Posthuman Complicities at Xhibit Akademie der Bildenden Künste Wien Posthuman Complicities at Xhibit Akademie der Bildenden Künste Wien
Foto von Manuel Carreon Lopez - www.kunst-dokumentation.com
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„An Invented World Whose Effects Remain Incalculable“

May 12, 2017
Text by Pia-Marie Remmers
Posthuman Complicities at Xhibit Akademie der Bildenden Künste Wien
Foto von Manuel Carreon Lopez - www.kunst-dokumentation.com

Unser verzweifelter Versuch des Vermessens und Erforschens jedes noch so unbekannten Winkels dieser Erde wird hier als bodenloses Unterfangen enttarnt.

Eine Welle, die einen beim Schwimmen von hinten erwischt und mit ungeahnter Kraft nach unten drückt. Erst Panik und dann eine gewisse Ruhe, wenn man um sich nichts als Wasser sieht. Nach dem Auftauchen kommt einem das Festland fast ein wenig fremd vor.

Ein vergleichbares Gefühl hinterlässt die Ausstellung „Posthuman Complicities“, kuratiert von Lisa Stuckey und Andrea Popelka, die derzeit im hinteren Teil des Xhibit in der Akademie der bildenden Künste Wien zu sehen ist. Der Atlantik als Symbol der Ausstellung taucht hier auf unterschiedlichste Art in allen Arbeiten auf und schafft eine gelungene Gesamtatmosphäre.

Dunkel ist es und der Sound der Videoarbeit „Hydra Decapita“ (2010) des Künstlerduos The Otolith Group hallt dumpf durch die Räumlichkeiten. Zu Beginn der Ausstellung sehen wir in Joey Holders Videoarbeit „Proteus“ (2015 – fortlaufend) wie eine Kamera rasch, aber präzise Pflanzen und Gestein am Meeresgrund absucht. Hinter dem Bildschirm erstreckt sich an der Wand entlang eine Tapete, bedruckt mit Aufnahmen des Meeresgrundes. Über den Videoaufnahmen agiert ein Softwareprogramm, welches Vergleiche und Messungen anstellt, die die natürliche Materie des Meeres in wissenschaftliche Informationen umwandelt. Genutzt wird dieses Material von diversen Forschungsgruppen die unter anderem der Marine angehören. Hier zeigt sich, wie der Ozean profitabel ausgewertet und zum Zwecke der Kapitalvermehrung und des Machtausbaus genutzt wird. Die Grenzen zwischen Natürlichem und Unnatürlichem verschwimmen.

Dem in „Proteus“ thematisierten menschlichen Machtanspruch gegenüber unentdeckten Räumen geht Paul Maheke historisch auf die Spur, wenn er in der Videoarbeit „Tropicalité, l’îlle et l’Exote“ (2014) dem Einnehmen von Orten durch koloniale Prozesse im Medium des Tanzes nachgeht. Er schlägt damit eine sehr poetische Herangehensweise an Begriffe wie Fremdbestimmung und Verwundbarkeit vor.

Mit der Arbeit „Hydra Decapita“ scheint man auf den Grund der Ausstellung vorgedrungen zu sein. Der Sound des frühen Detroit Techno Musiker Drexciya (die Albumtitel wie „Black Sea/ Wavejumper“, „neptunes liar“ und „Journey of the deep sea dweller“ sprechen für sich), verbindet sich in der Videoinstallation mit Bild und Text. Grundlage für die Arbeit ist das Gemälde „Slavers Throwing overboard the Dead and Dying – Typhon coming on“ von William Turner, sowie die Geschichte des Massakers auf der Zong: Der Kapitän eines Sklavenschiffs, auf dem Weg von Afrika nach Mittelamerika, ließ im Jahr 1781 142 Sklaven in den Atlantik werfen und ertrinken, um Versicherungsgelder zu kassieren. Auch hier wird der Atlantik, weit entfernt von territorialen Herrschaftsansprüchen, zum Schauplatz von Macht- sowie Finanzkämpfen. Die Künstlerinnen verweisen in diesem Kontext mit ihren dunklen Aufnahmen von Wasser- und Wellenbewegungen, ähnlich wie Maheke, auf die hartnäckige, teilweise quälende und unvergessliche Kraft der Geschichte. Die Orientierungslosigkeit und das immer wieder stockende Bildmaterial erzeugen beim Betrachter eine unangenehme Hilflosigkeit. Eine computergenerierte Schrift tippt blaue Sätze in den Raum hinein: „An invented world whos effects remain incalculable“.

Im Laufe der Ausstellung zeigt sich, dass der verzweifelte Versuch des Vermessens und Erforschens unbekannter Winkel der Erde (Holder) und die Bemühungen an der Teilhabe durch das Ausloten von Räumen, sowohl historisch als auch heute (Maheke), ein bodenloses Unterfangen sind.

So fühlen wir uns im Angesicht der Arbeiten ganz auf uns zurückgeworfen - nicht als Individuen, sondern als menschliche Zellen, als Teile sozialer Machtstrukturen. Der Atlantik, das Symbol dieser Ausstellung, will das Publikum zurück in seine Schranken weisen. In unserem Drang nach Macht, dem ungebrochenen Bedürfnis nach Aufklärung und Wissen, bleibt kein Platz mehr für das Unbewusste, das Natürliche und Unberührte. In allen Arbeiten erscheint der Atlantik jedoch als eben dieses Unbewusste, eigentlich Unbändige. Wir sehen uns dazu aufgefordert Kontrolle und Macht aufzugeben, einen Schritt zurück zu gehen, Respekt zu zollen und Unwissen zuzulassen.

Sogar die etwas verloren am Rand hängenden kleinen „Pro EU Anti-Brexit Campaign“ (2016) Poster von Wolfgang Tillmans finden ihre Berechtigung. Aus der Ausstellung heraus, holen sie uns direkt zurück in tagespolitische Debatten. Tillmans fordert dazu auf, im Sinne von Glissants „archipelagic thinking“, Wasser nicht als etwas Trennendes, sondern als etwas Verbindendes zu betrachten. In diesem Sinne auch Fremdes, uns Unbekanntes und vielleicht auch Unverständliches zu tolerieren und zu integrieren.

So entwickeln die Arbeiten in der Ausstellung „Posthuman Complicities“ einen Sog, ähnlich der Welle beim Schwimmen. Sie lassen uns eintauchen in einen vielschichtigen Diskurs über menschliche Machtgebaren und die Folgen der großen Angst davor, diesen Anschein von Macht zu verlieren, sei es an eine andere Gruppierung, eine andere Gattung oder die Natur.

Posthuman Complicities at Xhibit Akademie der Bildenden Künste Wien
Foto von Manuel Carreon Lopez - www.kunst-dokumentation.com
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