Jung An Tagen by Milica Balubdzic Jung An Tagen by Milica Balubdzic
Foto von Milica Balubdzic

Jung an Tagen: »Sound wurde sozusagen mein Driver«

April 15, 2018
Text by Ada Karlbauer
Jung An Tagen by Milica Balubdzic
Foto von Milica Balubdzic

Stefan Juster alias Jung an Tagen über weiche Grenzen, die Verschränkung von Bild, Ton und Sprache sowie Montagetechniken des Experimentalfilms.

Jung an Tagen ist ein Alter Ego des in Wien lebenden Künstlers Stefan Juster. Seine künstlerische Arbeit bewegt sich immer an der Schnittstelle zwischen Musik und bildender Kunst: von Visuals auf Technoraves zu Kassetten-Releases oder auch als Teil der interdisziplinären Plattform »Virtual Institute Vienna«. Der Sound von Jung an Tagen thematisiert vor allem Beziehungen zueinander und gegeneinander sowie musikalische Erfahrungsräume, die sich durch Raum- und Zeitverhältnisse konstruieren lassen. Das vierte Release Agent im Objekt wurde kürzlich auf dem Wiener Label Editions Mego veröffentlicht. Ohne direkt in Gesten fallen zu müssen, geben auf dem Album die Track-Titel Hinweise auf eine subjektive Färbung, fast wie unbekannte Codes oder Koordinaten innerhalb einer wortlosen Erzählung. Ein Interview von Ada Karlbauer.

„Agent im Objekt« ist nach „Das Fest der Reichen“ deine zweite Veröffentlichung für Editions Mego. Was hat sich seit dem letzten Release verändert?

Das letzte Album hatte eine sehr starke soziale Komponente und beruhte eher auf fragmentarischen Ansätzen. Im Gegensatz dazu basiert „Agent Im Objekt“ auf einer polyrhythmischen Formel und ist so kohärent wie möglich. Langfristig, denke ich, entwickelt der Sound mehr Schärfe und Klarheit. Außerdem versuche ich die Harmonien disharmonischer zu schichten.

Der Sound von „Agent im Objekt« kennzeichnet sich vor allem durch das starke Ineinandergreifen von Berechnung und Poesie. „Puristic club sounds for an accelerated future“?

Vereinfacht gesagt, untersuche ich das Verhältnis von Raum, Zeit und Wahrnehmung durch Intensitäten. Beschleunigung, Stillstand, Endlosschleifen, Leere, Mengen oder ähnliches sind alles Dinge, die mich sehr interessieren.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Label »Editions Mego«?

Es gibt keine künstlerische Kooperation in dem Sinne, dass sich Peter Rehberg in keiner Weise aufdrängt oder einmischt. Wenn er sich dazu entscheidet eine Platte zu veröffentlichen, dann greift er selbst in den Prozess nicht mehr ein. Außerdem bin ich auch für das Cover und das Video verantwortlich - was mir sehr wichtig ist.

Jung an Tagen operiert eigentlich nonverbal. Werden auf narrativer Ebene auch persönliche Fragestellungen verhandelt?

Ich würde widersprechen, dass Jung an Tagen nonverbal funktioniert. Es stimmt schon, dass nicht gesungen wird, aber die Titel selbst spielen auch eine sehr große Rolle und beschäftigen mich während des gesamten Prozesses. Im Idealfall beeinflussen sie dann auch die Erzählung. Natürlich fließen immer persönliche, intime und politische Eindrücke in Kunst ein, das ist unvermeidlich. Manchmal sogar erstaunlich direkt. Aber es tendiert eher dazu mitzuschwingen und ist keine direkte Geste.

Welche musikalische Infrastruktur wird für die Produktion genutzt?

Seit 5 Jahren arbeite ich ausschließlich mit dem Computer, um aus dem Hardware-Fetischismus auszubrechen. Ich habe erkannt, dass ich mehr Komponist als Musiker bin und komplexere Ideen einfacher mit dem Computer umsetzen kann.

Wie wesentlich ist das Visuelle für Jung an Tagen?

Ich beschäftige mich selbst schon länger mit visuellen Medien als mit Sound. Erst nach meinem Studium habe ich mich entschieden, hauptsächlich mit Musik zu arbeiten, weil vieles davon für mich mehr Sinn macht. Sound wurde sozusagen mein Driver. Ich bin mit MTV aufgewachsen, also waren Bild, Ton und Sprache für mich schon immer untrennbar. Ich versuche immer, ein Konstrukt gleichzeitig aus Klang, Farben, Formen und Wörtern zu entwickeln.

In Zusammenarbeit mit Joeng-Ho Park und Scott Sinclair wurde ein Video für das Stück „20:03 [Y] HOW IS THAT POSSIBLE?“ produziert. Hier zeigt sich auch die Auseinandersetzung mit synästhetischer Wahrnehmung. Worum geht‘s dabei eigentlich?

Ich wandte ein komplementäres Stroboskop auf die Visualisierungen der Partikel-Kollisionen des „Large Hadron Colliders“ in CERN an, und dieses Material wurde dann noch geglitcht. Der synthetische Ansatz ist hier eher klassisch subjektiv. Die visuellen Reize entsprechen sehr genau dem, was ich bei dem Sound empfinde.

Ist der Experimentalfilm der Avantgarde wie Peter Kubelkas „Arnulf Rainer“ ein Ausgangspunkt für deinen musikalischen Arbeitsprozess?

Ich liebe Experimentalfilm und arbeite immer wieder an Projekten. Sehr oft verwende ich Montagetechniken, zum Beispiel für die Sequenzen von Synthesizern. Umgekehrt werden in der Montage eines Films immer wieder Kompositionstechniken eingesetzt. Die Grenze ist weich.

Welche Rolle spielt der Clubraum für dein Projekt?

Bei einem regulären Konzert spiele ich in absoluter Dunkelheit und es wird ziemlich laut. Der Rest hängt von dem Raum selbst ab. Ich komme aus der Gegenkultur und finde, dass ein Rave einer der radikalsten Aufführungsorte ist. Grundsätzlich spiele ich am liebsten in Räumen, in denen die Körperlichkeit von Sound geschätzt wird, aber im Prinzip spiele ich fast überall, solange die Anlage gut ist und mich niemand erschlägt.

Wie im Jahr 2017 findet heuer wieder ein Konzert von dir am Hyperreality Festival der Wiener Festwochen statt. Was ist geplant?

Es wird die erste audiovisuelle Performance von Jung an Tagen. Teilweise mit dem Material von „20:03 [Y] HOW IS THAT POSSIBLE?“. Ich freue mich schon sehr darauf und hoffe, es wird so intensiv wie geplant.

Was sind deine nächsten Schritte?

Ich arbeite immer an der nächsten Platte und versuche mit Konzerten zu überleben. Ansonsten arbeite ich heuer an einem stereoskopischen abstrakten Experimentalfilm.

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