Donaufestival Thomas Edlinger by Laura Schaeffer Donaufestival Thomas Edlinger by Laura Schaeffer
Foto von Laura Schaeffer

Donaufestival: Aus der ewigen Gegenwart in die endlose Nacht

April 29, 2018
Text by Christian Glatz
Donaufestival Thomas Edlinger by Laura Schaeffer
Foto von Laura Schaeffer

Der künstlerische Leiter Thomas Edlinger stellt beim diesjährigen donaufestival existenzielle Fragen zu unserer Gegenwart und zeichnet dabei eine düstere Gesellschaftsdystopie.

Befinden wir uns in einer niemals ruhenden Zeit ohne Platz für individuelle Freiheit und menschliche Nähe? Das donaufestival in Krems, das heuer erneut vom 27. April bis 6. Mai stattfindet, sucht nach Lücken in dieser streng durchgetakteten Welt, die Raum für menschliche Begegnungen lassen. „Offline-Rituale“, nennt Thomas Edlinger diese besonderen Momente und versucht bei der mittlerweile 30. Ausgabe des niederösterreichischen Avantgardefestivals für Kunst, Musik und Clubleben einen Ort für „Zeiterfahrung“ zu schaffen. Den Rahmen dafür bieten unter anderem Shows von Molly Nilsson, Pan Daijing, In My Talons, Laurel Halo, Amnesia Scanner und Manuel Göttsching. Christian Glatz im Gespräch mit Thomas Edlinger über mögliche Lichtblicke in einer beklemmenden Gegenwart.

Es ist Ihr zweites Jahr als künstlerischer Leiter des donaufestivals. Wie fühlen Sie sich?

Danke, den Umständen entsprechend – also eh sehr gut.

Das donaufestival wurde vor 30 Jahren – 1988 – gegründet. Gibt es kein Jubiläum zu feiern?

Ich glaube, das Festival hat sich seitdem sehr stark verändert. Zudem habe ich erst seit der Ära Zierhofer-Kin einen Bezug dazu. Insofern sah ich wenig Anlass, hier ausführlich Rückschau zu halten.

Der frühere und kontroverse Landeshauptmann Erwin Pröll hat das donaufestival jahrzehntelang finanziell gut unterstützt. Hat sich in der Kulturpolitik seit dem Amtsantritt von Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner etwas verändert?

Ich kann aus meiner Sicht keine substanziellen Unterschiede bemerken und sehe eine Kontinuität.

Der Titel des diesjährigen Festivals ist „endlose Gegenwart“. Welcher Gedanke steht dahinter?

Wir leben in einer eigenartig aufgeblähten Zeit, in der nichts mehr vergeht, aber nichts wirklich Neues mehr zu passieren scheint. Die Vergangenheit wird nicht mehr abgeschlossen oder überwunden, wie es Avantgarden oder politische Aufbruchsbewegungen früher in Aussicht gestellt haben. Die Zukunft hingegen erscheint vielen als verbaut und visionslos. Was wir alle kennen, ist der unermüdliche Takt einer digital vernetzten Gegenwart, die den Unterschied von gestern, heute und morgen einebnet und insofern als endloser Stream der Datenproduktion und –konsumption erscheint.

Die Vorstellung, dass diese krisenbehaftete Gegenwart niemals enden wird, ist beklemmend. Bleibt uns nur noch der Eskapismus?

Es gibt auch positive, entlastende Vorstellungen des Jetzt! – zum Beispiel die der endlosen Nacht, in der man sich lustvoll verliert.

Sie moderieren das Gespräch mit dem Philosophen Armen Avanessian unter dem Titel „Die Welt, die aus der Zukunft kam“. Um was geht es?

Es wird um die Beziehungen von Zukunft und Gegenwart gehen: Wenn die Gegenwart, etwa des Finanzkapitalismus, aus Wetten auf die Zukunft besteht, was bedeutet das dann rückwirkend für eine Gegenwart, die von den Zukunftserwartungen permanent umgestaltet wird?

Wenn es um die Stichworte Digitalisierung und Automatisierung geht, denkt man zunächst an Industrie und Wirtschaft. Welche Veränderungen könnte die technologische Entwicklung für die Kultur bedeuten?

Die Kultur findet ja schon längst unter digitalen Bedingungen statt. Dadurch verschieben sich die Vorstellungen von Werk, Abgeschlossenheit und Vernetzung genauso wie der Zugang zu Archiven oder Austausch. Zudem stellen sich auch neue Herausforderungen an den Evidenzcharakter von digital veränderbaren Datenträgern wie Bilder oder Töne, während deren ästhetisches Vokabular zugleich erweitert wird. Welchen Bildern wollen wir noch trauen, welche Sounds sorgen für die Musik zur Zeit?

Was verbindet die Ausstellung von Ryan Trecartin und Lizzie Fitch in der Kunsthalle Krems mit der Inszenierung „The Re’Search“ von Felix Rothenhäusler?

In der Installation „Premise Place (edit 1)“ in der Kunsthalle Krems ist auch das Video „The Re’Search (Re’Search Wait’S)“ von Ryan Trecartin über junge SelbstdarstellerInnen integriert. Der Text zu „The Re’Search“ ist mittlerweile in einer zweisprachigen Ausgabe auf Deutsch und Englisch erschienen und dient als Vorlage für die Theaterinszenierung von Felix Rothenhäusler.

Wo berühren sich die Disziplinen Kunst und Musik heuer beim donaufestival?

Oft - etwa bei audiovisuellen Overload von Lanark Artefax oder eben im Sounddesign der Kunstvideos von Ryan Trecartin sind die Grenzen fließend. Aber ganz offensichtlich verbinden sich die Formen zum Beispiel in Oreet Ashery’s Strick-Performance „Passing Through Metals“, die erstmals gemeinsam der Postpunk-Band Friends Of Gas realisiert wird.

Die Worte, welche die Musik Acts des Lineups beschreiben, sind unter anderem „zerklüftet“, „entrückt“, „angekränkelt“ und „spukend“. Wird es heuer auch mal heiter?

Ja, zum Beispiel, wenn Nobody mit seinem Smartphone-Orchester den prekär lebenden schwarzen Entertainer gibt.

Was sind Ihre persönlichen Festivalhighlights?

Ich freue mich sehr auch die Premiere von Liquid Loft, auf die Auftritte von Lanark Artefax, Circuit de Yeux, Gravetemple, Jakuzi und Manuel Göttsching auf die Installation von Marina Gioti und den Talk mit Simon Reynolds. Nicht zu vergessen auf den Rest.

Zum Abschluss: Da das donaufestival offenbar nach Offline-Ritualen sucht, möchte ich fragen, was denn Ihre liebste Gepflogenheit ist?

Kaffee mit nichts am Morgen, beziehungsweise ein Erfrischungsgetränk plus Nichtraucherauszeit-Zigarette zum oder nach dem Sonnenuntergang.

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