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Foto von Magdalena Fischer
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Ausstellungsansicht, Akademie der Bildenden Künste, Rundgang, tu quoque, 2018, (1 von 1). Foto von Jennifer Gelardo
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Ausstellungsansicht, Akademie der Bildenden Künste, Rundgang, tu quoque, 2018, (6 von 10). Foto von Jennifer Gelardo
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Video Still, tu quoque - per unum, one-chanell video, 8:03 min
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Video Still, tu quoque - per unum, one-chanell video, 8:03 min
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Ausstellungsansicht, Dream'n Wild, ALASKA Projects, Jennifer Gelardo. Foto von Jessica Maurer

Jennifer Gelardo: Zweifel abbilden

October 3, 2018
Text by Pia-Marie Remmers
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Im Interview spricht Jennifer Gelardo über fließende Übergänge zwischen Persönlichem und Gesellschaftlichem, Theorie und Praxis, Ego und Kollektiv.

Kurz vor ihrem Abschluss in der Bildhauerklasse von Heimo Zobernig an der Wiener Akademie der Künste, spricht die Künstlerin Jennifer Gelardo über ihre Herkunft, wo sie hin will und den Versuch, Lebensumstände im Ausstellungsraum erfahrbar zu machen. Ein Interview von Pia-Marie Remmers.

Kunstgeschichte, Kunstpädagogik, Philosophie, Fotografie und Bildhauerei: Durch deine Studien hast du dir ein ganzes Netzwerk an Wissen aufgebaut. Wie verbindest du diese unterschiedlichen Disziplinen?

Die Verbindung ist eine sehr Persönliche. Am Anfang stand für mich der Drang, ein Gespür für meine Position in einer bestehenden sozialen Ordnung zu finden. Wie wird Kunst vermittelt? Wie funktioniert Denkarbeit? Und welchen Einfluss haben Bilder? Im Grunde wollte ich mich wohl zur Idealfigur einer Künstlerin ausbilden, ein bürgerliches Ideal, an das ich heute so nicht mehr glaube. Ich wollte mich in intellektuellen Räumen bewegen lernen und ich dachte, die akademische Arbeit ist eine notwendige Vorbereitung dafür. So habe ich mir ein Netz aus Methoden und Informationen aufgebaut, um mich zu tragen. Angetrieben war ich aber wohl schon immer von dem Wunsch, Raumkonzepte zu entwerfen, die bestimmte Lebensumstände erfahrbar machen. Die Grenze zwischen Theoretikerin und Praktikerin finde ich dabei sehr schwer einzuhalten und glaube an fließende Übergänge. Im Endeffekt hat mir das Studium der Bildhauerei dabei geholfen, meiner eigenen Intuition folgen zu können.

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Foto von Magdalena Fischer

Bei dieser Entwicklung scheinen auch Orte und Ortswechsel eine wichtige Rolle zu spielen: Du bist gebürtige Amerikanerin und zweisprachig aufgewachsen. Wenn du von großen Einflüssen auf deine Arbeit sprichst, sprichst du auch immer von den zwei Städten, in denen du studiert hast: Frankfurt und Wien. Können Orte der grundlegende Einfluss auf ein Leben oder eine künstlerische Praxis sein? Oder sind sie doch nur Rahmenbedingungen?

Mir fällt es schwer beides voneinander abzugrenzen, Einfluss und Rahmenbedingung. Nach diesem Prinzip sehe ich Orte eher als Rahmenbedingungen, während es sich bei den Menschen an diesen Orten um Einflüsse handelt. Kalifornien, als mein Geburtsort, ist die Rahmenbedingung für mein Familienleben. Hier wurde ich aber trotzdem von einem gewissen Temperament und einer emotionalen Fürsorge geprägt, die mir Menschen vor Ort entgegengebracht haben. Die räumlichen und innerfamiliär erlebten Trennungen, haben langfristig zu einem Gefühl des ständigen Fremdseins geführt und eine Art Dringlichkeit in mir erzeugt. Womöglich sind diese Spaltungen mit ein Grund für mein Begehren, mit künstlerischer Arbeit alternative Szenarios zu entwerfen.

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Ausstellungsansicht, Akademie der Bildenden Künste, Rundgang, tu quoque, 2018, (1 von 1). Foto von Jennifer Gelardo

Du hast einmal gesagt, deine Arbeiten seien egalitär angelegt. Kannst du das genauer erklären?

Egalität beschäftigt mich in meiner Arbeit sehr, das stimmt. Zum Beispiel im Bezug auf Material und dessen Wertigkeit. Die kulturell geprägten Bewertungen von Stoffen und Farben, schaue ich mir immer wieder an. Oft verwende ich Material, dass als nicht sehr wertvoll gilt, wie zum Beispiel Styropor oder Reispapier.

Aber Gleichheit und flache Hierarchien interessieren mich auch inhaltlich. Da ist ein tiefer Wunsch in mir, nach Klassenlosigkeit und Zugänglichkeit. Diese Auseinandersetzung führe ich auch seit zwei Jahren mit stafett (mit Minda Andrén, Flavio Palasciano, Alexander Jackson Wyatt) in kollektiven Ausstellungskonzepten weiter. In der zeitgenössischen Kunst braucht es andere Lösungen, um hohlen Ausdrücken entgegentreten zu können! Oft dienen noch Strategien wie Zeitaufwand oder Objekthaftigkeit der Wertherstellung, die ausgedient haben sollten. Sie gehen, meiner Meinung nach, entgegen einer notwendigen und ehrlichen Investition in das Gesellschaftliche!

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Ausstellungsansicht, Akademie der Bildenden Künste, Rundgang, tu quoque, 2018, (6 von 10). Foto von Jennifer Gelardo

Als ich das erste Mal mit deinen Arbeiten in Berührung kam, hast du in einer Einzelausstellung Tu Quoque präsentiert, ein Gesellschaftsspiel.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich mit rhetorischen Argumentationsfiguren aus dem amerikanischen Wahlkampf beschäftigt. Trumps häufigste Strategie in Diskussionen war das »Du auch«. Ich wollte einen Raum kreieren, der Begriffe wie Rechthaben und Irrtum verhandelt. Tu quoque ist der Name einer Diskussionsstrategie, die Argumentationsfigur des Du auch.

Insgesamt gibt es bei Tu quoque fünf rhetorische Figuren, mit denen die Spieler ins Feld ziehen und nach deren Prinzip sie argumentieren und ihre Spielsteine bewegen müssen. Die Spielsteine sind dabei Vertreter dieser Argumentationsfiguren, die sich visuell auf dem Tisch widerspiegeln. Der oder diejenige mit der größten Überzeugungskraft, sprachlich und bildlich, gewinnt. Dabei geht es um die These, dass auch Logik ästhetischen Mustern folgt und natürlich um die Aufrechterhaltung der eigenen (Macht)Position durch Argumentationsmuster. Ich arbeite immer wieder mit dieser Art von reflexiver Partizipation, die dabei unweigerlich in den Köpfen der Teilnehmenden mitlaufen muss.

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Video Still, tu quoque - per unum, one-chanell video, 8:03 min

Eine deiner Werkgruppen nennst du »desired spaces«. Hier nimmst du Rahmungen von Leerstellen vor. Dabei entsteht ein intensiver, gewaltvoller Kontrast von Leere und Material.

Es handelt sich um Objekte, die das Begehren eines Ortes markieren. Mir gefällt, dass du da von einer Gewalt sprichst, einem Loch, dass durch eine Fläche gestoßen wird. Die Arbeiten stehen für meine theoretische Beschäftigung mit dem Ausstellungsraum. Gerade arbeite ich mit dem Philosophen Stephen Zepcke an einem Text über den Ausstellungsraum als begehrter Raum. Das ist mein größtes Vorhaben momentan, diese Idee des Begehrens, die an einen Ausstellungsort gebunden ist, künstlerisch als auch philosophisch zu ergründen.

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Video Still, tu quoque - per unum, one-chanell video, 8:03 min

Dieser Antagonismus passt auch zu der großen Metallschere, die du ursprünglich für foundation gemacht hast. Eine edle Arbeit, die im Ausstellungsraum schlummernd Gefahr ausstrahlt.

Oh ja, die Schere ist ein »tool of empowerment« für mich! Mit ihr kann man sich verteidigen, man kann sich Wege freimachen. Die Schere besteht aus zwei 80 cm langen Klingen. Sie war eine Auftragsarbeit, zum Durchschneiden des Bandes während der Eröffnungszeremonie des Kunstraums foundation. Als ich begann mich in diesem Zusammenhang mit Scheren zu beschäftigten, lernte ich viel über das Handwerk des Scherenmachers. Wien ist einer der letzten Orte in Europa, in dem es noch Familienbetriebe gibt, die sich seit Jahrhunderten auf die Herstellung von Schneidwaren spezialisiert haben. Eine davon habe ich besucht.

Die Schere ist auch speziell, weil sie universell einsetzbar ist. Sie war zum Beispiel in einer Gruppenausstellung zu sehen. Dort funktionierte sie als stillgelegter Akteur, im Zusammenhang mit Grenzziehung und der Bildung von Territorien. Wenn ich sie wieder im Studio habe wird sie weiter verarbeitet. So gehe ich gerne mit meinen Arbeiten um, sie werden ständig weiterentwickelt, ihre Bedeutung wird nie festgeschrieben. Das ist auch ein Teil des egalitären Denkens.

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Ausstellungsansicht, Dream'n Wild, ALASKA Projects, Jennifer Gelardo. Foto von Jessica Maurer

Hinter vielen deiner Arbeiten steht das Kollektive, aber Kollaborationen können auch etwas sein, hinter dem man sich als Persönlichkeit versteckt. Es braucht manchmal Mut sich zu zeigen, eine Position zu beziehen, während man ständig alles hinterfragt und sich der Fragilität von Positionierungen bewusst ist. Das ist ein Thema, das mir in deinen Arbeiten immer wieder begegnet.

Ich kann bei mir feststellen, dass ich meine Mitmenschen sehr gerne »please«. Ich möchte vor allem akzeptiert und geliebt werden. Das kann man jetzt psychologisch weiter befragen, aber wichtiger ist zu erkennen, dass das eines meiner Grundmuster ist und ich damit umgehen lernen muss. Das braucht Mut! Ich denke in diesem Zusammenhang oft an Laurence Weiners Arbeit A 36« X 36« REMOVAL TO THE LATHING OR SUPPORT WALL OF PLASTER OR WALLBOARD FROM A WALL. Darin meißelt er ein Quadrat Gips aus einer Wand. Den Mut zu haben eine Geste zu wiederholen, auch wenn man permanent Zweifel daran hat weiterzumachen und sich ständig neu überwinden muss, um die Form zu Ende zu bringen. Was meine eigene künstlerische Arbeit angeht, muss ich jetzt erst mal den Mut haben, aus der Studien- und Versuchsphase heraus zu treten und meine Existenz als Künstlerin zu exponieren. Ich möchte diese Zweifel, die ja alle kennen, künstlerisch abbilden, gegenseitige Beeinflussungen offenlegen und für eine Ästhetik der Illusion und Ehrlichkeit einstehen. Das sind vorläufig meine Ziele, in die ich investiere.

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