pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Law Kian Yen
pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Bernie Ng
pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Katja Illner
pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Brandon Tay

In Choy Kai Fais »Dance Clinic« hat die Zukunft des Tanzes begonnen

July 21, 2018
Text by Wera Hippesroither
pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Law Kian Yen

Was geschieht nach einem choreographischen Trauma? Wie steht es um die eigenen künstlerischen Potenziale? PerformerInnen müssen sich in Zukunft keine Sorgen mehr machen, denn der Dance Doctor Choy Ka Fai kümmert sich um ihre choreographische Gesundheit und behandelt sie mit künstlicher Intelligenz.

Der Dance Doctor Choy Ka Fai aus Singapur tritt wie ein erfolgreicher Unternehmer im TED-Talk auf und erklärt vor einer großen Leinwand sein zukunftsweisendes Konzept der Dance Clinic. ChoreographInnen und TänzerInnen können sich hier behandeln lassen, entweder sie kommen mit einem konkreten Problem oder sie begeben sich auf die Suche nach Aspekten, die verbessert werden können. Wie das funktioniert? Die künstliche Intelligenz (KI) Ember Jello beobachtet die PerformerInnen und misst ihre Gehirnaktivität, die unter bestimmten Parametern analysiert wird. Die Parameter sind dabei etwa Aufmerksamkeit, Präsenz, Tagträumerei oder Gedächtnis. Bei der Analyse können choreographische Traumata ausgemacht werden, für dessen Überwindung Ember Jello dann auch gleich die passenden Vorschläge macht. Stärken und Schwächen der eigenen Performance werden ausgelotet und von der KI in Lösungsstrategien verpackt. Der Dance Doctor führt uns in zwei verschiedenen Fallstudien vor, wie gut das funktioniert: die zeitgenössische Tänzerin und Choreographin Florentina Holzinger und der spirituelle Volkstänzer Darlane Litaay aus West-Papua checken ein und optimieren dank Ember Jello ihren künstlerischen Output.

pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Bernie Ng

Endlich lässt sich Tanz und kreatives Potenzial bemessen und automatisiert verbessern! PerformerInnen können dank »Dance Clinic« für ihre choreographische Gesundheit vorsorgen. Für jedes Anliegen und jeden künstlerischen Stil gibt es das passende Problem! Bald werden menschliche ChoreographInnen überflüssig sein, denn Ember Jello kann sogar bestehende Choreographien analysieren, kombinieren und so jeden gewünschten Tanzstil generieren! Buchen Sie noch heute Ihren Aufenthalt in der »Dance Clinic«!

pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Katja Illner

Die freiwillige Werbeeinschaltung endet hier, denn »Dance Clinic« ist mehr als eine kühne Zukunftsvision. Choy wirft einen ironischen und humorvollen Blick auf die zeitgenössische Tanzszene und aktuelle technologische Entwicklungen. So wirft die Performance spannende Fragen auf: Ist Tanz berechenbar? Gibt es eine choreographische Gesundheit? Wer versichert eine choreographische Krankheit? Wie wird in digitalen Welten getanzt? Kann eine KI choreographieren? Wozu brauchen wir überhaupt noch PerformerInnen? Choys »Dance Clinic« nimmt Bezug auf hyperkapitalistische Entwicklungen in technologisierten Umgebungen und wagt den Versuch, Tanz zu berechnen und damit auch zu ökonomisieren. Faktoren wie emotionale Einbindung, Hingabe und Unmittelbarkeit werden von Ember Jello genauso wenig erfasst wie die psychischen und physischen Reaktionen des anwesenden Publikums. So wird die für Tanz und Performance so wichtige zwischenmenschliche Komponente vernachlässigt.

pw-magazine-choy-ka-fai-dance-clinic-impulstanz-vienna
Foto von Brandon Tay

Wenn der Volkstänzer Litaay beim Versuch, sich im Tanz in Trance zu versetzen, wie es von Ember Jello vorgeschlagen wurde, das System sprengt, weil seine Gehirnströme für die KI nicht mehr messbar sind, ist die Message klar: der menschliche Körper siegt (noch) über den Computer. »Dance Clinic« ist viel mehr als eine utopische Vision, es ist eine ironische Perspektive auf die aktuellen Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz (denken wir nur an die zahlreichen multimedialen oder ortsspezifischen Arbeiten) und die jüngsten Überlegungen der Gesundheitsvorsorge, wie etwa die automatisierte Überwachung gefährdeter und damit teurer PatientInnen. Ohne in eine Dystopie abzurutschen, behält die Performance ihren Humor und deutet in treffender Weise auf die Grenzen von Technologieglaube und Ökonomisierungswahn. Die Ironie scheint nicht bei allen anzukommen. Die AkteurInnen verabschieden und verbeugen sich am Ende als lebensgroße 3D-Renderings auf der Leinwand und der Applaus fällt an diesem Abend im Odeon unangebracht verhalten aus. Das Wiener Publikum scheint nicht zu wissen, wie es mit digitalen PerformerInnen umgehen solle, das hat es leider auch schon bei Deep Present bewiesen. Ein unwürdiger Empfang für Choy Ka Fai beim Impulstanz. Sogar einen Buhruf gibt es. Vielleicht ist diese Zukunftsvision einigen WienerInnen noch zu kühn?

Next article

pw-magazine-vienna-daniela-grabosch-studio-visit
Foto von Ricardo Almeida Roque

Daniela Grabosch: (Re)Positionierung und (De)Materialisierung

About

PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth