Juergen Teller_Amar Priganica Laura Schaeffer Juergen Teller_Amar Priganica Laura Schaeffer
Jürgen Teller by Laura Schaeffer

Real Talk mit Juergen Teller: »I’m a man, that’s the end of it«

February 7, 2018
Text by Amar Priganica
Juergen Teller_Amar Priganica Laura Schaeffer
Jürgen Teller by Laura Schaeffer

Juergen Teller ist ein Star der zeitgenössischen Fotografie. Amar Priganica und Laura Schaeffer haben den Künstler vor der Eröffnung seiner Einzelausstellung in der Christine König Galerie in Wien getroffen, um bei einer Tasse Kaffee und ein paar Marlboro Gold über seine Arbeit zu sprechen.

Du hast schon oft gesagt, dass du es viel spannender findest, wenn Künstler das Medium der Fotografie nutzen, als wenn es klassische Fotografen tun. Worin liegt der Unterschied und wo siehst du dich dabei selbst?

Künstler gehen halt oft nicht so konventionell mit dem Medium um. Die benutzen die Fotografie nur, um ihre Ideen durchzusetzen. Deswegen meine ich das so. Es gibt natürlich sehr gute „normale“ Fotografen – Seiichi Furuya, William Eggleston, Araki, Boris Mikhailov, Garry Winogrand, Lee Friedlander – da gibt es schon einige. Aber generell stimmt das schon, was ich damit sagen will. Roni Horn zum Beispiel benutzt Sprache, Skulpturen und Fotografien für ihre Arbeiten. Sie sieht sich auch nicht als Fotografin. Das ist der Unterschied. Oder Sarah Lucas zum Beispiel. Die macht auch manchmal Selbstportraits oder irgendetwas fotografisches, but most of it is sculptures.
Ich mache schon auch herkömmliche Fotografie, aber habe auch gleichzeitig einen anderen Umgang damit. Ich setze auch meine Ideen durch, inszeniere mich selber in meinen Fotos und dokumentiere alltägliches. Als herkömmlichen Dokumentar- oder Modefotografen würde ich mich daher nicht bezeichnen.

Viele deiner Fotos vermitteln ein Gefühl von Nähe und Intimität. Entspricht dieser Eindruck auch der Realität am Set?

Das läuft immer verschieden ab. Manchmal bin ich mit der Person alleine, und manchmal sind da eben 20 Leute drum herum. Jedes Foto, jede Situation, jeder Celebritiy – it’s always different! Aber in der Art wie ich mit denen umgehe, ist es eigentlich egal, ob ich alleine bin oder ob da acht Assistenten nebendran stehen. Ich rede mit denen und bin offen. It’s just the way I am. Und das sind schon intime Fotos, stimmt schon was du sagst. Wir sind uns da ja auch sehr nahe. Mehr oder weniger.

Wie viel Raum für Improvisation bleibt dir bei deinen Shootings?

Naja, du hast natürlich eine Grundstruktur von dem was du machen willst, eine Idee. Und dann arbeitest du mit der Person oder mit dem Subjekt und bist natürlich abhängig von so Sachen wie der Location oder dem Wetter. Wenn es jetzt zum Beispiel plötzlich anfängt zu schneien, dann nimmst du halt den Schnee mit. Und wenn es windig ist, dann kannst du nicht gegen den Wind ankämpfen. Man muss lernen die gegebenen Umstände für sich zu nutzen. Das Problem bei vielen klassischen Fotografen besteht darin, dass sie in ihrer eigenen Idee feststecken und dann einfach nicht mehr loslassen können. Ich bin da sehr offen. Die Portraitierten bringen ja auch ihre Ideen mit rein. Da bin ich nicht stur und sage, dass ich es nur nach meiner Vorstellung haben möchte. Manchmal liegt man eben auch einfach falsch und muss bereit dazu sein umzudenken und etwas anderes zu machen. Ich sehe mich eher als „Guiding Director“, der den Raum für Improvisation zulässt. Und deswegen ist das Ergebnis auch oft unerwartet.

Der Akt des Fotografierens hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Die aktuellen technischen Möglichkeiten lassen einen schnelleren und spontaneren Umgang mit dem Medium zu.

Totally! Ich habe bei meinem Aufenthalt in Wien die Möglichkeit bekommen Friederike Mayröcker kennenzulernen. Es war unheimlich toll. Ich habe sie bei ihr zuhause besucht und wir hatten echt eine schöne Zeit zusammen. She was so sweet. In dem Fall habe ich aber keine Kamera zur Hand gehabt und musste sie deshalb mit dem iPhone fotografieren. Das hat natürlich auch was. Frederike Mayröcker lässt sich auch nicht so gerne fotografieren. Und wenn du da mit so einer großen Kamera ankommst, kann so ein Shooting schon mal etwas schwierig werden. Mit dem Telefon ist das dann irgendwie easier. Digital ist super – I love this medium.

In unserer heutigen Gesellschaft werden klassische Geschlechterrollen und binäre Vorstellungen von Mann und Frau zunehmend als hinfällig betrachtet. Ein Kritikpunkt an deiner Arbeit ist der Male Gaze. Wie stehst du dazu?

Das ist mir egal. Ich mache halt, was ich machen will. I can’t make myself a woman. I’m a man, that’s the end of it. Aber dass ich jetzt unbedingt so überdreht komisch männlich fotografiere, finde ich nicht. Ich gehe mit der ganzen Sache relativ normal um. Außerdem fotografiere ich bestimmt genauso viele Männer. Und Tiere und Landschaften und Essen und was mich sonst noch so bewegt. Das sind ja nicht nur die ganze Zeit Frauen.
Ich habe jetzt für die Vivienne Westwood Kampagne in New York sehr viele Personen fotografiert, die transgender sind. Die habe ich bei einer meiner Ausstellungen dort kennengelernt. Das waren einfach tolle Leute und ich dachte mir, dass wir doch die ganze Kampagne mit ihnen shooten sollen. Das haben wir dann eben gemacht and it was a good idea. It was brilliant. Really, really great. And super interesting and new for me, too. I mean it’s fascinating, you know. But in the end, it doesn’t really matter who you are or what you are, it matters who you are inside and whether you’re a nice person and good person or you’re a horrible and stupid one. You know what I mean? It’s just like whether you’re good and whether that interests me.

Du bist Professor an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg. Unterrichtest du dort eine reine Fotografieklasse?

Ja und nein. Nicht unbedingt. Ich motiviere meine Studenten dazu, das alles nicht immer so fotografisch zu sehen. Viele arbeiten jetzt auch mit Text, einige machen Skulpturen und die anderen wiederum Performances und Filme. It’s liberating. Ich finde es langweilig einfach nur Fotos zu machen. Wir reden da übers Leben und so Sachen und nicht jetzt irgendwie über die Blende. Ich habe dann schon auch Besprechungen über ihre Arbeiten und wie man die am besten rahmen kann und solche Sachen. Die sollen schon auch verschiedene Kameras benutzen und dabei lernen, was ihnen am meisten liegt. Manchen Leuten liegt es mit einer großen Kamera und einem Stativ zu arbeiten – mir liegt’s nicht. Aber manchen eben schon. And you have to find your instruments and your way of how you can be comfortable with them.

Das Seltsamste, das du jemals in deiner Karriere erlebt hast, ist der Vorfall mit O. J. Simpson, der dich gefragt hat: „Who do you think who has done it?“ Ist seitdem irgendetwas passiert, das diese Situation noch übertreffen konnte?

Naja, weird ist es immer. Ansonsten fällt mir da auf die Schnelle nichts ein. Ich meine, das mit O. J. war schon richtig unangenehm. Aber das habe ich schon zu oft erzählt.

Welche Interviewfrage nervt oder langweilt dich eigentlich am meisten?

„What is beauty for you?«

Text von Amar Priganica
Foto von Laura Schaeffer

Die Ausstellung Juergen Teller ist noch bis zum 3. März 2018 in der Christine König Galerie in Wien zu sehen.

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Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth