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Foto von Amar Priganica
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Alexander Kluge, Blick in den Abgrund der Sterne, 2017, Filmstill. Foto von Kairos Film
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Alexander Kluge, Schwarze Augen, 2016, Filmstill. Foto von Kairos Film

Alexander Kluges poetische Kraft der Theorie

July 25, 2018
Text by Amar Priganica
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Foto von Amar Priganica

Alexander Kluge ist das lebende Urgestein einer Generation, die man eigentlich nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Wir haben den Autor und Filmemacher getroffen, um über seine vielschichtige Praxis zu sprechen.

Als engagierter Poet, vielstimmiger Chronist und Seismograf der Gegenwart spürt Alexander Kluge Fragen der Jetztzeit auf und verhandelt diese in seinen Texten, Filmen und Interviews. Neben seinen zahlreichen Produktionen für Kino und Fernsehen, arbeitet er momentan an neuen Formaten im Ausstellungsraum. Seine Werke sind derzeit in der Ausstellung Pluriversum im Belvedere 21 zu sehen. Ein Interview von Amar Priganica.

Ende letzten Jahres haben Sie im Essener Folkwang Museum ausgestellt und jetzt im Belvedere 21. Wie gehen sie mit dem Medium Film im musealen Kontext um?

Zunächst einmal sind das zwei sehr verschiedene Ausstellungen. Die Folkwang Räume sind sehr verschieden von den Belvedere 21 Räumen. Da verschiebt sich der Inhalt der Ausstellung automatisch. Zwei Drittel von dem Material ist neu, weil man das gar nicht übertragen kann.
Was mich allgemein an Ausstellungen sehr fesselt, ist, dass im Grunde diese feste Sitzordnung vom Kino im Raum aufgelöst wird. Die Ausstellungen haben wiederum den Nachteil, dass ich nichts von dem, was ich für das Fernsehen oder Kino schon gemacht habe, gebrauchen kann.
Der Besucher einer Ausstellung ist sehr souverän, er geht einfach weiter. Er hat keinen Eintrittspreis bezahlt, der ihn dazu zwingt, 90 Minuten auf einem Platz zu verharren. Das führt dazu, dass ich mich sehr kurzfassen muss. Ich habe versucht, den Inhalt so zu verdichten, indem ich jeweils drei Filme im Raum so gegeneinander führe, dass sie sich aneinander reiben. So entstehen analog zum wohlbekannten Drei-Körper-Problem Triptychen. Gleichzeitig gilt es eine Forderung der Filmgeschichte zu erfüllen. László Moholy-Nagy, einer der großen Pioniere des Bauhauses, hat schon 1921 für seinen Film Dynamik der Großstadt die räumliche Montage in Form des Triptychons gefordert. Abel Gance hat diese Konzept 1927 in seinem Napoleon Film tatsächlich sogar angewendet. Das ist jetzt auch bei Pluriversum das formale Grundgerüst.

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Alexander Kluge, Blick in den Abgrund der Sterne, 2017, Filmstill. Foto von Kairos Film

Walter Benjamin sagte einst, dass das Medium Film eine kontemplative Betrachtung durch die schnelle Abfolge von Einzelbildern nicht zu lasse. In der Ausstellung sollen sogar mehrere Filme zeitgleich verarbeitet werden - eine Herausforderung für unsere immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne?

Das ist eine Aufmerksamkeit, die genau in der Zerstreuung liegt. Und zwar jene Zerstreuung, die entsteht, wenn Sie es zulassen, mehr als drei Eindrücke gleichzeitig zu haben. Dann geschieht etwas in Ihnen, das antwortet. Sie sind also viel mehr bei sich, als wenn Sie das alles durch den Klapperverstand kontrollieren zu versuchen. Das Gehirn als Zentralkomitee, das in wichtig und unwichtig kategorisiert - eigentlich hat der Verstand das gar nicht zu tun. Wenn die Haut etwas fühlt, dann fühlt sie es eben. Dasselbe gilt für unsere Augen und Ohren. Erst später setzt sich der Verstand zusammen, ist reicher, wenn er vorher den Sinnen zugehört hat.
Anders gesagt: Die plurale Montage ahmt nach, was in jedem Straßenverkehr geschieht. Wenn Sie auf der Straße einen Eindruck haben, werden Sie die anderen doch nicht ausschließen können, sondern müssen aufpassen, dass Sie nicht überfahren werden. Sie können also nicht irgendwie nach Rilke Herbstblätter bewundern und das Übrige ausschalten. Die konzentrierte Aufmerksamkeit ist die falsche. Und die falsche besitzergreifende Mentalform lautet: »ich will alles besitzen und es vollständig verstehen«. Das sagt der Imperialist, der Tiger. Ich beiß’ das Tier tot und dann gehört es mir. Das ist der imperialistische Blick nach Adorno.
Der Ausstellungsraum dient demnach als Laboratorium für Pluralwahrnehmungen. Wenn Sie plural wahrnehmen, was der Mensch im Normalfall von sich aus tut, sind Sie reicher. Und wenn Sie einfach nur das, was sie in der Schule gelernt haben zielgerichtet teleologisch wahrnehmen, dann grenzen Sie aus und werden zum lebenden Algorithmus-Macher. Das macht aber Silicon Valley zur Genüge. Die machen Algorithmen, grenzen aus, damit alles eingeteilt und identifizierbar ist. Aber was geschieht mit dem Ausgegrenzten? Die Aufgabe der Poeten ist es, das Ausgegrenzte aufzusammeln und einen selbstbewussten Gegenalgorithmus zu bauen. Und dann schafft man ein Gleichgewichtssystem. Das ist auch der ganze Sinn der Ausstellung hier.

Sie gelten als Chronist unseres Jahrhunderts. Wie gehen Sie bei der Herstellung von neuen Sinnzusammenhängen vor?

Die Republik der Besonderheiten - davon bin ich der Patriot. Wenn es die nicht gäbe, bräuchten wir weder die Theorie, noch deren poetische Kraft. Bei der Ausstellung im Belvedere geht es nicht um Kunst und Film per se, sondern um die poetische Kraft der Theorie. Wie ein Archäologe grabe ich Dinge aus, die es schon gibt. Meist verbinden sich die verschiedenen Funde auch von alleine, wenn Sie es zulassen können. Meine Arbeit ist im Grunde nicht autoritativ. Ich bin nicht der Dompteur der Verhältnisse, sondern der Gärtner.
Wenn Sie beispielsweise Musik machen, dann ist das ja ähnlich. In den meisten Fällen fangen Sie nicht an im Sinne von Schönberg zu dekretieren, dass erst alle zwölf Töne einmal drankommen müssen, bis sich das Ganze wiederholen darf. Das wäre so ähnlich wie wenn ein Schriftsteller sagt, »XYZ werden zu wenig verwendet jetzt muss man noch mal lauter neue Worte mit genau diesen Buchstaben erfinden« - das wäre tyrannisch. Wir haben auch hier in der Ausstellung einen Film mit Helge Schneider, der genau das schildert. Da das Q viel zu selten vorkommt, während das A völlig überrepräsentiert ist, wird im Zuge einer fiktiven Rechtschreibreform die Buchstabenquote eingeführt. Das ist natürlich gegen den Sinn, aber dadurch lassen sich wieder Analogien zur Realität herstellen. Ich benutze eine Verrücktheit, nämlich die brüderliche Gleichbehandlung aller Buchstaben im Alphabet, um die normale Aufstellung des Sinns durcheinanderzubringen. Wenn Sie so eine Zeitung behandeln, kriegen sie einen Dada-Text. Und dieser Dada-Text würde sie rein emotional viel eher zur italienischen Krise oder zu den Geschehnissen im Weißen Haus bringen, als der rationale Bürostil eines Zeitungstextes. Der Algorithmus heißt also in dem Fall: Rechtschreibung, Sinn, Redeweise, ABC. Und der Gegenalgorithmus bringt mit irgendeiner Freiheitsforderung der Buchstaben alles durcheinander. Das kann sehr interessant sein.

Das Absurde also quasi als Abstraktion der Wirklichkeit?

Als Abstraktion und Gegenabstraktion. Nehmen Sie mal das Bild des Zirkus. Da haben Sie oben auf dem Trapez die Artisten, und unten die Clowns. Das sind schon mal zwei Welten. Aus diesen zwei Perspektiven lassen sich auch automatisch zwei verschiedene Erzählformen herstellen, die jedoch beide für die Handlung essentiell sind. Eine der schönsten Kurzgeschichten Kafkas, der übrigens ein ausgezeichneter Theoretiker war, illustriert das sehr gut. In Form einer Parabel macht sich bei Auf der Galerie seine poetische Kraft der Theorie sehr deutlich.
Problematisch wird es jedoch, wenn Theoretiker ausschließlich in diskursiver Form kommunizieren, ohne Übersetzungsarbeit zu leisten. Ich war letztens in einer Ausstellung, in der Hegels Phänomenologie des Geistes im Tübinger Unterstadt-Dialekt, mit dem er ursprünglich aufgewachsen war, vorgetragen wurde. Wenn Sie es so hören, ist plötzlich alles verständlich. Das klingt feurig wie Hölderlin, wohingegen man es auf hochdeutsch gar nicht versteht. Da müssen Sie wie bei einem lateinischen Text sich das alles zusammenfügen. In dem Fall ist der Dialekt eine Aushilfe der Theorie, die zu sehr auf dem Hochdrahtseil marschiert. Erst dann habe ich gemerkt, dass dieser große Mann in Wirklichkeit so dachte, wie er als Kind gesprochen hat. Und seitdem ist er mir nahe. Die Theorie klingt abstrakt, wird jedoch mithilfe von poetischen Mitteln viel konkreter als jede Praxis.

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Alexander Kluge, Schwarze Augen, 2016, Filmstill. Foto von Kairos Film

Sie haben sehr lange ausgezeichnete Vermittlungsarbeit im deutschen Fernsehen geleistet. Wie gehen Sie mit der stagnierenden gesellschaftlichen Relevanz des Mediums um? Wie stehen sie den vermeintlich grenzenlosen Möglichkeiten des Internets gegenüber?

Das Medium selbst zu verändern steht leider außerhalb meiner Handlungsmacht. Das Fernsehen ist ein Verwaltungsbetrieb, da kommt die Wirklichkeit schon beim Pförtner gar nicht erst vorbei. Diese Form von verwalteter Information wird klarerweise durch das Netz widerlegt. Das Internet hat ein ungeheures Potential, und bietet eine neue Öffentlichkeit, wie es sie noch nie gegeben hat. Der große Nachteil ist, dass ich rund 800 Jahre brauchen würde, um auch nur die Information eines Tages konsumieren zu können. Das führt dazu, dass ich den Eindruck bekomme, ständig etwas verpassen zu können. Und dadurch entsteht wiederum langfristig ein beunruhigender Seelengeiz. Ich bin nur bereit, anderthalb Minuten bei Spiegel Online zu schauen und dann will ich schon das Nächste haben. Und wenn es fünfzehn Sekunden sind, dann ist es noch besser. Ich gehe also wie ein Schmetterling von einem zum anderen, aber hole den Nektar aus den Blüten gar nicht erst heraus. Es gibt durchaus Dinge, die man in einer Minute erzählen kann, aber genauso gibt es jene, die nicht einmal in 10 Stunden erklärt werden können. Ich glaube nicht, dass man es schaffen würde das Kapital von Marx in eine Minute zu packen.
Weiterhin macht die Schnelligkeit und Unruhe des Internets eine klare Definition der eigenen Interessen nahezu unmöglich. In der realen Öffentlichkeit sind die Angebote deutlicher, zwischen Opernhaus und Disco haben Sie beispielsweise eine ganze Kette von definierten Interessen.
Ich könnte mir vorstellen, dass wir gemeinsam Städte bauen mitten im Internet, das bisher größtenteils aus Dörfern besteht, denen die Fremdverwaltung durch die Hauptstraßen droht. Diese sind befahren von Informationen, die in fünfzehn Sekunden mitteilbar sind und die übrigen Seiten- und Waldwege erschlagen. Das heutige Internet ist also ein massiver Autobahnbau der Information. Diese Autobahn aus großen Playern macht auch Sinn, um die Welt urbar zu machen, braucht aber den Gegenpol. Genauso wie der menschliche Körper aus Arterien und Venen besteht, braucht er auch die Kapillaren. Wenn wir die nicht hätten, würden wir tot umfallen. Spannung und Entspannung - Sie müssen beides haben. Sie müssen Zeit zum Verlieren haben, um wiederum Zeit gewinnen zu können. Ansonsten sind Sie der Kapitalist ihrer Unruhe und schweben zwischen allen Interessen. In dieser Dauerunruhe bewegen Sie sich eigentlich gar nicht, das ist wie eine Starre.
Eine Architektur und Städtebau des Netzes steht uns deshalb dringend bevor. Und diese Wechselwirkung zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Autobahn und Garten und Gärten herzustellen und zu etablieren, wird notwendig sein. Wenn ich jetzt 17 Jahre alt wäre, würde ich morgen damit anfangen.

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