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Spiegel. Zeichnung von Evelyn Plaschg
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Secession. Zeichnung von Evelyn Plaschg
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Schminken. Zeichnung von Evelyn Plaschg
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Nackt. Zeichnung von Evelyn Plaschg
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Zeichnung von Evelyn Plaschg

Philipp Timischl: »Jeder kommt mit bestimmten Markern auf die Welt«

December 5, 2018
Text by Pia-Marie Remmers
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Spiegel. Zeichnung von Evelyn Plaschg

Philipp Timischl spricht mit dem PW-Magazine über seine Ausstellung in der Wiener Secession, Unterwerfung und wie sie in die Freiheit führen kann.

Ein Interview von Pia-Marie Remmers mit Zeichnungen der Künstlerin Evelyn Plaschg, die Philipp Timischls Verwandlung in seine Drag-Persona illustrieren.

Wie hast du begonnen, dich auf deine Ausstellung vorzubereiten?

Als ich vor zweieinhalb Jahren zur Show eingeladen wurde, habe ich mir erstmal überhaupt keine konkreten Gedanken gemacht. Erst als im Sommer die Zeit immer knapper wurde, habe ich mir plötzlich relativ viel Druck gemacht – einfach auch weil es eine Ausstellung in der Secession ist.
Letztendlich habe ich mich dazu entschlossen, mit einem Fotoshooting zu beginnen, Material zu sammeln und zu sehen, was passiert. Wenn man mit anderen Leuten zusammenarbeitet und pragmatische Entscheidungen treffen muss, entwickeln sich aus der Arbeit ganz automatisch Ideen.

Du hast dich also mit dem Fotoshooting an die Räumlichkeiten angenähert? Du bist ja an Orte gegangen, zu denen BesucherInnen sonst keinen Zugang haben, oder an denen das Fotografieren verboten ist, Orte, die historisch stark aufgeladen sind …

In meiner Arbeit geht es oft um die Beziehung zwischen Publikum, Kunst und Künstler. In einer ehrwürdigen Institution wie der Secession auszustellen, bietet da natürlich viele Möglichkeiten. Generell schwankt mein Verhältnis zu diesen etablierten Kulturinstitutionen und ihren Mechanismen zwischen Lächerlichkeit und Ehrfurcht.
Ich komme ja vom Land, »Arbeiterklasse«. Bildung ist in meiner Familie nichts Erstrebenswertes und über Studenten macht man sich lustig. Andererseits bin ich schwul und habe früh gemerkt, dass ich genau in diesem Milieu Anschluss finden könnte.
Für das Fotoshooting habe ich dann diesen Drag Charakter entwickelt: Eine überprivilegierte Frau, die recht unbeholfen und womöglich deswegen übertrieben selbstbewusst durch das Museum stolziert. Ihr Outfit und Makeup sind farblich an die Institution angepasst, aber der Bikini und der viele Schmuck wirken gleichzeitig deplatziert.
Paul Clinton beschreibt das in seinem Text, den er für die Publikation geschrieben hat, ganz gut: »Yet it’s unseemly to be so exposed in a gallery, even in the supposedly liberal spaces of contemporary art where anything goes. They have misunderstood the invisible rules of conduct.«

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Secession. Zeichnung von Evelyn Plaschg

Und wie würdest du die Beziehung zu dem Model, mit dem du während des Fotoshootings durch die Räume ziehst beschreiben?

Er ist Teil der Story, die ich mit der Frau erzähle. Er ist jünger als ich, hypermaskulin und könnte mein Boyfriend oder Toyboy sein – vielleicht ein Escort. Zusammen erzählen wir diese stilisierte, heteronormative Geschichte. Dabei bin ich aber natürlich auch erst mal ein Typ in Frauenkleidern. Indem ich mich selbst nicht zu ernst nehme, habe ich das Gefühl, einfacher über ernsthafte Themen reden zu können.

Wie überträgst du den Inhalt der Fotografien in den Ausstellungsraum?

Die Ausstellung kann insgesamt als eine große Installation betrachtet werden, die aus Fotos, collageartigen Bildobjekten und Skulpturen besteht. Die Fotos, die beim Shooting entstanden sind, sind das Ausgangsmaterial. Am Boden der Galerie befinden sich überdimensionierte, liegende Podeste. Statt Kunstwerken zu dienen, beziehen sie sich allerdings auf das Publikum, dem so der Weg oder der Blick auf die Arbeiten versperrt wird. Das ist etwas, dass sich oft in meiner Arbeit wiederfindet. Um nochmal aus Paul Clintons Text zu zitieren: »[…] forcing viewers to crouch or bend over, thus adapting to the position of those on the margins, in a neat reversal of what happens in society at large.«

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Schminken. Zeichnung von Evelyn Plaschg

In diesem Zusammenspiel von Inhalt und Form geht es also vor allem um Zugänglichkeit?

Genau, es geht darum physisch erlebbar zu machen, worum es in den Arbeiten geht. Ich bin diese Frau, die Zugang zu exklusiven Räumen hat, den andere Leute nicht haben. Das soll sich im Aufbau der Ausstellung spiegeln. Es ist egal, ob ich 30 oder 6 Arbeiten zeige, sie sind das Material für eine Installation, die eine Situation schafft.

Oft passiert etwas Performatives in deinen Arbeiten, das man als BetrachterIn aber nicht miterleben kann, weil es bereits abgeschlossen ist und zu einem Objekt verarbeitet wurde.

Ich würde es nicht als performativ bezeichnen. Ich habe ja kein Publikum während ich die Fotos mache.
Natürlich, Drag an sich ist eine performative Kunst. Ich habe das auch schon mal versucht. Dieses Jahr zum Beispiel in Mailand bei einer Performance von Will Benedict. Ich sehe mich da aber nur als Statistin in der Arbeit eines anderen Künstlers. Mit dieser Ausstellung hat das nicht viel zu tun.

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Nackt. Zeichnung von Evelyn Plaschg

Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims beschäftigt dich schon lange und taucht jetzt sogar in deinem Katalog auf. Wieso ist dieses Buch so wichtig für dich?

Wo soll ich da anfangen (lacht). Die ganze Story ist irgendwie absurd. Ich habe dieses Buch gelesen und ich habe mich selten in etwas so extrem wiedergefunden. Das ist einfach zu 100% meine Geschichte. Das Buch hat mir ein Freund ungefragt geschickt. Am selben Tag hatte mir eine Freundin davon erzählt und ebenfalls am selben Tag ist die neue Frieze mit einem Interview mit Eribon von Paul Clinton erschienen. Es hat sich mir also gewissermaßen aufgedrängt.
Das Buch hat mich dazu gebracht, viel ehrlicher und offener mit meiner Herkunft umzugehen. Zu sagen, dass man »arm« aufgewachsen ist, ist für die meisten Leute gleichbedeutend mit einer unglücklichen Kindheit und deshalb mit Scham verbunden. So ist es aber gar nicht. Abgesehen von einigen homophoben Familienmitgliedern bin ich sehr glücklich aufgewachsen. Die Realität ist aber nun mal, dass mein Vater verstorben ist, als ich noch sehr jung war und meine Mutter Teilzeit im Supermarkt gearbeitet hat. Ganz offensichtlich hatten wir nicht viel Geld. Und im Unterschied zu vielen Leuten in der Kunst, die vielleicht momentan unter »prekären« Verhältnissen arbeiten, habe ich weder ein Sicherheitsnetz, noch wurde mir eine akademische Laufbahn nahegelegt. Ganz im Gegenteil.

Mich hat an dem Buch beeindruckt, wie Eribon in aller Öffentlichkeit mit sich selbst ins Gericht geht. Er versteckt nichts, weder vor sich noch vor dem Leser.

Ja, bei dem Thema spielt Scham eine große Rolle. Man flieht vor seiner Herkunft, seinem »Milieu« und kommt in diese Welt der Kultur; manchmal durch Zufälle oder, wie in meinem Fall, durch das Glück schwul zu sein.
Es ist ja geradezu gewalttätig, dass in unserem Umfeld ständig angenommen wird, dass wir alle einen ähnlichen Background haben, gewisse Dinge einfach wissen, im Geschmack übereinstimmen. Ich habe dazu so viele absurde Anekdoten. Jedenfalls musste ich mich damals erst mal allen Regeln, von denen ich dachte, dass sie existieren, unterwerfen, um irgendwo anzukommen.

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Zeichnung von Evelyn Plaschg

Du hast ja dann gleich nach der Uni angefangen erfolgreich und weitläufig mit Galerien auszustellen. Wie hat sich das ausgewirkt?

Das war natürlich ein sehr glücklicher Zufall. Wenn das nicht passiert wäre, hätte ich mir einen normalen Job suchen müssen, wie so viele, die ihr Studium abschließen und von ihren Eltern keinen Karrierestart als Künstler finanziert bekommen. Ich habe damals diese TV Skulpturen gemacht und die haben mich quasi über die Runden gebracht.
Nachdem ich ein paar Solo-Shows und mehrere Messen mit diesen Arbeiten gemacht habe, wurde es seltsam. Als eine Galerie mich gefragt hat, ob ich konkret noch drei Stück davon für eine Messe machen kann, hatte ich eigentlich schon keine Lust und auch keine »neuen« Ideen mehr. Da habe ich dann aber wieder bemerkt, dass ich gar keine Wahl habe. Eine Galerie sagt mir, ich könnte theoretisch 10000 Euro mit drei Arbeiten verdienen. Da gibt es keine Diskussion. Was würde meine Mutter sagen, wenn sie wüsste, dass ich so viel Geld ausschlage? Diese ungeschriebenen Regeln, nicht für einen Markt oder eine Messe zu produzieren, haben bei mir nicht gegriffen.

Wie war der Kontakt zu deiner Familie in dieser Zeit?

Ich habe und hatte eigentlich immer nur Kontakt zu meiner Mutter. Je wohler ich mich in meinem neuen Milieu gefühlt habe, desto stärker habe ich mich von zu Hause entfremdet. Für mich war das, als würde ich eine neue Sprache lernen und mit dieser Sprache kann ich nicht mit meiner Mutter kommunizieren. Ich habe sie ja selbst gerade erst erlernt. In diesem Sinne ist es auch utopisch, dass meine Familie versteht, was ich mache. Ich verstehe auch, dass sie nicht zu meinen Eröffnungen kommt. Es ist einfach eine unangenehme, stressige Situation, wenn man so etwas nicht gewohnt ist. Ich kenne das ja selbst nur zu gut.

Inwieweit ist es also wichtig, sich der gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, in die man hineingeboren wurde, bewusst zu werden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen?

Ich war letztens bei einem Talk von Éduard Louis und er hat unter anderem über den Begriff der Freiheit gesprochen. Jeder kommt mit bestimmten Markern auf die Welt: Ich bin Arbeiterkind, schwul, weiß etc. Freiheit ist für die meisten von uns nicht etwas, für das man kämpft, um sie zu behalten, sondern um sie überhaupt erst zu erlangen. Das fand ich gut.

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