Cyborg Europa Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier
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Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Cyborg Europa: »Nur durch Diversität kann mein System überleben«

January 7, 2018
Text by Christian Glatz
Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Die Webserie Cyborg Europa sucht in der griechischen Mythologie nach den Spuren der europäischen Identität und findet einen Helden des digitalen Zeitalters.

Ihr Werk bezeichnen die Urheberinnen Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier selbstbewusst als „smartest, most democratic and complex series you were already longing for“ und ist in der Tat nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Die Serie setzt sich philosophisch mit der griechischen Sagengeschichte der Europa auseinander und mischt diese mit Fragmenten des japanischen Anime-Films „Ghost in the Shell“.

Schon bevor die Idee zur Serie geboren war, beschäftigten sich die beiden Künstlerinnen viel mit antiker Mythologie und sahen angesichts der gegenwärtigen europäischen Krise die Zeit gekommen, den Mythos um den Raub der Europa neu zu interpretieren.

Für das Projekt Cyborg Europa übernahmen Diana und Anna-Sofie die Text-, Regie-, Kamera- und Schnittarbeit sowie die Rollen der Hauptdarstellerinnen. Auch das Soundengineering von Paul Ebhart wurde eigens für die Serie entwickelt und verleiht der Inszenierung eine besondere Atmosphäre.

Wir sprachen mit Diana und Anna-Sophie über die Entstehungsgeschichte, kulturelle Aneignung und die Europäische Union.

Wer oder was ist der „Cyborg Europa“?

Cyborg Europa ist die Filmfigur und Antiheldin der gleichnamigen Webserie. Sie ist die Reinkarnation der antiken griechischen Mythenfigur Europa in einem Cyborgkörper gefüttert mit Informationen aus dem Animefilm Ghost in the Shell von 1990. Das Gehirn von Europa befand sich lange Zeit auf dem tiefen Grund der Ägäis. Es hat sich nun dazu berufen gefühlt wiederzukehren.

Was könnt ihr über die Entstehungsgeschichte eurer Serie erzählen?

Das Serienformat war eher eine Kompromisslösung, auf die wir später noch genauer eingehen werden. Die Idee, an einer Verfilmung des Europa-Mythos zu arbeiten schwebte uns schon seit längerer Zeit vor und zeichnete sich auch unabhängig voneinander bereits in früheren Projekten ab. Zum Beispiel im Projekt rendezvous3000.com von Anna Sofie Lugmeier und Evamaria Müller, die gemeinsam an einer Art digitalen Storytelling-Plattform arbeiten. Dafür sind bereits erste Filmaufnahmen auf der Insel Naxos am Mount Zeus entstanden, die wir in der letzten Folge sehen werden. Später haben wir gemeinsam mit unserem Kollektiv OLIVER erste Drehversuche gestartet, jedoch das Material bis heute nicht veröffentlicht. Letztendlich haben wir dann Ostern 2017 während einer Familienfeier in Bayern die Kamera ausgepackt und mit den Dreharbeiten für Cyborg Europa begonnen.

Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Wie inszeniert ist die Nichtinszenierung des Filmmaterials?

Es gab kaum Skript, wir haben lediglich gewusst, welche Szene wir wo drehen wollen. Vieles ist erst vor Ort im Spiel entstanden und dann haben wir mit der Kamera sofort draufgehalten. An so gewaltigen Orten, wie zum Beispiel der minoischen Palastanlage von Knossos, waren wir wie gelähmt und hatten große Mühe mit improvisierten Gesten gegen eine über Jahrtausende etablierte Geschichte anzukommen.

Im Forum Alpbach habt ihr das Filmmaterial noch gebündelt präsentiert. Nun habt ihr „die komplette Überdosis des Films in 5 bewährte Episoden geschnitten“. Warum?

Die Serie entstand wie gesagt zunächst aus einer Art Notlösung heraus, weil wir keinen physischen Ort finden konnten, wo der ganze Film gezeigt werden konnte. Da es uns aus Aktualitätsgründen wichtig war, dass der Film so schnell wie möglich einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird, haben wir uns für die eigene Onlineplattform entschieden. Den virtuellen Raum zu bespielen passt einerseits zum Charakter unserer Filmfigur, andererseits wollten wir sie auf allen sozialen Netzwerken teilen, um die angesprochenen Inhalte nochmal mehr in einen geeigneten Kontext zu setzen. Das hat uns gut gefallen, dieses Format gibt der Serie eine gewisse Autonomie und ist direkt auf den Geräten der ZuschauerInnen abrufbar.

Der Spielfilm „Ghost in the Shell“ (2017) hat auf die zwei Protagonistinnen der Serie großen Einfluss und lässt den griechischen Mythos vom „Raub der Europa“ mit dem Remake des japanischen Animes von 1995 verschmelzen. Was bildet die Grundlage für diesen Hybrid?

Europas Kunstgeschichte ist überwiegend von passiven Darstellungen des Mythos geprägt, daher haben wir versucht ein zeitgemäßes, weibliches Hybridwesen zu schaffen, mit dessen Hilfe es möglich ist in historisch etablierte Strukturen und Informationen einzugreifen, um aktiv zu werden. In der Planungsphase war die Premiere des Remakes von Ghost in the Shell in den Kinos angelaufen und wir fanden in Scarlett Johansson als Major Motoko Kusanagi den Körper den wir gesucht hatten um ein neues Szenario denken zu können. Ohne diese Mensch-Maschine-Verbindung wäre es uns nicht möglich gewesen, hier Fragen nach dem humanistischen Weltbild des 21. Jahrhunderts zu stellen. Zurück bleibt ein Hybridwesen, das Identität und Autonomie sucht und auch einfordert, wobei es auf die Grenzen des weiblichen Körpers stößt und sich der Macht bewusst wird, die seit Jahrtausenden auf ihn ausgeübt wird.

Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Dass die westliche Schauspielerin Scarlett Johansson im Remake die Rolle der Major Motoko Kusanagi verkörperte, stieß bei Fans auf Kritik. Wo beginnt kulturelle Aneignung problematisch zu werden?

Es ist nicht nur problematisch, sondern auch unglaubwürdig Scarlett Johansson als asiatische Major Motoko Kusanagi einzusetzen. Man kann sich vorstellen, dass die Gründe hierfür eher marktorientiert waren. Das ist sehr traurig, aber im Massen-Kinopublikum sind die Begehrensweisen für westliche Stereotypen sehr tief verankert. Zum Anderen ist es doch auch sehr bemerkenswert, dass Scarlett Johansson schon öfter Frauenrollen mit diskutablen entmenschlichten Eigenschaften spielt, die den posthumanistischen Diskurs in Bezug auf den weiblichen Körper aufwerfen können, wie beispielsweise in Under the skin, Her oder Lucy um nur ein paar dieser Filme zu nennen. Das war auch ein Grund, Scarlett Johansson namentlich im Film zu erwähnen.

Wir halten kulturelle Aneignung, beziehungsweise eine tiefergehende Kultur-Nachahmungstechnik für notwendig. Allerdings nicht um andere Kulturen und Traditionen zu besitzen oder auszubeuten, sondern um sie besser nachvollziehen zu können. Um seine eigene Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Territorium besser begreifen oder auflösen zu können und um sie gegebenenfalls umstrukturieren zu können. Eine generelle Ablehnung von kultureller Aneignung finden wir nicht gerechtfertigt. Natürlich gibt es Personen, denen Sensibilität und Respekt fehlt, die mit Inhalten auch dementsprechend umgehen und das macht berechtigterweise wütend. Weil es auf Ignoranz und einem pervertierten Verlangen nach Exotismus gründet und rein gar nichts mit einer reflektierten Auseinandersetzung zu tun hat. Die Frage liegt doch eher dort, wo man im künstlerischen Bereich von ästhetischer Aneignung spricht und daraus eine Marktstrategie macht.

Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Euer Cyborg ist einerseits unverletzlich und robust - „ich bin gefallen, aber ich habe mir nichts gebrochen, ich bin aus Titan“ - muss aber andererseits auch regelmäßig gewartet werden. Wie erklärt ihr diese paradoxe Beschaffenheit?

Jedes Operating System muss regelmäßig gewartet oder geupdated werden - wir haben uns dasselbe auch für CYBORG EUROPA vorgestellt. Sie ist eine starke Figur, aber nicht ganz unabhängig, ihr Körper gehört immer noch der Sektion 9, nur ihr Geist ist frei und zu revolutionären Gedanken fähig. Das Autonomiebestreben, das unser Cyborg sucht, ist dem der Major ähnlich und hat viel mit den Bewusstseinsfragen eines technisch erweiterten menschlichen Individuums zu tun. Wir sind nun selbst schon längst zu technisch-erweiterten Organismen mutiert: Fast jeder von uns besitzt ein Smartphone mit Internetverbindung, der Mensch und das Smartphone sind eine organische Symbiose eingegangen. Auch hier stellt sich die Frage nach der Autonomie. Denn wir können auch im virtuellen Raum nur innerhalb eines bestimmten Framesettings agieren, wer diese Bestimmungen trifft, sind gewiss nicht wir selbst.

Es gibt eine patriarchalische und eine alternative matriarchalische Leseart des Mythos. Eignet sich die mythologische Figur Europa als feministische Ikone?

Um ehrlich zu sein, eignen sich so gut wie gar keine Frauenfiguren aus der antiken griechischen Mythologie als autonome Ikonen. Sie wurden immer wieder (meistens von Männern oder männerähnlichen Wesen) überlistet, instrumentalisiert, vergewaltigt oder gar getötet. Die Schlüsselfigur der Snake Goddess fordert Cyborg Europa dazu auf, für sich selbst und alle anderen Frauen die Macht zurückzuerobern, die ihnen durch das Narrativ der Erbsünde in der Bibel genommen worden ist. Erst wenn die mythologische Figur der Europa dazu fähig sein wird, für sich selbst zu entscheiden, kann sie der Geschichte einen neuen Lauf geben.

Vielleicht kann sie dann sogar feministische Ikone sein - möglicherweise könnte dann in Brüssel eine Europafigur stehen, die den Stier nicht mehr braucht und ihren politischen Körper ganz anders einsetzt als bisher.

Das Umprogrammieren des Codes auf dem Diskos von Phaistos wird in „Cyborg Europa“ zum Schlüssel zur Wiederherstellung der weiblichen Macht. Genügt es soziale Codes zu verändern um gesellschaftlichen Wandel zu bewirken?

Der Diskos von Phaistos ist einer der bedeutendsten archäologischen Fundstücke der Bronzezeit und enthält eines der ältesten europäischen Schriftsysteme, die bisher noch nicht eindeutig entschlüsselt werden konnten. Es gibt Behauptungen, dass der Diskos eine Gottheit erwähnt, die als die Snake Goddess bezeichnet wird und damals als eine der mächtigsten Gottheiten angebetet wurde. In den heiligen Ritualen gab es nur weibliche Priesterinnen oder Zeremonienmeisterinnen, erst viel später durften Männer daran teilnehmen. Uns interessieren Übergänge von einer vermutlich erst matriarchalen hin zu einer patriarchalen Machtlegitimation, die sich später beispielsweise auch im Stierkult ausdrückt und noch viel später in christliche Grundzüge übergingen oder umgedeutet wurden. In unserer Realität geht es natürlich nicht so einfach, durch einen veränderten Code einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken, obwohl man mittlerweile schon DNS umcodieren kann. Vielleicht wird durch den Cyborgkörper ein Wandel stattfinden, der die menschlichen Grenzen mehr denn je aufzeigt und gerade dadurch könnte das Menschliche wieder umso deutlicher hervortreten.

Cyborg Europa
Foto von Diana Barbosa Gil und Anna-Sofie Lugmeier

Die Figur Europa hüllt sich in der Serie in die Flagge der EU und lädt damit ein, die Identitätssuche des Cyborgs mit der Sinnsuche der Europäischen Union zu verbinden. Existiert überhaupt eine europäische Identität? Und wenn ja, was zeichnet diese aus?

Um Indizien zum Ursprung dieser sogenannten europäischen Identität zu finden, mussten wir in die Zeit von 2600 v. Chr. zurückgehen. Wir stießen auf Kreta auf die angeblich erste europäische Zivilisation, das erste Gesetz Europas, das erste europäische Speichermedium (den Diskos von Phaistos) und die wunderbare Figur der Schlangengöttin, die nur den Grundstein der Suche markieren sollen. Mit der aktuellen politischen Situation, in der Zeit von Brexit und massiven Identitätskrisen von Nationalstaaten, die Angst-Konstrukte wie beispielsweise eine Identitäre Bewegung zu Tage bringen. Aber auch in der Auseinandersetzung mit der »IB« selbst, überhaupt die Tatsache, stark radikalisierten jungen Menschen gegenüber zu stehen, die »Defend Europe« rufen, war für uns mit ein Grund uns mit Fragen der Identitätsstiftung auseinanderzusetzen.

Wir haben uns für die Gestalt einer Art modernen Kriegerin entschieden, die sagt: „Ich verteidige mich selbst, denn nur durch Diversität kann mein System überleben“. Die europäische Identität, die wir suchen, könnte ebenfalls ein Hybridwesen sein, welches sich über Jahrtausende entwickelt und dazu fähig ist, diverse neuartige Verbindungen einzugehen und aus der Vergangenheit zu lernen.

Zum Abschluss: Wie lässt sich die Serie in eure bisherige künstlerische Praxis einordnen?

Sie ist ebenfalls ein hybrider Zusammenschluss aus unseren bisherigen Arbeitsweisen und dem, was unsere Freundschaft ausmacht.

Man könnte bemerkt haben, dass Cyborg Europa eine witzige und zugleich sehr intime Serie ist. Das ist nur möglich gewesen, da wir uns sehr öffnen mussten voreinander und tatsächlich in die Tiefe der Ägäis getaucht sind, um diesen Vorschlag für ein neues europäisches Narrativ zu inszenieren. Der jeweilige Umgang mit Geschichte, historischen Funden und Fiktion ist bei uns recht unterschiedlich. Aber an sich zielt alles auf eine gewisse Selbstermächtigung ab, sei es auch nur innerhalb eines Mediums. Derzeit arbeiten wir an einem Skript für einen neuen Film namens »COCA« der 2020 erscheinen soll. Es wird um den kolumbianischen Bürgerkrieg gehen, die RAF, Ulrike Meinhofs in Stammheim entnommenes Gehirn und wie ideologisierte, mit Wissen vollgepumpte mitteleuropäische KunststudentInnen im Dschungel kokainabhängig werden.

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