Felix Rothenhäusler The Re'Search by Stefan Kuntner Felix Rothenhäusler The Re'Search by Stefan Kuntner
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Felix Rothenhäusler The'Re Search by Julian Baumann Felix Rothenhäusler The'Re Search by Julian Baumann
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Felix Rothenhäusler: »Sounds like some1 is a control freak«

May 5, 2018
Text by Ada Karlbauer
Felix Rothenhäusler The Re'Search by Stefan Kuntner
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Der Regisseur Felix Rothenhäusler über das schöpferische Potential der Verwandlung sowie die Beeinflussung des Körpers durch das gesprochene Wort.

Das Theaterstück The Re’Search ist Hochgeschwindigkeit, Parallelwelt und beschleunigte Gegenwart zugleich. Ein Chatverlauf, der sich ständig multipliziert und niemals zum Stillstand kommt. Sprache und Syntax werden permanent dekonstruiert, so schnell, dass sie an manchen Stellen zu stolpern beginnen und in sich zusammenfallen.
Der Künstler Ryan Trecartin schreibt im Text zu seiner Videoarbeit The Re’Search (Re’Search Wait’S): „A yin and yang of nihilism and boundless meaning“, was auch dem Regisseurs Felix Rothenhäusler als Ausgangspunkt für seine Theaterversion dient. Im Rahmen des donaufestivals wurde nun die Inszenierung von den Münchner Kammerspielen nach Krems geholt. Ein Interview von Ada Karlbauer.

The Re‘Search ist die erste theatrale Adaption eines Textes des Künstlers Ryan Trecartin. Wie verlief die Annäherung an das Ausgangsmaterial?

Die 40-minütige Episode The Re’Search hat Trecartin selbst nach Fertigstellung des Videos transkribiert und in ein Textkunstwerk transformiert. Er versucht darin jede Ebene des Videos zu erfassen, gesprochener Text, eingeblendete Schriftzüge, Songtexte, Sounds, Regieanweisungen, Lautstärken und Geschwindigkeiten. Der Text ist entlang eines Timecodes in unterschiedlichen Farben, Schriftarten und Symbolen organisiert. Das Ganze liest sich wie ein gigantischer Chatverlauf endlos vieler Personen.
Der Text ist ein grafisches Erlebnis und geht über eine Dokumentation des Videos hinaus, die Wörter werden aus ihren alltäglichen Funktionen befreit und die unterschiedlichsten Sprachformen zusammengebracht. Es entsteht eine sehr eigene Textur. Diese sprachliche Vernetzung und Entgrenzung der Wörter hat beim Lesen einen direkten Effekt, es erregt ungemein und schickt dich auf einen Trip. Wie das gesprochene Wort und Sprache den Körper beeinflusst und ihn in Bewegung setzt, war mein Ansatz, The Re’Search in eine Live-Performance für Schauspieler zu verwandeln.
Schon bei Trecartin ist der Text Teil eines Prozesses der permanenten Verwandlung. Zitate und Sprachstile werden kombiniert und überschrieben. Die Bewegung in der Adaption ist dem Material selbst schon eingeschrieben. Zusammen mit dem Dramaturgen Tarun Kade und dem Übersetzer Tobias Haberkorn haben wir dann eine weitere Sprachebene hinzugefügt und Fragmente des Textes ins Deutsche übersetzt. Dabei war schnell klar, dass wir nicht den Anspruch einer kompletten Übersetzung verfolgen. Wir wollten die Vielstimmigkeit weiter ausbauen, nicht reduzieren.

Felix Rothenhäusler The'Re Search by Julian Baumann
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Ryan Trecartin konstruiert in seiner Arbeit eine Gegenwelt, in der popkulturelle Verweise aus dem Netz bereits jegliche Realitätsebenen vereinnahmt haben – wie er selbst meint, eine „vierte Welt“. Wie lässt sich das in den Theaterraum übertragen?

Der Theaterraum konfrontiert uns mit der Realität der Körper und zwar mit einer Unmittelbarkeit und Intimität, die in keinem anderen Medium so möglich ist. Mit Hilfe dieser Intimität stellen wir die Frage, wie sich unser Sprechen und unser Körper jenseits der Festlegungen, die unseren Alltag oft bestimmen, definieren können. Wenn du die Codes erfasst hast, dann ist alles replizierbar und veränderbar. Diese alternative Realität haben wir nicht in Bilder übersetzt oder durch technische Mittel hergestellt, wir haben versucht sie durch Bewegung zu praktizieren. Die Körper der Schauspieler sind das eigentliche Medium. Sie werden dabei zu dem wovon sie sprechen und durchlaufen in einem enormen Tempo unterschiedlichste Zustände, Namen und Geschlechter.

The Re’Search bricht jede normative Wahrnehmung von Zeit und Raum. Wie integriert man diesen Faktor in eine Inszenierung mit klaren zeitlichen Dimensionen?

Es gibt keine zeitlich nachvollziehbare Entwicklung der Figuren und keinen klar gegliederten Handlungsverlauf. Wir kreieren keine fiktionale Zeit auf der Bühne. Die drei Schauspieler befinden sich in direkter Kommunikation mit den Zuschauern. Die Textfetzen und Sprünge, die durch die schnellen Schnitte im Video entstehen, lösen die Dauer des Geschehens genauso auf wie jegliche Gewissheit darüber, was eine Identität ausmacht. Der Abend hat keinen fixierten Anfang und kommt zu keinem Ende. Die Dynamik des Sprechens geht immer weiter. Jeder Satz, jedes Wort wird durch immer weitere Versionen und Möglichkeiten upgedatet. Wir sind die ganze Zeit mittendrin - „it’s now and forever“.

Die ProtagonistInnen leiden unter einem nie enden wollenden Aktualisierungs- und Partizipationszwang. Kann man diese ständige Selbstperformance überhaupt schauspielerisch verkörpern?

Ich weiß gar nicht, ob ich das als Zwang beschreiben würde. Ich bewerte das nicht negativ. Mich interessiert das schöpferische Potenzial der Verwandlung. Daher haben wir die Anzahl der Rollen auf drei Leute verteilt. Wie viel Material kann ein Hirn, ein Körper, in kürzester Zeit verarbeiten und performen? Es entsteht ein Sprech- oder Gedankenstrom der nicht abreißt. Auf viele Figuren verteilt wäre der Text zu bewältigen. In unserer Arbeit aber wird der Text zu einem Effekttrigger, der körperliche Ausnahmezustände auslöst, oder wie Julia Riedler sagen würde, einen „Sprechdurchfall“. Es entsteht ähnlich wie bei anderen Formen von Sprechgesang oder Rapmusik ein Spiel mit der Bedeutung der Worte. Mehrdeutigkeiten und Überlagerungen befreien uns vom rationalen, engen Sinn der Worte. Wir haben während der Proben gemeinsam ein Spielsystem entwickelt – ohne die Parameter Psychologie, Verkörperung, Erzählung, Rolle, Handlung, allein oder gemeinsam produzierter Fiktion. Die dauernde Suche nach dem Sinn überlagert schnell die Frage wie Bedeutung überhaupt zustande kommen kann: durch die Lust am Spiel. Wir haben mit Rhythmus und Musik gearbeitet. Ein Livemusiker hat die Proben begleitet und Beats eingespielt, um die Sprache allmählich zum Schweben zu bringen. Wir haben über die Musikalität der Sprache eine Kommunikationsform zwischen den Spielern und Publikum entwickelt.

Felix Rothenhäusler The'Re Search by Julian Baumann
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In welcher Weise wird die visuelle Ästhetik des Videos in der Inszenierung beibehalten, verändert oder bewusst weggelassen?

Visuell machen wir etwas ganz anderes als Ryan Trecartin. Das hat damit zu tun, dass mein Fokus auf der Bedeutung des gesprochenen Worts und der Bewegung liegt. Es ging uns nicht darum Ryan Trecartins Kosmos ähnlich oder neu zu bebildern, sondern um die Wandlungsfähigkeit an sich. Verwandlung passiert bei uns durch die tänzerisch angelegte Bewegung der Spieler und die verschiedenen Zustände, in die die Körper dadurch geraten. Als Bildmaschine ist das Video schneller als das Theater. Im Theater stellt sich für mich die Frage: »Was kann ein Körper? Und wie kann ich die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf diese sehr besondere Erfahrung lenken?«

Gab es eine künstlerische Absprache mit Ryan Trecartin?

Das gab es nicht in Bezug auf die Theateradaption. Aber wir haben uns innerhalb des Prozesses per Mail immer wieder ausgetauscht. Durch die Veröffentlichung des Textes als Buch im Merve Verlag und durch die Ausstellung in Kooperation mit der Sammlung Götz, die im Rahmen der Premiere an den Münchner Kammerspielen stattfand, gab es eine breiter angelegte Form der Zusammenarbeit.

Ryan Trecartins Arbeiten werden medial vor allem durch das Präfix „Post-“ charakterisiert, wie zum Beispiel in Post-Internet, Post-Privacy, Post-Kritik oder Post-Kulturindustrie. Könnte man demnach auch von »Post-Theater« sprechen?

Jemand hat unsere Aufführung sehr treffend als a-humanen Überfluss beschrieben. Wer das Sprechen nur auf seine Semantik reduziert, ignoriert die Potenz des Sprechens. Das ist mit dem reinen a-humanen Überfluss gemeint: Unproduktivität ist ein Menschenrecht und widerspricht prinzipiell jeder Form von Ökonomie. Das Prinzip der Nützlichkeit bestimmt auch immer wieder den Diskurs über die Notwendigkeit und die gesellschaftliche Funktion des Theaters. Hinter dem Wort „Post-» verbirgt sich ein Programm, in dem der humanistischen Ordnung und ihrer beschränkten Ökonomie ein Wesen gegenübergestellt wird, das in keiner Definition aufgeht. Und ja, genau darum geht es. Ich muss den Begriff „Theater“ immer wieder aufs Neue für mich aufladen. Daher würde ich für das, was wir probieren keinen alternativen Begriff wie „Post-Theater“ verwenden.

Ryan Trecartin sagte einmal in einem Interview mit Cindy Sherman: „It’s important to me that the traditional director-actor hierarchy disappear into the work“. Was denken Sie darüber?

Sounds like some1 is a control freak.

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