Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14 Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14
Maria Lassnig, Woman Laokoon, 1976 Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum © Maria Lassnig Stiftung; Foto: Neue Galerie Graz, UMJ
Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14 Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14
Maria Lassnig, Diskuswerferin auf Lindos, 1983 © Maria Lassnig Stiftung; Foto: Roland Krauss
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Maria Lassnig, Den Stier bei den Hörnern packen, Mitte 1980er-Jahre © Maria Lassnig Stiftung

Hans Ulrich Obrist: »Maria Lassnig hat sehr zukunftsorientiert gemalt«

April 30, 2017
Text by Alexandra-Maria Toth
Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14
Maria Lassnig, Woman Laokoon, 1976 Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum © Maria Lassnig Stiftung; Foto: Neue Galerie Graz, UMJ

Wir haben den Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist in Athen getroffen und mit ihm über seine Zusammenarbeit mit Maria Lassnig gesprochen.

Athen übersetzt Krise in Kunst und präsentiert eine sowohl kritische, als auch politische Ausgabe der documenta. Kritisch war auch die österreichische Künstlerin Maria Lassnig, die sich jahrelang mit maskulinen Aspekten der griechischen Mythologie, sowie der Schönheit der griechischen Landschaft befasste. Die daraus entstandenen Werke zeigt nun der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist in Zusammenarbeit mit der Maria Lassnig Stiftung und der Municipal Gallery of Athens, unter dem Titel The Future is Invented with Fragments from the Past.

Sie haben diese Ausstellung noch in Zusammenarbeit mit der Künstlerin persönlich kuratiert. Worum ging es ihr dabei?

Hans Ulrich Obrist: Maria Lassnig hat sich bereits sehr früh künstlerisch mit der griechischen Antike beschäftigt. Die Ausstellung „The Future is invented with Fragments from the Past“ befasst sich mit einer Umpolung der maskulin dominierten, griechischen Mythologie durch die feministische Sichtweise von Maria Lassnig.

Mit der Künstlerin verband Sie eine langjährige Freundschaft. Erzählen Sie von ihrer Zusammenarbeit, besonders hinsichtlich dieser Ausstellung.

Kennengelernt habe ich Maria Lassnig in den 1980er Jahren. Aber unsere erste Zusammenarbeit entstand erst zehn Jahre später, als ich gemeinsam mit Kaspar König eine Gruppenausstellung anlässlich der Wiener Festwochen kuratierte und dabei ihre Werke zeigte. Um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, widmete ich ihr in den frühen 1990er Jahren eine Einzelausstellung in England. Das war ein großer Erfolg. Maria Lassnig und ich begannen einen Briefverkehr, in dem sie mir von ihren Reisen nach Griechenland berichtete und erzählte, dass es eine Phase in ihrem Werk gibt, die sich mit der griechischen Antike auseinandersetzt. Ich wollte diese Phase zeigen und wir begannen über eine Ausstellung zu sprechen.

Wie verlief der Prozess weiter?

Ich bin regelmäßig nach Wien gereist, um mit Maria Lassnig die Ausstellung zu planen. Nach ihrem Tod kam es zu einer engen Zusammenarbeit zwischen mir und Peter Pakesch von der Maria Lassnig Stiftung. Gemeinsam trafen wir eine Auswahl der Werke und planten die Umsetzung der Ausstellung in Wien, dachten aber dann, dass es viel interessanter wäre, die Arbeiten nach Griechenland zu bringen. Die Aussstellung sollte hier starten und dann erst auf „Welttournee“ gehen.

Hans Ulrich Obrist Maria Lassnig Documenta 14
Maria Lassnig, Diskuswerferin auf Lindos, 1983 © Maria Lassnig Stiftung; Foto: Roland Krauss

Maria Lassnig hat Griechenland jahrelang bereist. Dabei sind unzählige Werke entstanden. Wie haben sie die Auswahl für diese Ausstellung getroffen?

Insgesamt war es ein Prozess, der zwei Jahre gedauert hat. Wir fokussierten uns zunächst auf jene Malereien, die sich explizit mit der griechischen Antike befassen. Ich wusste, dass Maria Lassnig auf ihren Reisen nach Griechenland sehr viel aquarellierte, und ich wollte diese Aquarelle zeigen. Nachdem klar wurde, dass wir diese Ausstellung in Athen umsetzten werden, wählten wir jene Aquarelle, welche die unterschiedlichen griechischen Inseln darstellten, von denen Athen umgeben ist. Ein weiteres wichtiges Kriterium war natürlich Maria Lassnig selbst. Wir zeigen die Werke, in denen sie sich als griechisches Fabelwesen porträtierte.

In den Bildern von Maria Lassnig finden sich antike, aber auch hybride Mischwesen. Die Verbindung von Mensch und Tier zeigt sich sehr deutlich.

Man könnte fast von „Cyborg Mischwesen“ sprechen, die an die Gedanken von Donna Haraway erinnern. Ich sehe hier auch eine „Science Fiction“ Komponente. Maria Lassnig hat sehr zukunftsorientiert gemalt, doch lebte sie zurückgezogen in Kärtnen, mit geringem menschlichen Kontakt. Dadurch kam es zu einer verstärkten Begegnung mit der Tierwelt, die in ihr Werk überging.

In einigen Bildern erkennt man nicht nur eine griechische, sondern auch eine österreichische Landschaft.

Ihre Beschäftigung mit der griechischen Mythologie beschränkte sich nicht auf ihre Aufenthalte in Griechenland, sondern wurde auch in ihrer Heimat zum Thema. Daher versetzte sie die griechische Antike in die österreichische Landschaft. Ein sehr interessanter Zugang, der sich in satten Grüntönen, spannenden Lichtverhältnissen und Kärtner Alpen manifestiert.

Welche Bedeutung hat der Titel der Ausstellung?

Bei meinem letzten Treffen mit Maria Lassnig sind zwei Dinge passiert. Einerseits habe ich mit ihr über diese Ausstellung gesprochen, andererseits hat sie mich gebeten ihre Freundin, die Schriftstellerin Frederike Mayröcker, zu treffen. Da ich immer viel zu tun habe, ist mir dies lange schlecht gelungen. Erst nach dem Tod von Maria Lassnig kam es zu einer Begegnung zwischen mir und der Schriftstellerin. Ich bat sie dann, etwas zu dieser Ausstellung beizutragen, und sie gab mir diesen Titel. Das hatte natürlich etwas Magisches, da es Maria Lassnig selbst gewesen ist, die uns zusammenführte.

Dann ist die Wahl des Titels im Sinne von Maria Lassnig?

Der literarische Brückenschlag mit Frederike Mayröcker ist ein Gewinn für diese Ausstellung. Zudem handelt es sich dabei um einen Verweis auf eine Zusammenarbeit zwischen ihr und der Künstlerin selbst. Maria Lassnig hat in den 1980er Jahren für das Buch „Rosengarten“ von Frederike Mayröcker eine Radierung gemacht. Der Titel ist außerdem eine Resonanz auf die Kunstgeschichte und Erwin Panofsky, der sich mit antiken Bildstoffen und der Bedeutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft befasst hat.

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Maria Lassnig, Den Stier bei den Hörnern packen, Mitte 1980er-Jahre © Maria Lassnig Stiftung

Wie wichtig ist es, dass diese Ausstellung im Rahmen der documenta 14 in Athen gezeigt wird?

Das gesamte Ausstellungskonzept, mitsamt seiner Eröffnung in Athen, ergibt ein harmonisches Bild und es ist wichtig, dass diese Werke im Rahmen der documenta 14 für die internationale Kunstwelt sichtbar ist. Darüberhinaus ging es mir aber darum, dass diese Ausstellung von einem lokalen Publikum bei freiem Eintritt besucht werden kann. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch Kunst sehen möchte und daher befürworte ich eine Politik der „Free Admission“. Eintrittspreise sorgen für einen Ausschluss — in einer Gesellschaft, in der Ungleichheiten stetig ansteigen. Ganz Athen ist eingeladen diese Ausstellung zu sehen.

Welche Reaktionen gab es bereits von griechischer Seite?

Auf der griechischen Pressekonferenz hat sich eine griechische Aktivistin zu Wort gemeldet, die gerne Menschen aus den Flüchtlingslagern in die Galerie bringen möchte. Das ist, wenn man so möchte, ein weiterer Schritt, der über den freien Zutritt zur Kunst hinausgeht, und im Sinne der documenta 14 ist.

Was bleibt von der Zusammenarbeit zwischen Hans Ulrich Obrist und Maria Lassnig?

Unser jahrelanger Schriftverkehr wird in Buchform veröffentlicht und soll damit auch Außenstehenden ein Bild von unserer Zusammenarbeit geben.

Was sollte man neben Maria Lassnig auf der documenta 14 in Athen noch sehen?

Ich empfehle die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, die selbst von Maria Lassnig inspiriert wurde und deren Arbeiten im Rahmen der documenta 14 im Benaki Museum gesehen werden können.

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Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth