pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam
Foto von Sebastian Leitinger für Nakkt, Anna Schwarz 2018
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser
Foto von Sebastian Leitinger für Nakkt (Mit Jackie Lee, Anna Schwarz, Mario Gamser), 2018
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser
Installationsansicht Gelatin: Form-Fellows-Attitude, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam 2018. Besucherinnen wurden dazu angeregt, ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe mithilfe eines Kostüms zu verändern. Foto von Anna Schwarz
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny
Anna Schwarz & Lisa Edi, faces the cycle of fashion, 2018. Foto von Sabine Stastny
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny
Anna Schwarz & Lisa Edi, things will change, Austrian Cultural Forum London, Videoloop 10min, 2017
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-maria-keramik-sabine-stastny pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-maria-keramik-sabine-stastny
Anna Schwarz, Oberkörper Lisa Maria, Keramik, 2016. Foto von Sabine Stastny
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sabine-stastny pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sabine-stastny
Anna Schwarz, will work, Serie von 6 Einzelbildern, 2017

Anna Schwarz: Von kollaborativen Beziehungen und Nacktheit

November 10, 2018
Text by Sabine Stastny
pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam
Foto von Sebastian Leitinger für Nakkt, Anna Schwarz 2018

Ein Gespräch mit der Künstlerin Anna Schwarz über die Bedeutung von Kooperation in Mode und bildender Kunst, Interdisziplinarität und die Herstellung von 101 Nacktkostümen.

Anna Schwarz verbindet nicht nur verschiedene Orte, sondern auch verschiedene künstlerische Disziplinen miteinander. Ihre feministische Haltung ist geprägt vom Wunsch nach einem strukturellen Wandel hin zu einer post-patriarchalen Gesellschaft. Sabine Stastny hat die Künstlerin getroffen, um über ihr Projekt Nakkt mit der Künstlergruppe Gelatin und die Kraft des Mediums Video zu sprechen.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser
Foto von Sebastian Leitinger für Nakkt (Mit Jackie Lee, Anna Schwarz, Mario Gamser), 2018

Du bist viel international unterwegs. Deine nächsten drei Monate verbringst du beispielsweise im Rahmen eines Stipendiums in Shanghai. Was für ein Verhältnis hast du zu Wien?

1999 bin ich als zehnjähriges Mädchen mit meiner Mutter aus Salzburg hierhergezogen. Wien wurde seither Schritt für Schritt internationaler, aber strukturell hat sich kaum etwas verändert.

Wien ist eh super, aber mich stören halt diese patriarchalen, xenophoben Strukturen, die im System verankert sind. Ich würde mir wünschen, dass es viele leiwande Frauen in vielen wichtigen Positionen und in allen Altersklassen gäbe. Die meisten Schlüsselpositionen sind immer noch männlich besetzt. In den letzten 30 Jahren gab es kaum eine feministische Bewegung, die von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen wurde.

Daher ist mein Verhältnis zu Wien durchaus ambivalent. Ich bin froh immer wieder die Stadt verlassen zu können, neue Strukturen kennenzulernen und auch etwas Distanz zu alldem zu finden.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sebastian-leitinger-nakkt-kostüm-costume-gelitin-gelatin-rotterdam-jackie-lee-mario-gamser
Installationsansicht Gelatin: Form-Fellows-Attitude, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam 2018. Besucherinnen wurden dazu angeregt, ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe mithilfe eines Kostüms zu verändern. Foto von Anna Schwarz

Du hast gleichzeitig an der Angewandten bei Hussein Chalayan Mode und an der Akademie bei Julian Göthe Bildhauerei studiert. Wie ging es dir damit?

Die eine Institution hat sozusagen die andere relativiert. Ich habe an beiden Wiener Kunstuniversitäten studiert und könnte mehr als fünf Professorinnen und unterschiedliche Klassen nennen, die mich begleitet haben und würde das nicht nur auf diese zwei Personen herunterbrechen. Dass ich in dieser Zeit hin und hergerissen gewesen wäre, wurde primär von außen projiziert. Ich glaube daran, dass im Studium eine Vielzahl künstlerischer und theoretischer Positionen eine Interdisziplinarität hervorbringen, die es erst ermöglicht spannende Kunst zu produzieren.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny
Anna Schwarz & Lisa Edi, faces the cycle of fashion, 2018. Foto von Sabine Stastny

Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben? In der Kunst wie auch in der Mode hält sich ja immer noch das Image der Einzelkämpferin …

In der Mode ist eigentlich das Gegenteil der Fall. Das Modestudium ist ein gemeinschaftlicher Prozess: Konzeptionsgespräche, diverse Fittings, kleine und größere Jurysitzungen über das Jahr verteilt. Man ist eigentlich ständig mit einem Außen konfrontiert. Welche Mode man schaffen will, wird permanent im Austausch mit der Institution verhandelt. Fast kann man sagen, es ist eine erweiterte Form der Zusammenarbeit mit Lehrenden und der Institution an sich.

Bei meinem Modediplom war es mir ein Anliegen, genau diese kollaborativen Beziehungen sichtbar zu machen und herauszuarbeiten. Auf der einen Seite sind die Institutionen und ihre verwachsenen, intransparenten Strukturen, auf der anderen die vielen involvierten Models, denen die Rolle der schweigsamen Kleiderpuppen zugeschrieben wird. Es war mir ein dringendes Bedürfnis eine auf Austausch basierende Kollektion zu entwerfen – alle an einen Tisch zu setzten, Funktionen zu betiteln, Gespräche zu forcieren und die Gegenüber sichtbar zu machen. Denn es ist nicht egal an wem und für wen ich Kleidung entwerfe. Es ist nicht egal, wie ein Bild entsteht und wer entscheidet welches Bild, das Bild wird.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-edi-sabine-stastny
Anna Schwarz & Lisa Edi, things will change, Austrian Cultural Forum London, Videoloop 10min, 2017

Deine letzte große Arbeit Nakkt war auch Teil einer Kooperation mit Gelatin. Was kannst du darüber erzählen?

Gelatin kam mit der Idee auf mich zu, 100 Nacktkostüme für ihre Ausstellung im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam zu produzieren. Bei Florian Reither, einem der vier Mitglieder, habe ich unter anderem studiert, als er an der Akademie eine Vertretungsprofessur innehatte.

Da es keine Skizzen gab, konnte ich sehr frei arbeiten, was mir sehr recht war. Ich konnte mir auch mein eigenes Team zusammenstellen: Mario Gamser, der neben seinen Tätigkeiten als Industrie- und Modedesigner auch als Architekt arbeitet und Jackie Lee, die trotz ihres Praktikums bei Ann Sofie Back und ihrer Anstellung als 3D-Designerin bei Ottolinger in Berlin Zeit fand, einen Monat für das gemeinsame Vorhaben zu reservieren. Gemeinsam konnten wir die Sache mit viel Know-how angehen.

Zu dritt thematisierten wir wiederholt die geschlechtsspezifischen und hierarchischen Verteilungen im Arbeitsprozess. Dabei wurde uns bewusst, dass auch innerhalb unserer Gruppe die Strukturen, die wir noch vom Studium kannten, durch klassische Rollenzuweisungen sichtbar wurden. Im Gegensatz zu einer von Männern besetzten Gruppe war die weibliche Dominanz für mich extrem wichtig.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-lisa-maria-keramik-sabine-stastny
Anna Schwarz, Oberkörper Lisa Maria, Keramik, 2016. Foto von Sabine Stastny

Ich möchte mit dir noch ein bisschen mehr über Kooperationen sprechen: Manchmal werden sie willkommen geheißen, sogar gefordert, manchmal vertuscht, öfter wird ihnen Unklarheit und fehlende Autorität vorgeworfen, obwohl der Mythos des Einzelgenies überholt ist. Wie war die Zusammenarbeit mit Gelatin, die für ihre künstlerische Zusammenarbeit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt sind?

Ich wusste vage über die Herausforderungen einer Zusammenarbeit mit einer etablierten Männergruppe, wie Gelatin eine ist, Bescheid. Wie erwähnt, kenne ich Florian Reither schon länger und bin mit Gelatins Arbeiten sehr vertraut. Über Nacktheit, die Aneignung von Nacktheit, Geschlecht und Hautfarbe zu fantasieren und eine große und umfangreiche Arbeit zu formulieren, ohne Behauptungen zu verbreiten, empfand ich als bedeutende Herausforderung.

pw-magazine-vienna-anna-schwarz-sabine-stastny
Anna Schwarz, will work, Serie von 6 Einzelbildern, 2017

Um in deinen Performances, Skulpturen und deiner Mode Bewegung zu abstrahieren, benutzt du oft Video als Medium. So auch in deiner poetischen Arbeit things will change für das Austrian Culture Forum in London. Warum Video?

Video ist interessant, weil es sich ein wenig der Imagegenerierung entzieht und die Narration stark hervortritt. Im Vergleich zur Fotografie geht es stärker darum, eine Geschichte zu erzählen und das fasst auf eine Art und Weise vieles für mich zusammen. Video ist ein guter Rahmen, sich Zeit zu nehmen und verschiedene Elemente zusammenzuführen. Es gibt mir die Möglichkeit eines begleitenden Übergangs, dazu gehört natürlich auch Sound und Musik.

Die Arbeit für das Austrian Culture Forum war das Ergebnis einer fast zweijährigen Kooperation mit der Fotografin Lisa Edi. Zusammen mit Lisa habe ich den Entwurfsprozess meiner Diplomkollektion Ready-to-Carry skizziert dokumentiert und das Ergebnis auf und mit befreundeten Künstlern inszeniert. Der Prozess der Deutungshoheit liegt in der Mode zumeist in der Erschaffung von Bildern. Im Austrian Culture Forum in London haben wir eine Arbeit gezeigt, die gemeinsam produzierte Bilder der vorherigen Arbeit einfügt, animiert und sphärisch abspielt.

Ich versuche, meine künstlerische Produktion so zu gestalten, dass diese ein zögerliches und skeptisches Handeln zulässt. Diese Möglichkeit erschafft Spielraum und entzieht sich linearer hierarchischer Machtstrukturen.

Next article

pw-magazine-vienna-ute-mueller-mumok-kapsch-contemporary-art-prize
Foto von Marie-Louise Häfner

Ute Müller: »Je mehr Widerstand, desto besser«

About

PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture.

By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, PW-Magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The bilingual platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth