Wiener Festwochen Hyperreality Marlene Engel by Apollonia Theresa Bitzan Wiener Festwochen Hyperreality Marlene Engel by Apollonia Theresa Bitzan
Foto von Apollonia Theresa Bitzan
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Marlene Engel: »Jeder Zeit ihre Musik, dem Club ihre Freiheit«

May 2, 2018
Text by Christian Glatz
Wiener Festwochen Hyperreality Marlene Engel by Apollonia Theresa Bitzan
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Unter der Regie von der Kuratorin Marlene Engel, setzen die Wiener Festwochen mit HYPERREALITY erneut experimentelle elektronische Musik in den Kontext globaler Clubkulturen. Für das Wiener Festwochen Programm der Intendanzzeit von Tomas Zierhofer-Kin, entwickelte Marlene Engel ein Format, in dem eine neue Gesellschaft erdacht und erlebt werden kann. Echte Momente des Miteinanders fungieren als Gegenentwurf zu einer Kultur der Angst. Marlene Engel begreift dabei elektronische Musik als elementares Ausdrucksmittel einer hyper-digitalisierten Gesellschaft. Letztes Jahr überzeugte dann die erste Ausgabe von HYPERREALITY als stimmige Gesamtinszenierung. Im F23, einer ehemaligen Sargfabrik, versammelt Marlene Engel heuer nun wieder Szenen und Communities aus aller Welt, um Musik als verbindende Kunstform zu feiern. Marlene Engel steht mit HYPERREALITY für eine Gegenwart der Veränderung und lenkt die Aufmerksamkeit auf prekäre Kulturproduktion und die Bedeutung der Gegenkultur. Ein Interview von Christian Glatz.

Letztes Jahr erlebte das Festival HYPERREALITY seine Premiere im Schloß Neugebäude. Für viele WienerInnen eine willkommene Abwechslung. Nun wechselt ihr ins F23. Warum?

Es ging immer darum, Räume zu nutzen, die weitgehend frei von Paradigmen sind, in denen jede und jeder potentiell willkommen ist und keine vorgefertigten Erfahrungswerte herrschen. Ein Festival, das sich Jahr für Jahr weiterentwickeln will, wie auch die Musik, die es präsentiert, sucht Jahr für Jahr passende Räume für neue Formate, on- und offline. Somit passt der Wechsel ins F23 ins Konzept des Festivals.

Mir wurde außerdem nahegelegt, dass wir im Fall einer Wiederholung von HYPERREALITY im Schloß Neugebäude wegen zahlreicher Lärmbeschwerden von AnrainerInnen 2017 im Folgejahr noch strengere Tonvorschriften bekommen würden. Es ist ohnehin schon eine Herausforderung, innerhalb der behördlich festgesetzten Vorschriften, frequenzreiche Musik zufriedenstellend zu präsentieren. Beim Festival 2017 war das wegen eines hoch professionellen Technik Teams und extrem hochwertigen Equipments sowie wegen Lärmdämmungsmaßnahmen weitgehend möglich. Das ist für uns eine der Voraussetzungen, die Musik in einem bestmöglichen Rahmen zu präsentieren, aber natürlich auch eine Art Privileg. In den meisten Wiener Clubs ist das alleine schon aus rein finanziellen Gründen nicht möglich. Mit schlechten Anlagen und den gleichen Auflagen verliert Bassmusik – von Techno bis Hip-Hop – einfach an Qualität. Meiner Meinung nach fehlt es hier an öffentlicher Unterstützung. Eine wichtige Aufgabe wäre, ClubbetreiberInnen, Kulturschaffenden oder VeranstalterInnen dabei zu helfen, eine qualitative und für die Musikrichtung hinreichende akustische Präsentation, unter Einhaltung bestimmter Auflagen, zu ermöglichen. Diese Hilfestellung könnte finanziell sein, oder in Form von Förderung der Lärmdämmung oder gar der Schaffung von Räumen. Ich glaube, ich spreche für die ganze Szene, wenn ich sage: Wir wollen keine AnrainerInnen stören! Dass AnrainerInnen und ClubbetreiberInnen oder VeranstalterInnen hier gegeneinander Anzeigen erstatten und teilweise in Gerichtsprozesse treten, ist eines von vielen gesellschaftlichen Problemen, bei denen Menschen gegeneinander vorgehen, statt sich gemeinsam auf systematische Verbesserungen zu konzentrieren.

Zurück zum HYPERREALITY: Wenn ein Mitarbeiter der Behörden am vierten Festivaltag die Anlage für erneute Einmessungen auf ein Minimum runter fahren lässt, frage ich mich, wann derartige Einmessungen zuletzt während einer Aufführung in der Staatsoper oder Musikverein gemacht wurden? Wir bekommen bei HYPERREALITY Auflagen mit Spitzen von 105 dB. Ein Symphonieorchester hat Spitzen bis zu 138,2 dB. Dazu kann man nur sagen: Gleiches Recht für alle oder plombiert die Staatsoper! Wie das praktisch aussehen könnte, nicht digitalisierte Instrumente zu limitieren? Man könnte Stoff in die Trompeten stopfen. In etwa so könnten sich InstrumentalistInnen die Begebenheiten aufgrund von gesetzlichen Vorschriften für elektronische MusikerInnen in Clubs vorstellen!

Welche Lehren hast du aus der Festivalausgabe des letzten Jahres gezogen?

Ich wollte das Festival heuer ein wenig verdichten, aber sonst bleibt vieles gleich. Besonders die kontrastreiche Programmierung und der Spaß an der Sache, kuratorisch sowie für die Gäste. Ich habe gelernt, dass sich Wien doch überraschen lässt und viele Dinge, die riskant waren, genau deshalb funktioniert haben. Beim Hypergacki dachten im Vorfeld anscheinend einige, dass das zu weit geht. Das Gegenteil war der Fall. Das Hypergacki für mich ein guten Beispiel für Inklusion. Im Falle des Klos suchten wir nach einem geschlechtsfreien, nicht-binären Symbol und da liegt der lachende Kackhaufen ja auf der Hand. Ein Zeichen, das die Leute verbindet, das alle gemeinsam haben, anstatt eines, das die Menschen in die nächste und wieder nächste Gender-Identity zerlegt. Zugleich ist es humorvoll und manchmal ist das gerade bei solchen selbst auferlegten Zuschreibungen wie Gender wichtig, um zumindest temporär etwas Neues zu schaffen. Sobald wir das Schloß oder die Sargfabrik verlassen, ist vieles wieder gleich, aber zumindest wurden sie um die Erfahrungen und Erkenntnisse des Festivals bereichert. Mich hat es jedenfalls immens gefreut, wie offen das Publikum in Wien ist!

Nicht unumstritten waren die personellen Konsequenzen des Geschäftsführers Wolfgang Wais auf die Kritik an der ersten Ausgabe der Wiener Festwochen unter der Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin: Er entließ deine KollegInnen Nadine Jessen und Johannnes Maile. Ein Bauernopfer?

Im Sinne einer Schachanalogie sehe ich Johannes und Nadine eher als Türme als Bauern.

Wie viel politischer Druck lastet auf den Wiener Festwochen und damit auch auf deiner Arbeit?

Das hängt davon ab, wie man den Begriff politisch im Kontext meiner Arbeit auslegt. Auf jedem Menschen lastet ein privater oder professioneller politischer Druck. Ob man diese Verantwortung auch wahrnimmt, ist wieder eine andere Angelegenheit. In meiner Arbeit nehme ich eine gesellschaftspolitische Verantwortung wahr, sowohl kuratorisch, als auch organisatorisch. Aus persönlichen Gründen und weil meiner Meinung nach bei der Arbeit mit öffentlichen Geldern diese Verantwortung automatisch mitgeliefert wird. „With great funding comes great responsibility“, würde Spiderwoman sagen.

Wie lässt sich das HYPERREALITY künstlerisch in die Tradition der Wiener Festwochen einordnen?

Jeder Zeit ihre Musik, dem Club ihre Freiheit. Die Wiener Festwochen haben eine lange Tradition in zeitgemäßer, vorwärtsgewandter Musik. In den 70er Jahren wurde zum Beispiel die Arena mitbegründet und in den 80er Jahren gab es mit Töne & Gegentöne bereits eine Musikfestivalschiene mit Fokus auf den Experimental- und Jazzbereich. Jazz oder klassische Musik sind nicht wirklich das zeitgenössische Sprachrohr unserer Generation. Das ist nicht wertend zu verstehen. Aus der Zeit heraus gesehen, sind diese Musikrichtungen natürlich genauso wertvoll und wichtig. Aber als internationales Kunstfestival richten wir den Blick auf das Jetzt und in Richtung Zukunft. Insofern fügt sich HYPERREALITY sehr gut in die Tradition der Wiener Festwochen ein. Wir leben in einer sich ständig wandelnden Zeit, was ja auch nichts Neues ist. Zum Beispiel gab es in den Kompositionen Johann Sebastian Bachs die Fugen, die durch ihre potentielle Unendlichkeit ein ständig fluktuierendes Jetzt ausdrücken. Die elektronische Musikszene hat sich enorm weiterentwickelt. Midi-Keyboards mit drucksensitiven Tasten sind bereits Schnee der 2010er Jahre. Die Möglichkeiten sind technisch, sowie klanglich nahezu infinite. Also denke ich, dass auch Bach mir Recht geben würde, wenn ich sage, dass unsere Zeit in anderen Klangwelten Ausdruck findet als in seiner. Wir haben die Klangwelten des Computers, von Laurie Anderson bis Holly Herndon, die Reichweite des Pop, von Michael Jackson bis Arca, die Vielfalt der Stimme, von Lauryn Hill bis Kelela, Hardware von Roland 303 bis Pioneer XCDJ, Napster bis peer2peer, Fruity Loops bis Ableton und weiter in andere Medien bis Video, Performance und Tanz. Der musikalische Ausdruck einer hyper-digitalisierten Generation.

Wiener Festwochen Hyperreality Marlene Engel by Apollonia Theresa Bitzan
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Wie wichtig ist Wien für HYPERREALITY? Könnte das Festival auch in einer anderen Stadt stattfinden?

HYPERREALITY ist konzeptuell community-driven und könnte deshalb nicht anderswo genauso von uns veranstaltet werden. Kuratorisch versuchen wir sowohl eine eigene als auch eine szenenübergreifende, musikalische Sozialisierung auf unterschiedlichen Ebenen mitzudenken. Außerdem gibt es bei allen Stages immer den Versuch, die lokale Szene mit zu kontextualisieren. So kommt ein Dancehall Floor nicht ohne Gürtellegende 3gga aus und DJ Hauswein ist Teil von unserem Distruction Floor.

Wie beurteilst du die derzeitige Lage der Wiener Clubkultur?

Aus Sicht der VeranstalterInnen ganz gut! Die Eventreihe Femme DMC von Duffy aka Dacid Go8lin ist echt großartig und erreicht immer mehr Publikum. Der Fokus liegt auf Hip Hop von allen außer Männern. Die Szene ist aber auch offen und inkludierend. Es heißt mittlerweile nicht mehr nur bei BLISS, sondern auch bei Femme DMC »heteros welcome«. Shilla Strelka leistet seit mehreren Jahren im Bereich experimenteller Komposition und Techno sehr gute Arbeit. Mit Sisters und Bad&Boujee gibt es neben Institutionen wie Rhinoplasty neue coole Community-Events. Ashida Park, Common Contact und Canyoudigit bringen immer wieder interessante Sachen nach Wien.
V-are hat ambitionierte Pläne. Es tut sich viel. Leider gibt es parallel immer mehr Restriktionen und weniger Räume für genau diese Entwicklungen. Shift leistet hier schon sehr gute Arbeit, aber rein strukturell ist mehr möglich und auch notwendig. Ich merke, dass sich gerade viel in der Stadt bewegt und bin gespannt, ob die Politik auf die sich abzeichnenden Chancen reagieren wird.

Siehst du dich mehr als Kuratorin oder als Dramaturgin?

Als Bürgerkurator. Die Begriffe Kuratorin und Dramaturgin sind grundsätzlich beide für den Musikbereich entlehnt. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist die kreative und kontrastreiche Programmierung von MusikerInnen, die trotzdem auf eine Art zusammen Sinn ergeben soll. Ob wir nun den Bogen von analog produziertem Techno von Karen Gwyer über Nina Kraviz zu einem Hardcore Set von Gabber Eleganza und DJ Warzone spannen; oder von den Dancehall Rhythmen im minimalistischen Bandprojekt von Hundebiss Records. Das wäre wohl eher als kuratorisch zu verstehen.

Dramaturgische Elemente hat meine Arbeit bei Auftragsarbeiten oder Kompositionsaufträgen. Die größte davon kommt heuer von Taktloss, dem besten Battle Rapper der Welt, der 2017 unter dem Pseudonym REAL GEIZT eines der Alben des Jahres herausgebracht hat. Während alle im Rap einen bestimmten, immer weiter überspitzten Weg gehen, macht Taktloss eine Kehrtwende und bringt ein fast konzeptuelles Album heraus. Ich empfehle allen, die es noch nicht gehört haben, es sich jetzt anzuhören. Mich hat es fast aus den Socken gehauen, als G-udit von Klitclique mir das vor einem Jahr vorgespielt hat. Taktloss macht aus dem Auftritt als REAL GEIZT bei den Wiener Festwochen eine riesige Inszenierung mit StatistInnen, Kostümen, zig MusikerInnen und vieles mehr.

Auftragsarbeiten gibt es 2018 aber auch wieder von einigen lokalen MusikerInnen. Diese sollen es ermöglichen, neue Musik oder Projekte zu verwirklichen. Wir denken darüber nach, wie es in der Musikindustrie weiter gehen kann und wie wir Lösungen für die Zukunft schaffen können, um für MusikerInnen Zeit, Geld und Raum zu schaffen. Der Verkauf von Musik selbst macht dies immer weniger möglich. Jung An Tagen präsentiert daher bei uns seine allererste audio-visuelle Live-Show zum neuen Album auf dem Label Editions Mego. Fauna hat eigens für den Auftritt eine Band zusammengestellt. Sie tritt mit Bassistin Ursula Winterauer und Veronika König alias Farce auf. Diese Live-Version klingt nochmal anders als das Album, das Anfang Mai auf Ventil Records erschienen ist. Ein super spannender Konzept-Pop Auftritt. Und weil aller guten Dinge drei sind: Die Gaddafi Gals haben zusammen mit Farce neue Musik komponiert - darauf bin ich extrem gespannt. Ebow ist allein schon eine der talentiertesten und sympathischsten Musikerinnen, die ich in den letzten Jahre habe auftreten sehen - und das gilt mal vier für die ganzen Gaddafi Gals!

Wer steckt außer dir noch hinter HYPERREALITY?

HYPERREALITY ist eine von vielen Produktionen der Wiener Festwochen. Hinter den Inhalten von HYPERREALITY stehe hauptsächlich ich, in Mitarbeit meines Kollegen Bernhard Staudinger. Bernhard und ich arbeiten aber auch im dramaturgischen Team der Wiener Festwochen, alles unter Leitung des Intendanten Tomas Zierhofer-Kin.

Was verbindet Popmusik und bildende Kunst?

Wenn man diesen Vergleich anstellen will, muss man einige Faktoren betrachten. Bildende Kunst ist leider viel zu oft elitär. Sie produziert meistens Einzelstücke und findet zwischen SammlerInnen, GaleristInnen und Adabeis statt. Popmusik ist überall, Autoradio, Supermarkt oder Club und für den Rezipienten meistens gratis zugänglich. Das ist zum Beispiel an Popmusik spannender und macht sie potentiell zu einem besseren Tool für politische Botschaften. Eine eher negative Gemeinsamkeit ist der Profit für wenige. Auch in der Popmusik werden, stellvertretend für viele, nur wenige reich. Auch hier geht es, wie in den Galerien der Kunstwelt, um Kapital. Aber mal sehen wo die Reise hingeht. Wenn die Lisson Gallery New York immersive, kaum verkäufliche Ausstellungen von KünstlerInnen wie Laure Prouvost zeigt, habe ich Hoffnung und sehe uns auch mit HYPERREALITY auf dem richtigen Weg, wenn nicht sogar auf dem richtigeren.

Du hast letztes Jahr in einem Interview mit dem Kurier gesagt: »Das MP3 reist durch das Internet schneller als der Kontext, aus dem es entstanden ist«. Warum darf Musik nicht dem Kontext beraubt werden, in dem sie produziert wurde?

Das würde ich so gar nicht sagen. Mit dem Kontext kann man schon spielen, ihm treu bleiben oder ihn ganz bewusst verändern. In diesem Interview ging es mir viel mehr darum, einen Status-quo nachzuzeichnen, bei dem sich Inhalte durch das Internet extrem schnell verbreiten und dadurch auch viele neue, spannende Musikszenen entstanden sind, weltweit. Ich denke aber deine Frage zielt jetzt eher in Richtung Aneignung und Ausbeutung. Musik ist für viele Menschen ein Ausdrucksmittel und wenn man ihnen das wegnimmt oder es unreflektiert kopiert oder kommerziell ausschlachtet, dann nimmt man ihnen nicht nur ihre Stimme, sondern eventuell auch eine der wenigen Möglichkeiten, zu überleben. DJs wie Diplo verstehen sich gut darin, solche Szenen beziehungsweise deren Musik zu kopieren, Kapital daraus zu schlagen und weiter zu ziehen. Erst wenn ich mich mit dem Inhalt wirklich auseinandersetze, gibt es hier Spielräume.

In diesem Sinne geht es bei Musik immer darum, zu respektieren, dass viele Musikrichtungen, die für uns alltägliche Ausdrucksmittel geworden sind, ursprünglich Ausdrucksmittel von jemand anderen waren. So war und ist Rap Ausdrucksmittel von Kapitalschwächeren, die sich mit tausend Goldketten behangen haben, um die weiße Oberschicht zu kritisieren. House kommt entgegen aller heutigen Ibiza Furchtbarkeiten eigentlich aus queeren, afro-amerikanischen und lateinamerikanischen Communities, so wie Techno einige Jahre vor der ersten Love Parade in den Ruinen der ehemaligen Industriestadt Detroit entstanden ist.

Im selben Artikel hast du über Communities gesprochen, die mit ihren Partys, ihrer Musik ein gemeinsames Ziel verfolgen: den tanzbaren Protest. Welchen Einfluss kann dieser in einer Gesellschaft haben?

In einer Gesellschaft mit immer weniger Freiräumen, ob on- oder offline, ist der Club als einer der letzten möglichen autonomen Räumen extrem wichtig. Wo gehen Jugendliche heute hin, um sich frei von Vormündern und Regelwerken zu bewegen? Wo gibt es für Erwachsene soziale Spielwiesen? Musik erschafft Momente der Zusammengehörigkeit, sie ist eine Kunstform des Kollektivs, in der wir selbst immer noch individuelle Einzelstücke bleiben. Insofern haben Musik und Partys fast immer eine implizit politische Dimension. Das drückt sich alleine schon in der Freiheit aus, die gemeinsam auf dem Dancefloor ausgelebt wird. Dass dies von »Mächtigen« oft nicht gerne gesehen wird, drückt sich zum Beispiel in strengen Regulativen aus, wie der »Cabaret License« in New York oder vergleichbaren Gesetzen in Tokyo.

Kannst du mit dem Begriff Avantgarde etwas anfangen?

Das kommt darauf an, wie man den Begriff nutzen oder verstehen will. Grundsätzlich ist die Avantgarde ähnlich wie zum Beispiel die Moderne eine abgeschlossene Kunstepoche, ein historischer Begriff. Nun ist das ein wenig wie bei Star Wars. Der Ausdruck Avantgarde stammt aus dem Französischen und bedeutet »einen Schritt vorwärts oder voraus«, aber das trifft auf die Kunstepoche natürlich nur zu, wenn man es aus der Zeit heraus betrachtet. So wie Star Wars: Episode IV nur aus der Zeit heraus der erste Star Wars Film ist. Wenn ich den Begriff Avantgarde als Adjektiv verwenden will, um Kunst oder Musik zu beschreiben, die heutzutage vorwärtsdenkend produziert, muss ich das eben irgendwie kenntlich machen. Letztlich sprechen wir im Rahmen von HYPERREALITY von vorwärtsgewandt, weil auch in den Adjektiven, die den Schluss auf Kunstepochen zulassen, oft die westliche Kunst- und Kulturgeschichte mitschwingt. Da sollte man im Sinne eines nicht-neo-kolonialen, nicht-patriarchalen Kunstverständnisses schon aufpassen.

Was ist dein diesjähriges kuratorisches Konzept und wie unterscheidet es sich von dem vom letzten Jahr?

Das Grundkonzept ist gleich, aber wir wollen wir uns jedes Jahr etwas neu erfinden. So tut es ja auch die Musik. Die MusikerInnen, die wir zu Gast haben, stehen im besten Sinne für eine sich ständig wandelnde Zeit. Um da als Festival mitzugehen, muss man immer neu denken. Man kann nicht ein Festivalformat und einen starren Ort erschaffen und glauben, dass das Jahre lang am Puls der Zeit bleibt. Wir gehen weiter, mit unseren Acts und der Community.

Ein Festivalprogramm ist ja nicht nur die Manifestierung des Gewünschten, sondern auch des Möglichen. Wie nah bist du dieses Jahr deinem Traum Line-up gekommen?

Persönlich bin ich mit dem Programm sehr zufrieden. Ich hätte im Materialmagazin sicher noch mehr Programm untergebracht, aber dafür gibt es heuer die Schiene Deep Fridays der Wiener Festwochen, wo an drei Freitagen im Juni bei freiem Eintritt Musikerinnen wie Lyra Pramuk, M.E.S.H, Elysia Crampton, Perera Elsewhere oder Tara Transitory auftreten werden. Darauf freue ich mich schon sehr, ebenso auf die Shows von Gisèle Vienne mit der Musikauswahl von Peter Rehberg von Editions Mego oder die Performance von Cassils, die auch dort stattfinden wird.

Mein Lieblingszitat von dir ist: »Der Job, den ich jetzt habe, musste erst erfunden werden“. Hast du schon Pläne für deine Zeit nach den Wiener Festwochen?«

Freut mich, dass dir das Zitat gefällt. Es ist auch immer noch wahr und genauso als Aufruf an andere zu verstehen. Wer kann: Nehmt euch den Raum, den ihr braucht, realpolitisch genauso, wie im übertragenden Sinn. Wollt ihr einen Club für 300 Leute mit gutem Sound: Macht ihn auf! Und manche Wege müssen eben erst erdacht oder erträumt werden und sind weniger leicht zu verbalisieren. Also mal sehen, wo es für mich hingeht - ich bin öffi für alles.

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