feiern, diskutieren und zeigen, welche Vielfalt es außerhalb des heteronormativen Mainstreams zu entdecken gibt.

Wir haben uns mit dem Gründer und Festivaldirektor Yavuz Kurtulmus sowie den Kreativdirektoren Saif Can, Jasmin Hagendorfer und Gregor Schmidinger anlässlich der Festival-Premiere über die Programmgestaltung, die Notwendigkeit einer neuen Pornofilmrezeption und Trends in aktuellen Produktionen unterhalten.

Warum braucht Wien ein Pornofilmfestival?

Yavuz: Seit Jahren haben wir beim Transition Film Festival [International Queer Minorities Film Festival; Anm. d. Red] eine Kooperation mit dem Porn Film Festival in Berlin und haben eine Pornonacht veranstaltet, die immer ausverkauft war. Aus diesem Grund denke ich, dass Wien mehr als bereit für ein solches Festival ist. Es gibt auch seit Jahren bei anderen Festivals immer kleinere Events, die zeigen, dass die Nachfrage groß ist. Außerdem wollen wir mit dem Festival einen breiten Raum für Diskussionen und Diskurs schaffen.

08/15 Filme sucht man in eurem Programm vergebens. Nach welchen Kriterien habt ihr das Programm zusammengestellt?

Yavuz: Es konnten Filme eingereicht werden, wir haben uns aber auch aktiv auf die Suche nach Filmen in diesem Bereich gemacht. Zudem haben wir darauf geachtet, dass das Programm möglichst divers und sich fernab der Mainstream Pornoindustrie bewegt.

Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Boy Is a Bottom by Willam". Regie: Shawn Adeli. USA 2013.

Es gibt alleine auf Pornhub täglich durchschnittlich 81 Millionen Aufrufe – Pornos sind offensichtlich Teil unserer Alltagskultur. Dennoch findet sich das Thema nur selten in öffentlichen Diskussionen wieder und bleibt meistens Privatsache. Wie erklärt ihr das?

Jasmin: Es ist noch immer ein Tabuthema, weil es unsere vermeintlich intimste Seite aufzeigt – und diese wollen die wenigsten offenlegen. Außerdem ist Porno mittlerweile zu einer Konsumware verkommen, die in vielen Fällen genutzt wird ohne sie zu hinterfragen.

Saif: Porno ist zumeist ein Konsumgut, welches man privat nutzen kann, das aber auch zur Aufklärung benutzt werden kann. Für viele Menschen die ihre Sexualität beispielsweise nicht offen ausleben, kann Pornographie auch ein Weg sein sich mit der eigenen Sexualität im eigenen Safe Space auseinanderzusetzen.

Die Darstellung von gewaltverherrlichenden Inhalten sind medial weitverbreitet und scheinbar auch gesellschaftlich akzeptierter als sexuell explizite Inhalte. Warum ist das so?

Jasmin: Ich habe das Gefühl, dass sich gewaltverherrlichende und sexuell explizite Inhalte im Mainstream Porno sehr oft mischen. Pornos spiegeln schließlich gesellschaftliche Machtverhältnisse wider und beinhalten oftmals reine Objektivierung von Frauen. Dass das nicht immer so sein muss, wollen wir mit unserem Programm beim Porn Film Festival Vienna aufzeigen. Außerdem kann es auch eine spannende Erfahrung sein sich pornographische Inhalte mit anderen Menschen zusammen im Kino anzuschauen um anschließend darüber zu sprechen.

In einer Retrospektive betrachtet ihr während des Festivals österreichische Positionen in der Pornografie. Wodurch zeichnen diese sich aus?

Saif: Wien gilt seit jeher als die Hauptstadt des Sex und in der Retrospektive wollen wir den Weg von den ersten österreichischen Pornos der Saturn Filme bis hin zu spannenden Werken aktueller Filmschaffenden aufzeigen.

Welche spannenden, zeitgenössischen AkteurInnen des Genres legt ihr Interessierten ans Herz?

Yavuz: Ich würde vorschlagen, dass sich alle das Programm anschauen sollten, da Geschmäcker schließlich verschieden sind. Wir haben außerdem sehr viele Filmschaffende und AkteurInnen zu Gast. Nach den Screenings wird es die Möglichkeit geben sich zu unterhalten und inspirieren zu lassen.

Porn Film Festival Vienna 2018
Video Still aus "Borderhole". Regie: Amber Bemak, Nadia Granados. Mexiko, Kolumbien, USA 2017.

Lassen sich Trends in aktuellen Produktionen erkennen?

Jasmin: In vielen aktuellen Produktionen lässt sich ein sexpositiver, feministischer und queerer Trend erkennen – das Spektrum wird immer breiter und erweitert sich beständig.

Ihr habt einen extra Programm-Punkt „Politcal Porn Shorts“. Worin seht ihr die gesellschaftspolitische Dimension von Pornographie? Wie wird diese vermittelt?

Gregor: Pornographie spiegelt immer Machtverhältnisse und politische Strukturen der Gesellschaft wieder – weshalb Porno nie nicht politisch sein kann. Abgesehen von den “Political Porn Shorts” haben wir außerdem weitere Programmpunkte, die sich mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigen und einen offenen Austausch mit dem Publikum ermöglichen.

Die Schattenseiten der Pornoindustrie sind bekannt. Was lässt sich gegen sexuelle Ausbeutung und Unfreiheit in der Branche tun?

Jasmin: Es muss sich sehr viel ändern. Abgesehen von den bekannten Problemen innerhalb des Business muss sich aber in erster Linie die Art der Rezeption ändern. Unser Pornoverhalten ist ja letztendlich dafür verantwortlich, was und wie produziert wird. Es muss in der gesamten Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entstehen, welche Strukturen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse hinter solchen Produktionen stehen. Es war uns auch wichtig, dass sich einige unserer Programmpunkte kritisch mit der Pornoindustrie auseinandersetzen.

Die Beschreibung eines Films zum Diskussionsabend über das Thema Pornosucht liest sich wie ein Anti-Porno-Pamphlet. Wie passt das zum Konzept des Festivals?

Gregor: Wir wollen durch unser Programm unser Publikum offen herausfordern. Durch den Diskussionsabend und den Film wollen wir außerdem einen Raum öffnen, um den eigenen Pornokonsum kritisch zu hinterfragen. Wir sind uns natürlich auch bewusst, dass das Konsumverhalten bezüglich Pornografie viele Schattenseiten mit sich bringt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text von Phil Koch

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PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

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Christian Glatz
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Phil Koch
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Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

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Elisabeth Falkensteiner
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Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth