Heimo Zobernig, Foto von Laura Schaeffer Heimo Zobernig, Foto von Laura Schaeffer
Photo by Laura Schaeffer

Heimo Zobernig: »Einfach ist eh kompliziert«

May 29, 2018
Text by Amar Priganica
Heimo Zobernig, Foto von Laura Schaeffer
Photo by Laura Schaeffer

Heimo Zobernig zählt zu den bedeutendsten österreichischen Gegenwartskünstlern. Wir haben ihn bei seiner Einzelausstellung in der Galerie Meyer Kainer getroffen, um über seine aktuellen malerischen Arbeiten, die Entwicklungen in der Wiener Kunstszene und seine Professur an der Akademie der bildenden Künste zu sprechen. Ein Interview von Amar Priganica.

Du arbeitest hauptsächlich konzeptuell, in deiner aktuellen Ausstellung wirkt es jedoch so, als hättest du bei der Serie bewusst expressiver gearbeitet.

Expressivität kann ja auch so etwas wie ein Konzept sein. Wenn man eine unmittelbare Geste in ein Bild gesetzt hat, ist sie im nächsten Bild nur mehr eine Wiederholung dieser Figur. Das Vertrauen auf die Unmittelbarkeit ist vielleicht mehr im Auge des Betrachters als in dem des Autors, des Malers oder der Malerin. Im Laufe des Prozesses entwickelt man ein Wissen über die eigene Gestik, das wird Methode. Ein Formen suchen. Die Attitude der expressiven Malhandlung wäre so eventuell in Frage gestellt – dass es so aussieht, das wäre auch so gewollt, die Intention. Die malerische Arbeit basiert auf dem Wissen des Vorangegangenen. In meiner Malerei praktiziere ich den bewussten Einsatz von Manieriertheiten, die gar nicht meine sein müssen und ich mache das nicht in Serie, weil ich nicht an zehn Leinwänden zeitgleich arbeite, sondern vom einen Bild zum nächsten.

Die Bilder hängen ganz klassisch an der Wand und haben im Vergleich zu deinen frühen malerischen Arbeiten keinen konkreten Raumbezug.

Das trifft zu. Ursprünglich war in meinen Arbeiten das Bezugnehmen von Malerei zum Räumlichen immer wieder sehr evident. Bild, Skulptur, Raum habe ich gerne in Beziehung gesetzt. Dieses Mal nur Bilder.

Du hast in früheren Interviews oft von den „Slash People“ der 70er Jahre gesprochen. Dabei geht es vor allem um Künstler, die gleichzeitig Grafikdesigner, Programmierer sind und nebenbei noch 3 andere Jobs haben – heutzutage sogenannte „Creative Allrounder“. Würdest du dich als „Slash Person“ innerhalb der bildenden Kunst sehen oder bleibt die Fragestellung unabhängig vom Medium die gleiche?

Bild ist Skulptur ist Film ist etc. und Bild ist nicht Skulptur ist nicht Film ist etc. …
In der Zeit, in die ich hineingeboren wurde mussten wir uns ein Selbstverständnis neu erobern. Der Tod aller konventionellen Medien – das war so die Stimmung der 70er Jahre. So irritiert habe ich herumgesucht, alles machen wollen. Andere KollegInnen haben klar fokussiert. Bei einer klaren Medienentscheidung kann man sich vermutlich sehr viel deutlicher in der gewünschten Konkurrenz positionieren, dem Ehrgeiz nach Anerkennung konkreter nachgehen, mit eindeutigerem Feedback. Und wenn das eben nicht so eindeutig wie bei mir daherkommt, dann muss man ja darum ringen, um als Maler ernstgenommen zu werden.

Inwiefern macht sich die damalige Haltung gegenüber den traditionellen Medien in aktuellen Diskursen der Gegenwartskunst bemerkbar?

Zum Glück sieht man es heutzutage nicht mehr so, dass in den traditionellen Medien die Kunst nicht weiterzubringen wäre. Man hat wieder erkannt was die Malerei in der Malerei kann und eben nicht durch eine neuere Technologie ersetzbar ist. Mit dieser Diskussion müssen wir uns jetzt nicht mehr herumplagen.

Neben deiner künstlerischen Arbeit, bist du an der Akademie der bildenden Künste als Professor für textuelle Bildhauerei tätig. Dabei hast du einmal erwähnt, man brauche für die eigene Vermarktung als KünstlerIn kein Seminar, da dies anscheinend nicht so kompliziert sei. Vor allem heutzutage gibt es jedoch unzählige Möglichkeiten, sich als junger Kunstschaffender sich zu vermarkten, sei es durch die eigene Homepage, soziale Medien oder andere Plattformen im digitalen Raum. An der Angewandten wird sogar tatsächlich eine Lehrveranstaltung unter dem Titel Marktpositionierung, Markenschöpfung und Networking für Kunstschaffende angeboten. Wie gehst du bezüglich dieses Themas mit deinen Studierenden um?

Einfach ist eh kompliziert. Vermarkten für Angewandtes scheint mir eh auch plausibel. Als Grundlegend für Erfolg erscheint mir die Qualität der Arbeit, darüber debattieren wir immerfort. Nicht einfach. Die Portfolios müssen heutzutage nicht mehr analog ausgetauscht werden sind nun digital jederzeit verfügbar. Dennoch bedarf es analoger Vermittlung, die Sache ist immer stark von einer sozialen Dynamik abhängig. Aber wie unterrichtet man soziale Dynamik? Das muss ja zur eigenen Praxis passen. Man kann ja nicht empfehlen: „Benimm dich auffällig“, „investiere in spleenige Marotten“ oder „sprich laut und viel“. Man muss halt dafür sorgen, dass aus Form und Inhalt was nach wird, vor und nach dem Diplom. Dazu gehört Dialog und Streit, um die eigene Haltung sichtbar zu machen. Das muss man mit den Freunden und Mitstudierenden kultivieren. Und so setzt sich das dann fort.

Wie nimmst du Wien zurzeit als Kunststandort wahr? Aktuell sind viele neue Kunsträume und junge Galerien dabei, die Stadt wieder in den internationalen Fokus zu rücken. Sogar die großen Institutionen lassen derzeit mehr Raum für Neues zu.

Ist doch ganz gut hier. Was auffällt, dass die Programme der Ausstellungs-Institutionen immer ähnlicher werden. Alle machen Alles. Jung und Alt, Moderne und Altes überall. Albertina, Kunsthistorische, Leopold, Belvedere, mumok, Kunsthalle und so weiter. Herumkritisieren oder neugierig dieses Phänomen beobachten.

Es wird dennoch eine Weile dauern bis sich das traditionelle Rollenbild des Museums dahingehend verändert hat, dass auch genug jungen Kunstschaffenden die Möglichkeit gegeben wird im Rahmen größerer Institutionen auszustellen.

Von der Akademie ins Museum – soll das das Ziel sein? Kunstvereine, Kunsthallen, usw. sind auch groß. Die Reformdiskussionen darüber, was die Aufgaben der Museen – wie soll das Gegenwartsmuseum oder das Museum der Zukunft aussehen – sind eh aktiv. Und immer wieder zu wenig Geld für gute Kulturarbeit.

Apropos zu wenig Geld: Wie steht es deiner Meinung nach mit den Offspaces? Verfolgst du diese Szene mit?

In Wien prosperiert das extrem gut. Viele interessante Ausstellungen. Manche haben den Charakter von freien Akademien – Vorträge, Performances, Mensa und Bar – toll, was da unter zum Teil prekären Umständen alles zustande kommt. Das ist beachtlich, ich kann da gar nicht allem folgen was da passiert. Es ist beachtlich wie viel Zeit und Geld da investiert wird.

Als junger Kunstschaffender gibt es verschiedene Wege um sich am Markt zu positionieren. Du hast schon früh sowohl in Galerien gezeigt, als auch mit größeren Institutionen zusammengearbeitet.

Am Anfang waren es doch eher die Galerien und diverse Gruppenausstellungen. Das sind halt so was wie Filter für die weiteren Stationen. Aus Mangel an Kunstmarkt haben in den 80ern manche Wiener Galerien ihr Programm mit öffentlicher Unterstützung realisiert, dafür gab es die seltsame Bezeichnung „Informationsgalerie“. So konnte man dort Dinge und Veranstaltungen sehen, die sich nicht eigentlich merkantil verwerten lassen.

Es ist sehr schwer sich vorzustellen, dass so etwas heutzutage noch existiert.

Das hat sich eben mehr und mehr sortiert. Die Museen und Kunsthallen, die damals viel verschlafener und konventioneller waren, haben sich, wie schon gesagt, geöffnet, während die Galerien zunehmend kommerzieller werden konnten. Durch die langsam wachsenden Sammlerkreise gelingt es den Galerien auch ohne Subventionen zu agieren. So viele Sammler und Sammlerinnen hat es im Wien der 80er Jahren und vor allem davor nicht gegeben. Ich glaube auch, dass Wien zurzeit für junge KünstlerInnen ein guter Ort ist – früher sind viele weggegangen – heute kommen viele. Wenn man in Wien einen Einstieg findet, ist die Chance gar nicht so schlecht auf dieser Basis woanders die Karriere fortzusetzen. Die Offspaces haben ja mittlerweile einen sehr guten Ruf über Wien hinaus und korrespondieren mit vielen internationalen Partnern und Institutionen.

Generell herrscht zurzeit ein harmonisches Klima in der Wiener Kunstszene, sowohl unter den Kunsträumen als auch im Akademiekontext. Es scheint so, als ob im Vergleich zu den 80er Jahren, die verschiedenen Generationen besser miteinander klarkommen. Zu wenig Reibung kann jedoch auch bekanntlich zum Stillstand führen. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?

Stimmt, das war damals anders. Der Generationskonflikt war früher überhaupt das Ding schlechthin – dass die jungen gegen die alten aufbegehren. Abgesehen von der Kunst wächst das nun allgemein immer mehr zusammen. Heutzutage wird Autorität in der Familie anders gelebt, es gibt nicht mehr so ein starkes Autoritätsgetue zwischen Eltern und Kindern, das bildet sich auch in der Akademie ab. Die Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden haben sich stark gewandelt. So ist es mittlerweile durchaus auffällig, wie viele Studierende die Akademie ungern verlassen, weil sie dort mit freundlichen Gesichtern betreut werden. Ich kann mich erinnern, dass in meiner Studienzeit das Fortdrängen aus der Schule sehr viel üblicher war. Da hat man gesagt: „Endlich ist es zu Ende“. Das war natürlich den konservativeren Strukturen geschuldet.

Ich kann mir vorstellen, dass man dadurch heutzutage eher dazu tendiert die eigenen Professoren als Vorbild zu sehen und dadurch die Gefahr besteht, deren Ideale zu reproduzieren.

Tatsächlich war es früher viel üblicher, dass man in den studentischen Arbeiten die der Lehrenden wiedererkennen konnte. Also wenn man jetzt zum Beispiel durch die Kurzbauergasse geht, kann man sicherlich nicht mehr so eindeutig zuordnen, wer sich wo hinneigt. Ich glaube das liegt unter anderem auch daran, dass früher die Lust der Lehrenden auf Reproduktion der eigenen Vorstellungswelt viel dominanter war, das war erwünscht. Junge KünstlerInnen könnten sagen: „Das was da ist finde ich zwar toll, aber ich will da drübersteigen und vorbeidenken“. Man muss doch versuchen auf eine gewisse Art und Weise einen Kontrapunkt zu den Vorbildern zu schaffen. Das könnte eventuell eine empfehlenswerte Herangehensweise für die Entwicklung der künstlerischen Arbeit sein, aber auch dieser Empfehlung rate ich zu misstrauen …

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Elisabeth Falkensteiner
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Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth