Christine Gaigg Meet Tanzquartier Wien Christine Gaigg Meet Tanzquartier Wien
Foto von Karolina Miernik
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Meet Christine Gaigg: Das Spiel mit der Intimität

April 20, 2018
Text by Wera Hippesroither
Christine Gaigg Meet Tanzquartier Wien
Foto von Karolina Miernik

Die Choreografin Christine Gaigg alias 2nd nature lädt in ihr privates Zimmer ein und stellt die Frage, ob zwischen Fremden Nähe entstehen kann.

Christine Gaigg öffnet ihr Zimmer im Tanzquartier Wien und lädt in fünf Slots maximal zehn Gäste ein. Vor Eintritt folgt eine kurze Einleitung, in der die Grundregeln kommuniziert werden und alle Mobiltelefone eingesammelt werden. Danach gibt es noch eine kurze Entspannungsübung, bevor die TeilnehmerInnen einzeln in „Christines Zimmer“ geführt werden, wie der abgetrennte, geschlossene Raum auf der Bühne genannt wird. Die Performerin liegt nackt in der Mitte des kleinen Raumes auf einer Art Bett, nach und nach finden wir alle unseren Platz auf einer der vielen verschiedenen Sitzgelegenheiten. Die Spielregeln sind schnell klar. Alles kann, nichts muss. Namen gibt es hier keine, nur „dich“ und „du“ und ein „Nein“ darf es immer geben.

Der Verlauf bleibt offen: was geschehen wird, hängt vollkommen von der Gruppe und von deren Bereitschaft ab. Ob Nähe zwischen Fremden möglich sei, fragt die Performerin, während sie es sich auf dem Schoß einer Teilnehmerin gemütlich macht. Sie stellt Fragen in die Runde und erzählt von eigenen Erfahrungen. So bildet sich allmählich eine gewisse Dynamik, die Intimität zulässt. Es kommt zu weiteren persönlichen Geständnissen von anderen, zu Berührungen und Umarmungen zwischen Fremden. Gaigg schürt diese Situationen durch schonungslose Nähe, etwa wenn sie sich, immer noch halbnackt, an mich kuschelt oder an allen einzelnen TeilnehmerInnen schnüffelt und die verschiedenen Körpergerüche dann miteinander vergleicht.

Christine Gaigg Meet Tanzquartier Wien
Foto von Karolina Miernik

2014 feierte Christine Gaiggs Bühnenessay „Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?” beim Steirischen Herbst Premiere. Die Produktion vereint fragmentarische Tagebucheinträge und persönliche Reflexionen zum Thema Sexualität mit expliziten Darstellungen nackter PerformerInnen.

Die Entwicklungen des vergangenen Jahres, allen voran die international geführte Debatte um sexuelle Gewalt und die #metoo-Bewegung, gaben nun Anlass, die Produktion in einem neuen Licht zu betrachten und so wurde „Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?“ nach vier Jahren ein weiteres Mal im Tanzquartier aufgeführt. Im Anschluss folgte, unter dem Titel „This is where we are now“, eine Podiumsdiskussion mit Theaterschaffenden, AutorInnen und PhilosophInnen über die Verschränkung von gesellschaftlichen Normen und privater Sexualität, medialer Berichterstattung, Pornokultur und Gesetz. Der echte Höhepunkt des thematischen Schwerpunkts war jedoch „Meet“:

Christine Gaigg Meet Tanzquartier Wien
Foto von Karolina Miernik

Die Performance ist das Substrat der mehrjährigen Beschäftigung der Tänzerin Christine Gaigg / 2nd nature mit dem Zusammenhang von Sexualität und Gesellschaft; ist ein experimenteller Begegnungsraum und spielt mit der Intimität. Trotz der plakativen Nacktheit Gaiggs ist das Stück nicht so sehr auf das Thema Sexualität fokussiert, sondern schafft im geschützten Theaterraum tatsächlich Nähe zwischen Fremden. Das Ergebnis ist eine Begegnung, die nervös macht, aufregend oder anregend wirkt oder auch abschreckend, aber in jedem Fall berührend. Der spielerische und unbefangene Umgang mit dem Thema Sexualität erlaubt eine vielschichtige Auseinandersetzung. Die Begegnung findet im Theater statt, wirkt aber noch lange nach und so in den Alltag hinein.

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