Grebenstein Grebenstein
Foto von Christine Seefried

Von Ambient bis Gabber: Grebenstein

September 13, 2017
Text by Hannah Christ
Grebenstein
Foto von Christine Seefried

Im Interview spricht Grebenstein über die Essenz von Kooperationen mit anderen Musikerinnen, seine Live- und DJ-Sets und die Rolle von Improvisation in seinem musikalischen Schaffen.

Bevor 2014 dein Solo-Debüt als Grebenstein auf Regis’ Label Downwards erschienen ist, hast du in verschiedenen Bands als Drummer und Gitarrist gespielt. Wie kam es, dass du dich der elektronischen Musik zugewandt hast? Wie sehr beeinflusst(e) dich dabei dein voriges Schaffen?

Das Schaffen ist nicht wirklich einzuteilen in Vergangenheit und Gegenwart. Natürlich verändern sich einige Parameter stetig. Aber einen Großteil der musikalischen Entscheidungen treffe ich immer noch mit dem selben Geist wie damals zu Band-Zeiten. Will heißen, ich sehe mich immer noch als Schlagzeuger und nicht als Drumsynthesizer-Bediener. Schöne Momente sind auf jeden Fall die, in denen ich merke, dass mir die Arbeit mit elektronischen Mitteln (fast) alle Grenzen öffnet. Besonders wenn es um Komplexität von Rhythmen geht. Am akustischen Schlagzeug im Proberaum konnte ich immer nur Bruchteile dessen umsetzen, was ich vielleicht gerne im Song gehört hätte.


Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Downwards?

Ich verdanke den Kontakt zu Downwards vor allem Eric und Seba von OAKE, es war fast etwas märchenhaft. Ich habe 2013, als ich mehr und mehr solo produziert habe, einfach nicht gewusst wohin mit meiner Musik. Ich hatte tatsächlich keine Ahnung was überall “so geht” in der experimentellen elektronischen Musik, bis ich dann alles rundum Downwards, BEB etc. entdeckt habe. Im Dezember habe ich dann einfach mal eine Nachricht an OAKE geschrieben und Eric hat kurz danach heimlich meine Demos an Regis geschickt. Und dann landete tatsächlich irgendwann eine Email von Regis in meinem Postfach.

Anfang diesen Jahres hast du außerdem das Projekt Gruppe Formal gegründet. Es wird beschrieben als “Gruppe für Diskurs über und Performance von Musik im Kontext”. Kannst du das Konzept und die Idee dahinter genauer erläutern? Was können wir in Zukunft von Gruppe Formal erwarten?

Bisher war Gruppe Formal vor allem ein Name für Zusammenarbeiten mit befreundeten Musiker*innen. Auftritte, in immer wechselnden Formationen. Neben dem dient es für mich aber auch als Mittel meiner Geisteshaltung zur Musik, der „Szene“ und damit zusammenhängenden Entwicklungen abzufragen. Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Auftritt mit Nene H. im OHM in Berlin, den wir als Gruppe Formal bestritten haben. Das Gespräch, das wir am Abend davor hatten war ebenso bereichernd wie die eigentliche musikalische Zusammenkunft. Genau das hat mich immer am meisten interessiert - sobald Musik außerhalb des Studios passiert und ich auf andere Musiker*innen treffe - deren Geschichten zu hören und was für sie die prägende Aspekte ihres Schaffens sind, wie sie mit Diskussionen innerhalb unserer Szene umgehen. Die direkte Auseinandersetzung, sei es im Gespräch oder im gemeinsamen Musikmachen hat für mich einen unschätzbaren Wert. Nun möchte ich Gruppe Formal als Plattform nutzen, um diesen Aspekt noch weiter kultivieren und sichtbarer machen zu können. Über die genaue Form bin ich mir noch im Unklaren. Ich werde definitiv den Winter nutzen, um weiter daran zu arbeiten.

Als Grebenstein agierst du ja vor allem als Live Künstler und weniger als DJ. Ist das eine bewusste Entscheidung oder wirst du dich zukünftig auch mehr dem DJing zuwenden? Inwiefern beeinflussen deine Live Sets deinen Zugang zum DJing und umgekehrt?

Ich werde wohl kaum ein DJ im klassischen Sinne werden, aber Elemente aus dem DJing spielen mehr und mehr eine Rolle für meine Livesets. Ich mache mich nicht mehr verrückt, wenn nicht jeder Sound des Sets im Moment entsteht. Oft sind Aufnahmen von Instrumenten, die ich für meine Tracks nutze, so lange durch verschiedene klangformende Effekte oder ähnliches gelaufen, dass es fast unmöglich ist sie live zu rekonstruieren. Ich möchte aber spezifische Stimmungen aus meinen Tracks, die auf diesen Klängen basieren, in meinen Livesets haben. Ich denke, in Zukunft wird ein Grebenstein-Set sowas wie ein live/DJ-Hybrid mit eigenen Tracks werden. Hin und wieder denke ich auch darüber nach, mich noch mehr mit reinen Techno DJ-Sets anzubieten, um noch reicher und berühmter zu werden. Aber das lief bisher noch nicht so gut an.

Wo liegen für dich die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Tätigkeiten?

In beiden Bereichen ist mir das größte Anliegen, eine dynamische Geschichte zu erzählen mit diversen Stimmungen innerhalb eines Sets. Bei meinen Livesets kann ich natürlich nur auf ein gewisses Feld - meine eigenen Produktionen - zurückgreifen. Beim DJing genieße ich die Vielfalt, die verfügbar ist. Ich kann Stücke von Ambient bis hin zu Gabber spielen. Ich fühle mich oft, vor allem beim Produzieren sehr hin- und hergerissen und würde am liebsten alles was mich beeinflusst in eine Veröffentlichung pressen. Natürlich ist das nicht immer möglich. DJ-Sets hingegen bieten eine wunderbare Möglichkeit dazu.

Vor allem in deinen Live Sets als auch in der aktuellsten Veröffentlichung »Sessions/01« auf Archiv_Formal scheint Improvisation eine große Rolle zu spielen. Ist diese Beobachtung richtig und falls ja, inwiefern beeinflusst dein Setup den Grad der Improvisation und welche Rolle spielt diese generell in deinem Kompositionsprozess?

Da muss ich widersprechen. In meinen Livesets fühle ich mich am wohlsten, wenn ich so viel wie möglich unter Kontrolle habe. »Sessions« hingegen ist eine ganz andere Sache. Alles was ich nicht auf „richtigen“ Grebenstein-Veröffentlichungen mache, möchte ich in Zukunft als »Sessions« veröffentlichen. Es sind Experimente, die im Studio passieren. Vor, nach und neben einem Vinyl-Release auf einem Label entstehen immer Unmengen an Beiwerk. Früher habe ich die Projekte irgendwann immer gelöscht um sie „loszuwerden“ und aus dem Kopf zu bekommen. Dann, Monate später, die gebouncte MP3 gehört und mich geärgert. Manchmal gibt es auch Abende, an denen ich Stunden an Instrumenten rumschraube und Sequenzen aufnehme, mit dem Vorhaben Grundlagen für Tracks zu schaffen. Wenn dann am Ende nichts Verwertbares entstand, war ich immer genervt. Auch für solche Aufnahmen soll »Sessions« als Format dienen. Um zur eigentlichen Frage zurück zu kehren: Improvisation spielt im Kompositionsprozess eine sehr große Rolle, ab dem Punkt ab dem ich mit einer konkreten Idee oder Stimmung im Studio bin. Vor der Improvisation selbst muss schon eine Vision zu einer musikalischen Aussage stehen. Meistens zumindest.

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