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Daniela Grabosch: (Re)Positionierung und (De)Materialisierung

July 18, 2018
Text by Magdalena Stöger
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Foto von Ricardo Almeida Roque

Magdalena Stöger traf Daniela Grabosch in ihrem Studio, um über schwindende Grenzen zwischen digitalen und physischen Räumen, Performativität und Wahrnehmung in ihren Installationen zu sprechen.

Daniela Grabosch arbeitet an der Schnittstelle physischer und virtueller Erfahrung. Ihr performativer Zugang zu Orten über ihr körperliches Erleben untersucht sie mittels digitaler Technologien, wobei der Moment des Transfers zentral für sie ist. In der künstlerischen Forschung verortet, hinterfragt sie Konzepte der Performativität, der Übertragung von Architektur und Orten in den Ausstellungsraum und dem Umgang mit BesucherInnen innerhalb ihrer Installationen.

Deine Projekte sprechen von einer langen und tiefen Auseinandersetzung mit spezifischen Orten, die du mittels ihrer einzelnen Komponenten, sozialen Implikationen und verschiedenen Formaten untersuchst.

Orte oder Räume sind für mich eine uns ständig umgebende, fluktuierende Materie aus ephemeren Mikro- und Makrokosmen - spezifisch, nicht spezifisch, definiert, undefiniert, (historisch) manifestiert, flüchtig, physisch oder virtuell. Mich interessieren die Orte, an denen eine körperliche Anwesenheit, soziale Verhaltensmuster, Strukturen oder die (persönliche) Privatheit positioniert sind und interpretiert werden können - die sich zu Bühnen beziehungsweise Displays, zusammengesetzt aus vielschichtigen Komponenten, transformieren lassen. Die Komplexität dieser (künstlich) generierten Räume, die Produktion von Umgebungen und die daraus entstehenden Abläufe und Narrationen, resultieren für mich in einer Überlagerung von physischen und virtuell imaginierten Räumen, in denen auch immer ein Ausloten von Hierarchien und strukturellen Prozessen stattfindet.

In meinen Arbeiten versuche ich mich aus unterschiedlichen Positionen an diese hybriden Orte, mit ihren oftmals unkonventionellen Arrangements anzunähern, um mich dann wieder von ihnen zu distanzieren. Dabei wird jede minimale Bewegung - physisch, digital oder virtuell - dokumentiert und bleibt somit Teil meines gesamten Arbeitsprozesses. Diese (virtuelle) Annäherung lässt fragmentierte Momentaufnahmen entstehen, die sie sich in ein komplexes Archiv, eine riesige Datensammlung, erweitern.

Außerdem versuche ich, meine Arbeiten immer wieder neu zu begehen, sie zu reinterpretieren und modifizieren. Durch das Umpositionieren von Displays, Objekten, Körpern und der Re-Positionierung der BetrachterInnen, verhandle ich ihre Rollen in meinen Arbeiten ständig neu - füge weitere Bedeutungsebenen, neue Dimensionen und zusätzliche Elemente hinzu und lasse andere dafür verschwinden.

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Oftmals beginnt dein Prozess mit einer körperlichen Erfahrung von Raum, die du beispielsweise mittels Tracking-Devices in eine Virtualität übersetzt und anschließend in deine Installationen überträgst. Was bedeutet der Moment des Transfers zwischen physischer und digitaler Sphäre für dich?

Die Räume, die in meinen Arbeiten präsent sind, können sich in unterschiedlichsten Medien befinden - wobei das Verhältnis zwischen Architektur, Körper, Bewegung und kinematographischem Raum immer eine zentrale Rolle spielt. Daraus resultiert dann eine (virtuelle) Reproduktion körperlicher Bewegungen mithilfe mathematischer Algorithmen. Sowohl die Aufzeichnung meiner eigenen Bewegungen durch physisch existierende Räume, als auch die Annäherung über den digitalen oder virtuellen Raum, finden für mich sehr performativ statt. Oft gehe ich vom digitalen in den physischen Raum und wieder zurück in den digitalen um daraus meine Arbeiten zu entwickeln, die eigentlich immer in beiden Dimensionen funktionieren - es ist für mich eine ständige (Re)Positionierung und (De)Materialisierung.

Das Switchen zwischen den Realitäten und die Möglichkeit, sich bewegende und ständig verändernde Strukturen aufzuzeichnen, ist für mich ein wichtiger Bestandteil des gesamten Entwicklungsprozesses einer Arbeit. Dafür benutze ich verschiedene Apps auf meinem Handy - die Tatsache, dass ich dieses täglich extrem nah an meinem Körper trage, verringert für mich meine persönliche Distanz zu dem verwendeten Gerät - ich sehe es somit als eine Art Prothese, um mich und meine Bewegungsmuster aufzuzeichnen. Ich versuche damit zu verhindern, dass ein speziell gekauftes Gerät zwischen mir und den Orten steht mit denen ich mich beschäftige. Außerdem benutze ich ausschließlich frei zugängliche Tools und Apps, die eigentlich für einen anderen Gebrauchszweck entwickelt wurden und versuche dabei ihre Funktionen herauszufordern und an ihre technischen Grenzen zu bringen.

Diese Herangehensweise, schafft mir die Möglichkeit ein komplexes Material- und Bewegungsarchiv zu generieren, in dem es immer wieder zu Überlagerungen von unterschiedlichen Medien und Outputs kommt. Ein weiterer Aspekt ist, dass viele dieser Apps zeitlich oder räumlich limitiert sind, was meinen Arbeiten eine wichtige Komponente hinzufügt - eine von mir nicht beeinflussbare. Ich gebe der App beziehungsweise der Software einen Input und sie liefert mir einen Output. Oftmals sind die Prozesse innerhalb dieser Programme so komplex und unberechenbar, dass ich oft nicht weiß, welches Resultat ich am Ende erwarten kann. Gerade bei dem 3D-Scannen von Bewegungen kann das zu unerwarteten Glitches führen. Das sind für mich Impulse die ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr manipulieren kann oder will, an dem ich den Produktionsprozess abgebe und das daraus entstandene Material akzeptiere und damit weiterarbeite.

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Dein Zugang ist sehr performativ und du installierst deine Arbeiten in jeder anderen Ausstellungssituation neu. Wie willst du, dass BesucherInnen mit deinen Installationen umgehen?

Mit meinen Arbeiten versuche ich zu hinterfragen wie ich einen Ort oder Raum performe, wie sich dieser selbst performt und ob ich ihn als Setting, Display oder Bühne verstehen kann.

Den BesucherInnen liefere ich subtile Instruktionen - verbal als Text oder Sound, anhand von (bewegten) Bildern oder Objekten. Dabei geht es mir um die Positionierung von Körpern im Raum - eine forcierte Organisation der BetrachterInnen innerhalb einer, durch meine Displays (festgelegten) Struktur. Diese begehbaren Displays sind aus veränderbaren Elementen zusammengesetzt, performative Objekte und Props sollen den BetracherInnen unterschiedliche Zugänge zu meinen Arbeiten verschaffen und ihnen die Möglichkeit geben sich innerhalb dieser zu positionieren.

Den performativen Raum sehe ich in meinen Arbeiten als Verbindungselement, als Zwischenraum. Er hat die Aufgabe das Verhältnis zwischen den AkteurInnen, ZuschauerInnen, Objekten und Displays zu hinterfragen, zu analysieren und zu bestimmen. Die daraus resultierenden, momentanen Choreographien von menschlichen AkteurInnen und Objekten und ihrer Bewegungsmuster lassen die Arbeiten permanent variieren - sie werden modifizierbar, modulierbar. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Austausch zwischen dem Ausstellungsraum, den Arbeiten und den BetrachterInnen und damit eine Reflexion und Selbstreflexion.

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Kann man sagen, dass die BesucherInnen selbst ein Teil deiner Displays werden?

Ja. Da meine Displays schon vor dem eigentlichen Betreten des Ausstellungsraumes beziehungsweise der Installationen an sich beginnen (über einen Text, Sound, Video oder wie in meiner neuesten Arbeit über einen spezifischen Geruch), positionieren sich die BetrachterInnen selbst innerhalb dieser - ohne dies bewusst wahrzunehmen oder einen direkten Ausweg zu haben. Mich interessieren die Blickwinkel und Bewegungsmuster der BetrachterInnen - ihre Interaktionen und (gewählten) Positionen im Raum oder innerhalb meiner Arbeiten, machen sie zu temporären PerformerInnen bzw. einer aktiven ZuschauerInnenschaft.

Welche Rolle spielt Text für dich?

Sprache ist für mich ein elementarer Bestandteil meiner Arbeiten und meines gesamten Recherche- und Arbeitsprozesses. Die Orte mit denen ich mich auseinandersetze, tauchen meist in Texten auf oder in Dokumenten die ich in (privaten) Archiven finde. Dadurch entstehen für mich zu Beginn bereits erste Ansätze fragmentierter (virtueller) Orte auf einer sprachlichen Ebene. Dabei legen sich alle Bestandteile wie ein Gewebe ineinander und leiten mich durch meine Recherche. Oft springe ich zwischen unterschiedlichen Texten hin und her und schreibe Fragmente dieser in neue Texte um, sie werden dann für mich zu den Scores* (Instruktion, Handlungsanweisung, Partitur) meiner Arbeiten. Ich verwende sie für meine Displays, Installationen, Objekte, Videos, Soundarbeiten oder die performativen Instruktionen an die BetrachterInnen bzw. die Arbeiten selbst - gleichzeitig sind sie aber auch die konzeptuelle Grundlage für die Dokumentation meiner Arbeiten und zukünftiger Reenactments.

Momentan arbeite ich in verschiedenen Sprachen parallel die sich häufig auch überlagern, was den gesamten Arbeitsprozess noch komplexer werden lässt. Außerdem habe ich vor kurzem angefangen gewisse Worte bewusst nicht mehr zu übersetzen - da eine Übersetzung ihre ursprüngliche Bedeutung für mich verändern würde.

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Für dein neues Projekt zur Cité von le Corbusier, das du derzeit in Marseille ausstellst, hast du erstmals auch einen Scent entworfen.

Ich beschäftige mich schon etwas länger mit der Frage, wo die Grenze(n) zwischen realen und virtuellen Sphären liegen - ob, und wie diese existent sind, was Virtualität bedeutet und warum wir so oft daran scheitern, diese zu beschreiben, zu formen oder greifbar zu machen. Ich habe mich gefragt, welche unserer Sinne elementar für das Erfassen von Räumen sind und warum das Riechen, Hören oder Sprechen in der Auseinandersetzung mit Virtualität und Digitalität oft nur am Rande der gängigen Diskurse auftauchen.

Nach meiner ersten Begegnung mit der Unité d’Habitation, habe ich einen sehr fragmentarischen Text als ersten Zugang geschrieben. Darin hinterfrage ich Materialien, (prozesshafte) Strukturen, Hierarchien sowie performative und filmische Bewegungsmomente innerhalb des Gebäudes. Ein weiterer Aspekt war für mich außerdem die Fragestellung, wie ich diesen historisch so manifestierten Ort an einen anderen Ort transportieren kann - wie ich seine gegebene Erscheinungsform, unter Berücksichtigung eingeschriebener Attribute, verändern und in eine neue Umgebung übertragen kann.

In Zusammenarbeit mit Anna Thomas habe ich, basierend auf meiner Recherche und dem in Marseille entstandenen Text, einen olfaktorischen Geruch (C5H8_SPATIAL PRODUCTION) entwickelt - einen unsichtbaren Reflektor der in die gesamte Installation strahlt. Der Geruch befindet sich auf allen Objekten innerhalb der Arbeit, wie zum Beispiel den Studioreflektoren oder dem Metallstück, welches als Gegengewicht am Stativ befestigt ist. Er ist das erste Element, dass die BetrachterInnen unterbewusst wahrnehmen, wenn sie den Raum betreten - gefolgt von (INSTRUCTIONS FOR A MOVING VISITOR), einer Soundarbeit, die den Text (auf dem auch der Geruch basiert) in den Raum projiziert. (C5H8_SPATIAL PRODUCTION) funktioniert wie ein Parasit, der sich in alle Objekte und den gesamten Ausstellungsraum einnistet - vorgegebene Strukturen und Bewegungsmuster unterwandert und sich überall verteilt. Er ist Parasit und Zwischenwirt zugleich und lässt den Raum zwischen Realität und Virtualität verschwimmen, schafft eine neue Dimension und erweitert den Raum. (C5H8_SPATIAL PRODUCTION) ist ein kritischer Kommentar, der für die BetrachterInnen eine unauslöschbare Erinnerung an einen (abwesenden) Ort schafft.

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PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

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Christian Glatz
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Julius Pristauz
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Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth