Asfast by Laura Schaeffer Asfast by Laura Schaeffer
Photo by Laura Schaeffer
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Asfast: Splitter und Wahn

May 7, 2017
Text by Nils Schröder
Asfast by Laura Schaeffer
Photo by Laura Schaeffer

Mit einer Reihe torso-erschütternder Live Auftritte beim Elevate, Electric Spring und Parallel Life und einem Split Release mit Peter Kutin hat sich Leon Leder aka Asfast im letzten Jahr den Ruf des vielversprechendsten österreichischen Elektronikkünstlers im experimentellen Clubmusik-Spektrum erspielt. Sein heiß erwartetes neues Album ist vor wenigen Tagen beim Wiener Label Ventil Records erschienen — mit Peace in Drifts unterwandert und übertrifft Asfast die Erwartungen zugleich.

Asfast by Laura Schaeffer
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Mit dem Begriff des Hardcore Continuums beschreibt der Kulturjournalist Simon Reynolds die beständigen, Jahrzehnte umspannenden Wandlungsprozesse der britischen Ravemusik. Dessen rezente Ausprägungen lösen sich jedoch zunehmend von ihren britischen Wurzeln und verorten sich verstärkt in einer globalen Community von Club- und Label-Kollektiven wie Staycore, Bala Club oder NON Records. Das Soundgerüst dieser aktuellen Spielarten des Hardcore-Continuums ist geprägt von überdimensionalen Trance Synths, rückwärts gesampleten Break-Peitschen, Tresillo-Beats und dem Bruch mit klassischen Drop-Strukturen. Asfast bewegt sich auf ähnlichen Spuren, manövriert sich mit seinem Album allerdings an die äußeren Randgebiete dieses aktuellen Phänomens, ohne sich jemals ganz davon auszuklinken.

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Peace in Drifts erscheint als Versuch der Komposition und Destillierung blitzhafter Bewusstseinsschübe. Die Erinnerung an den berstenden Druck des Basses, der elektrisierende Einschlag einer Snare, die transzendent-schizoide Kraft von Trance Synths, der einen Sekundenbruchteil anhaltende luftleere Raum nach einem Break: Asfast dekonstruiert und verdichtet die perzeptiv-körperlichen Intensitäten einer Club-Musik-Erfahrung in eine Ritualmusik zur Beschwörung persönlicher Grenzzustände. Fragmentierungen werden zu einer Kontinuität gebunden, die sich anstelle einer maschinellen Dancefloor-Funktionalität einer auktorialen Perspektive bemächtigen. Ziel scheint jedoch nicht die Essenzialisierung einer Rave-Erfahrung, wie dies etwa bei Lorenzo Sennis pointillistischen Trance-Konzentraten der Fall ist. Asfast entwirft auf Peace in Drifts ein phantasmagorisches Vexierbild, das kontinuierlich die ästhetische und emotionale Beschaffenheit des Raves abbaut um sie als Entgegnung oder Spiegelung zu dieser in eine bewusstseinserweiternde Sounderfahrung zu verschmelzen. Die einzelnen Songs präsentieren sich als abgeschlossene Einheiten, es gibt keine fließende Übergänge, nur schmerzliche Stille. Sie drehen ihre eigenen Runden, aber klingen im emotionalen Echo nach und manifestieren sich als lebendiger Puls. Das Album evoziert stürmische Bilder, ist in seiner Methode jedoch subtil. Täuschung und Bruch mit konventionellen Songstrukturen offenbaren die Autorschaft hinter der Musik, anstatt Drum Machine und Synthesizer auf ein Podest zu stellen.

Peace in Drifts kredenzt einen nachdenklich-verspielten Scherbenhaufen, den man als Hörerin immer wieder selbst neu zusammen setzen muss. Der diskordant-gemorphte Bläserriff in Draft dröhnt wie die onomatopoetische Interpretation eines Hieronymus-Bosch Bildes. Darunter mischen sich verzerrte Bassdrums und angeschnittene Breaks, nervös umspielt von perkussiven Pluck-Synths. Die Strukturen sind zerrissen: High-Hat Rolls, die mehr nach Dub als Bando klingen, steuern auf einen vermeintlich unabwendbaren Drop hin. Stattdessen folgt gedämpftes Noise-Zittern. Stille. Der Song spielt sich wieder selbst ab. In Drift steigert sich Asfast in eine ungemein heftige Druckspirale, deren konzise Auflösung unmöglich scheint. Im Subbass und Stereogewitter versteckt kristallisieren sich frenetische Synths, die sich unausweichlich in den Vordergrund türmen und dort selbst entzünden. Auf kathartische Höhen folgt erschöpfte Introspektion (Well). Übrig bleibt Brache und ein dumm-freudiges Grinsen.

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Die dramatische Tour de Force, die einem Haken schlagend den Boden unter den Füßen wegreißt, ist Ergebnis präziser Komposition und beeindruckenden Sounddesigns, das Asfast über die Jahre und Alben immer weiter verfeinert und ausgebaut hat. Welche Bestandteile Club oder Ambient sind, ist nicht mehr relevant, denn auf Peace in Drifts bedingen sie sich gegenseitig und lösen sich darin selbst auf. Vor der Ekstase ist nach der Erschöpfung und umgekehrt. Selten stirbt man tausend kleine Tode mit so viel Lust. Man wird freudige Spielfigur in Leon Leders Nerventheater, das einen durchwühlt und zerteilt. Das Sanctum liegt im Schwebezustand. Peace in Drifts.

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PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

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Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth