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Foto von Marie Haefner

Mark Pezinger Books: Die Relevanz des Dialogs

December 1, 2018
Text by Paula Thomaka
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Foto von Marie Haefner

Mark Pezinger Books verhandeln für PW-Magazine die Rolle der Plattform, das Netzwerk in Wien und die Möglichkeit Millionär zu werden.

Grafikdesignerin Astrid Seme und Künstler Thomas Geiger sind die Köpfe hinter dem Verlag Mark Pezinger Book. Als Kunstprojekt begonnen, publizieren sie seit 2009 in Kooperation mit verschiedenen KünstlerInnen und Institutionen. Mit ihren Publikationen sind sie regelmäßig auf Künstlerbuchmessen vertreten und stellen als fester Bestandteil der Wiener Künstlerbuchszene ebenfalls am mumok Art Book Day aus. Im Interview sprechen die beiden über die Schnittstellen zwischen Publizieren und künstlerischer Praxis sowie die Ausdehnung des Buches in den Ausstellungsraum.

I want to become a millionaire ist eine Arbeit von dir, Thomas, bei der du signierte und nummerierte Papiere für einen Euro verkaufst - bis jetzt über 32.240 Stück. Ist dieses Projekt ein ergänzendes Mittel, eure Arbeit als Publisher mit zu finanzieren?

T: So hat das mit dem Verlag angefangen — ab 2010 stand ich ca. 300 Stunden auf der Straße an verschiedenen Orten und habe die Zettel verkauft. Das war das Gründungsgeld für den Verlag. Mittlerweile stehe ich nicht mehr auf der Straße, sondern performe die Arbeit in anderen Kontexten oder verkaufe die Zettel über die die Website, dadurch finanziere ich nach wie vor meine neuen Projekte.

Seit fast zehn Jahren gibt es schon euren Verlag. Wie haben sich in diesem Zusammenhang Bedingungen und öffentliche Strukturen in den letzten Jahren für euer Publizieren verändert?

T: Es hat sich in dem Sinne verändert, dass wir mehr mit Institutionen arbeiten. Wir haben uns aber nie als Verlag-Verlag begriffen, sondern eher als Kunstprojekt, als Plattform. Somit können wir keine Verlagsförderung in Österreich beantragen. Das muss schon sehr professionell aufgesetzt sein. Zum Beispiel mit einem Jahresprogramm, jedoch können wir sowas strukturell gar nicht leisten.

Neben Mark Pezinger Books seid ihr in verschiedene Projekte involviert - Astrids Ausstellung zusammen mit Doris Lasch in der Kunsthalle Basel 2017 oder Thomas mit der Kunsthalle 3000. Welchen Stellenwert nimmt das Publishing in eurer eigenen Arbeit ein?

A: Über die gesamten Jahre ist es nicht hundert Prozent, da wir beide selbstständig sind - ich als Grafikerin, Thomas als Künstler. In meiner grafischen Arbeit nimmt es mal mehr mal weniger ein. Wir arbeiten seit den letzten Jahren viel mehr mit Institutionen zusammen und bekommen Anfragen für Produktionen dezidiert künstlerischen Publikationen im Rahmen von Ausstellungen. Ich betreue das dann grafisch. Wir sind aber auch immer editorisch in die Bücher involviert. Das heißt, wir sind auch sehr stark inhaltlich dabei und versuchen in einem ständigen Austausch und Dialog mit den KünstlerInnen diese Publikationen herauszugeben. Dieser Dialog ist uns wichtig.

T: Mark Pezinger Books ist schon immer etwas, was natürlich neben und mit unserer eigentlichen Praxis läuft. Oft auch ergänzend. Es gibt Fälle, in denen Astrid ein neues Vorhaben für eine eigene Publikation hat oder ich eine Publikation machen will. Da bietet sich der Verlag natürlich an. Das heißt, es ist schon sehr symbiotisch, wie die Sachen ineinandergreifen und sich gegenseitig produktiv zueinander verhalten.

Künstlerbücher können als eine Erweiterung des kuratorischen Raums fungieren. Wie funktioniert das Publizieren in eurer Arbeit als eine Ausdehnung von Ausstellungen?

T: Es ist von Publikation zu Publikation unterschiedlich. Wenn ich von meiner eigenen Praxis spreche, dann ist das Buch definitiv eine Erweiterung zum Ausstellungsraum, weil es den Ausstellungsraum natürlich verlassen und an anderem Ort und Stelle aktiviert werden kann.

Inwiefern trägt das Format der Künstlerbücher ein bestimmtes Moment von Demokratisierung in sich und bricht dahin gehend die Exklusivität von Museen sowie Institution auf?

A: Das ist ja auch in der Tradition von Künstlerbüchern. Dabei handelt es sich um künstlerische Arbeiten, die erschwinglich sind, erschwinglicher als ein Kunstwerk, da es in Editionen oder in kleineren Stückzahlen erscheint. Das war schon immer so und ist jetzt noch viel extremer, weil das ganze Verlagswesen oder Künstlerbuchwesen so stark am Wachsen ist. Natürlich spielt der Faktor der Produktion eine große Rolle. Print-on-Demand oder unglaublich günstige Druckereien machen den Zugang zu Mitteln und Produktionen sehr viel einfacher. Klar da gibt es auch negative Aspekte. Allerdings kann es für die breite Masse sein und besitzt nicht die Schwelle, sich in eine Ausstellung zu begeben. Da hat ein Buch definitiv einen leichteren Zugang aufgrund seiner Haptik und der Historie wegen.

T: Natürlich ist es eine Bubbledemokratie. Das Manko, was jeder Künstlerbuchverlag hat ist, dass wir uns unheimlich schwertun, in allgemeine Buchhandlungen reinzukommen. Grund dafür ist der thematische Schwerpunkt aber auch unserer Struktur. Wir sind hier zu zweit und so sehen die meisten Verlage aus, es hat also auch strukturelle Probleme. Zudem bewegen wir uns in einer Szene, also wirklich in einer Bubble - ob das jetzt diese Künstlermessen oder die art book days sind. Klar, dass Publikum, was wir erreichen, ist ein Publikum, was auch im Museum anzutreffen ist. Demokratisierung hört sich immer so schön an, aber ich würde, dass mal in Anführungszeichen stellen.

Euer Adoption Programm ermöglicht die Distribution von bereits veröffentlichen Büchern. Was ist eure Motivation dahinter?

A: Angefangen hat es damit, dass uns immer wieder KünstlerInnen ihre Bücher gezeigt haben und das waren richtig Gute. Zudem gibt es schon so viele Sachen, die man eigentlich ans Tageslicht zurückholen müsste. Wenn KünstlerInnen im Eigenverlag publizieren, fehlt oft das Netzwerk der Distribution, was wir uns in der gesamten Zeit erarbeitet haben. Somit adoptieren wir einfach diese Bücher und nehmen sie in unser Programm auf.

T: Wir verfügen über eine Distribution und ein Netzwerk, eigene Bücher zu vertreiben und einzelne KünstlerInnen oft weniger oder gar nicht. Deswegen helfen wir ihnen, einzelne Werke sichtbar zu machen oder diese zu verkaufen. Letzen Endes profitieren wir dann beide davon.

Verändert sich gerade die Rolle des Standort Wiens in Bezug auf Künstlerbücher - oder weswegen gibt es erneut den Impuls für eine Künstlerbuchmesse während in anderen Ländern bereits seit mehreren Jahren eine Diversität an Messen besteht?

T: Es ist schön, dass jetzt wieder was passiert. Aber die letzten Jahre hat es eher stagniert.

A: In den letzten Jahren haben wir extrem viele Messen gemacht, in New York, viel in der Schweiz oder den Beneluxländern. Bezüglich Wien hat sich nicht so viel getan. Kaum jemand weiß allerdings, dass in den 90er Jahre in der Secession ein Künstlerbuchladen war, der von Boekie Woekie betrieben wurde. Einer der ältesten Künstlerbuchläden überhaupt, neben Printed Matter. Die Secession wollte auch, dass Boekie Woekie weiter in Wien ansässig ist, allerdings sind sie wieder in die Niederlande zurück. Eigentlich unvorstellbar, warum sowas nicht weiter betrieben wird oder werden kann. Es gibt einfach wenig Diversität, was der Szene aber eigentlich guttun würde.

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