Blog

Blog

Jakob Neulinger “Hybrise” at New Jörg

Materialität ist in der Kunst, abgesehen von konzeptuellen Grenzfällen, ubiquitär und wahrscheinlich ist diese umfassende Präsenz der Grund, dass sie lange nicht zur diskursiven Unterscheidung von Werkentwürfen herangezogen wurde. Ausnahmen bilden hier Material als Alleinstellungsmerkmal oder die Einführung neuer Materialien in die Kunst. Ein neu entdecktes Interesse am Materiellen, das begleitet von einem ebenso starken Interesse an ontologischen Fragestellungen im Rahmen einer neuen realistischen Philosophie, verschiedene Schichten des Kunstbetriebs erfasst hat, leidet oft daran, dass das Material über seine bloße Präsenz hinaus nicht sichtbar wird. Sichtbar und damit zum Thema wird das Material, wenn es im künstlerischen Prozess eine zentrale Rolle spielt, wenn die Arbeit sozusagen materialgerecht ist oder wenn mehrere Materialien gegeneinander gesetzt werden. In der Arbeit Attend von 2016 setzt der 1979 geborene Wiener Künstler und Autor Jakob Neulinger seine Materialien mit einem harten Schnitt gegeneinander und macht sie damit sichtbar. Gegen eine Eigentlichkeit und Ursprünglichkeit des Materiellen handelt es sich aber nur um (gefakte) Oberflächen: Mamorimitatspray, marmoriertes Papier und Linoleum.

Diese Nachträglichkeit, oder auch Geschichtlichkeit, in dem Sinn, dass es zu den Oberflächen ein materielles „Original“ gibt, korrespondiert mit der verwendeten Fertigungstechnik des Laserns, dem immer schon ein digitales „Original“ vorhergeht. Dieses Moment der Geschichtlichkeit, die Durchgesetztheit und das Popularisierte der verwendeten Medien und Fertigungstechniken, wird in der besseren Post-Internet Kunst immer schon mitgedacht. Das Neue ist nicht ganz so neu, ohne hier an die auch schon historischen Theorien von einem „Ende der Geschichte“ andocken zu wollen. Der Titel Attend lässt sich auch als Aufforderung zur Teilnahme lesen und als Gegenposition zu einer letztlich unlogischen Suche nach einem Außen im Inneren des Kunstbetriebs.

Was in Attend als Interesse an Oberflächeneffekten und Fake schon anklingt, erweitert sich im Video Hybrid (2017) zu einem künstlerisch ebenfalls in der Postmoderne der 1980er Jahre und hier vor allem im Neo-Geo verankerten Interesse an (künstlerischer) Logobildung. Die mit einem Mobiltelefon während einer Residency in Tokyo gefilmten Logos der Automobilhersteller Toyota, Honda und Subaru verbinden das Globale der Logogramme, die man ebenso gut in Wien filmen kann, mit einer lokalen und persönlichen Dimension. Für eine Installation am Boden des New Jörg fräste Neulinger verzerrte Versionen der erwähnten Logos mit der Hand aus Gummigranulatplatten und füllte die entstandenen Leerräume mit Leim. Er ging damit hinter das technisch längst mögliche und künstlerisch schon weit verbreitete computergestützte CNC-Fräsen zurück und damit auch ein Stück weit darüber hinaus. Die Vorlage, also gewissermaßen das Original besteht allerdings weiterhin aus einem digitalen File. Das aus recyceltem Plastik bestehende Gummigranulat parallelisiert wiederum diesen Moment des Vorhergehenden als Material, das schon eine Geschichte hat und eben nicht posthistorisch ist. Zur Finissage der Ausstellung sollen Ausschnitte des Bodens dann als Bilder an den Wänden hängen.

Der Titel der Ausstellung besteht aus dem Neologismus Hybrise, der vor allem an den Begriff Hybris (Überheblichkeit, Hochmut) verweist, aber auch Anklänge an die Reprise erhält, was, neben dem Materiellen, die eminent zeitliche Dimension von Neulingers Arbeit betont.

Text von Christoph Bruckner

Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg
Jakob Neulinger at New Jörg

About

PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth