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Foto von Laura Schaeffer

Manuel Göttsching: Neues Spiel, erster Schritt

November 29, 2018
Text by Amar Priganica
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Manuel Göttsching ist einer der großen Pioniere der elektronischen Musik. Wir haben den »Göttfather« getroffen, um über sein berühmtes E2-E4, Schach und die minimalistische Herangehensweise an seine Stücke zu sprechen. 

Bereits in den späten 60er Jahren hat Manuel Göttsching mit seiner Band Ash Ra Tempel neue Maßstäbe gesetzt. Geprägt vom Spirit des Krautrocks, hat er dann in den 70er- und 80er Jahren mit seinen eigenen Kompositionen die Frühformen des Techno erschaffen. Ein Interview von Amar Priganica.

Warum hast du dich dazu entschieden E2-E4 in letzter Zeit aufzuführen? Wie empfindest du das Stück nach so vielen Jahren?

E2-E4 hat einen bestimmten roten Faden, der die ganze Zeit über vor sich hinfließt. Ich habe es damals in einem Stück aufgenommen und nicht weiter bearbeitet. Als Konzert hatte ich es ursprünglich auch gar nicht gedacht, da es mit dem damaligem Equipment viel zu aufwändig gewesen wäre, das technisch zu reproduzieren. Erst im Laufe der Jahre mit den neuen Technologien wurde es für mich möglich die Grundstruktur des Stücks so nachzubauen, dass ich live mit Gitarre und Synth dazu improvisieren kann. Ohne diese dabei zu verlassen, kann ich nun die einzelnen Stimmen neu zusammensetzen, um bisher ungehörte klangliche Nuancen des Originals zu entdecken.

Ein wichtiger Bestandteil deiner Musik beruht auf der Wiederholung. Durch immer wiederkehrende Elemente und Loops, wird die Hörerfahrung zum meditativen Akt. Was bedeutet Wiederholung für dich?

Prinzipiell ist in der Musik immer eine Art von Wiederholung enthalten. Eine Schwingung muss sich wiederholen, damit ein Klang daraus wird. Da fängt es schon mal an. Die Wiederholung jedoch bewusst als Stilmittel einzusetzen, ist ganz stark geprägt von den frühen Minimalisten wie Steve Reich, Terry Riley und Phil Glass – die übrigens sehr verschieden waren. 1974 habe ich bei Inventions for Electric Guitar ausschließlich die elektrische Gitarre als Klangquelle benutzt. Und als kompositorisches Mittel habe ich eben diese repetitiven Patterns eingespielt, um damit ganze Songstrukturen zu konstruieren. Später habe ich das dann mit Keyboards wiederholt, da man auf der Tastatur Intervalle, Akkorde und Ausdrucksformen finden kann, die man auf der Gitarre gar nicht spielen könnte. Als die ganzen elektronischen Elemente dann hinzukamen, habe mir peu a peu ein Studio aufgebaut, in dem ich immer mehr verschiedene Instrumente zusammengeschaltet habe, bis diese zu einem großen Organismus wurden. Zu der Zeit habe ich jeden Tag Sessions gemacht, in denen ich einfach viel gespielt und aufgenommen habe. Und da war auch ganz viel Blödsinn dabei, das ist wie beim Bleistiftskizzen machen. Bei E2-E4 gab es dann so einen Moment in dem alles funktionierte und ich zufällig auf Aufnahme gedrückt habe. Den Gedanken der Momentaufnahme, an der man nichts mehr ändert, finde ich eigentlich sehr schön.

In der bildenden Kunst ging es den Minimalisten der frühen 60er Jahre hauptsächlich darum, die eigene künstlerische Arbeit durch serielle Wiederholung und industrielle Produktionsprozesse zu entpersonalisieren. Kannst du dich mit diesem Zugang identifizieren?

Nicht unbedingt. Minimalismus bedeutet für mich, dass man sich auf etwas weniges konzentriert. Man verwendet minimale Ausgangsmittel um aus ihnen ein Maximum zu kreieren. Das heißt konkret, man beschränkt sich auf 3 Töne, 1 Tonart oder gar nur ein Instrument. Die Beschränkung hilft einem dazu, sich nicht verleitet zu fühlen immer mehr Dinge hinzuzufügen, die das Notwenige zwar dekorieren aber nicht formen. Das ist schon ein gewisser Purismus. Man beschränkt sich auf ein paar Parameter, mit denen man auskommen muss, um die eigene Kunst auszudrücken. Das muss jedoch dem persönlichen Ausdruck nicht unbedingt in die Quere kommen.

Wenn man sich heutzutage einen modernen Synth kauft, hat man 3000 Sounds, von denen man sich für keinen entscheiden kann, weil alle toll sind. Das ist schon schwierig. In der Musik war das speziell in den 70er- und 80er Jahren mit den ganzen teuren Studioproduktionen ganz schlimm. Die Tonstudios wurden immer größer und plötzlich gab es 32 Spuren und unzählige Möglichkeiten, um immer wieder etwas zu verändern. Da saßen die Musiker teilweise ein Jahr lang im Studio, haben endlos herumprobiert und es wurde einfach nicht besser – eher nur noch langweiliger. Elvis Presley hat 6 Songs an einem Nachmittag aufgenommen, und die waren gut. Einmal davor geprobt, die Band geht ins Studio, ein Mikrofon in die Mitte, und die Sache sitzt. Das ist eine Arbeitsweise, die ich sehr schätze.

Der Titel E2–E4 deutet auf eine Analogie zum Schachspiel hin. Ein Kommentar auf die zahlreichen Permutationen innerhalb der Grundstruktur des Stücks?

Witzigerweise entstand der Titel vor der Musik. Der Titel fand seinen eigentlichen Ursprung in den Computerprogrammen, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe. Die damalige Maschinensprache mit denen man Chips oder Prozessoren programmierte, hat auf Hexadezimalzahlen beruht. So bin ich dann eher durch Zufall auf diese Buchstaben-Zahlenkombination gekommen. Erst später kam dann der Bezug zum Schach. E2-E4 ist natürlich der klassische Eröffnungszug. Insofern ist da so eine Symbolik inbegriffen – in dem Sinne, dass man einfach ein Spiel anfängt ohne zu wissen wo es hingeht oder was daraus wird. Man fängt einfach mal an und dann wird es schon weitergehen. Gleichzeitig war es die erste Schallplatte, die ich komplett unter meinem eigenen Namen herausgebracht habe. Also gingen da verschiedene Assoziationen hervor: Neues Spiel, erster Schritt.

Es wäre schön, diesen Aspekt gemeinsam mit der Musik zu visualisieren. Meine Frau hatte die großartige Idee, ein Ballett daraus zu machen. Da gab es bereits Überlegungen das Projekt gemeinsam mit Gregor Seyffert, dem Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin, zu realisieren. Die Idee ist während des Stücks ein komplettes Spiel mit 32 Tänzern auf einer großen Schachbrettbühne nachzustellen. Das ist eine schönes Projekt und wird hoffentlich bald in die Produktion gehen.

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