pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer
Foto von Laura Schaeffer
pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer
Foto von Laura Schaeffer

Das ist DAF: Verschwendet was ihr habt!

December 23, 2017
Text by Amar Priganica
pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer
Foto von Laura Schaeffer

DAF sind nicht mehr aus der elektronischen Musiklandschaft wegzudenken. Mit faschistoider Fetischästhetik und der Negierung von traditionellen musikalischen Stilmitteln haben sie sämtliche Konventionen gebrochen und dabei die Hörgewohnheiten der nachfolgenden Musikgenerationen maßgeblich geprägt. Amar Priganica hat Gabi Delgado und Robert Görl getroffen, um mit ihnen über die 80er, zerkratzte Platten und ihre verschwendete Jugend zu sprechen.

Ein wesentlicher Bestandteil von DAF ist die Reduktion – eure Musik und Ästhetik wird in radikaler Form auf ihre Essenz gebracht. Wie kam es zu dieser Haltung?

Gabi: Es war uns von vornherein klar, dass wir kein klassisches Songwriting machen wollten. Die Texte sollten möglichst reduziert sein. Im Deutschen gibt es ja das Wort »Dichtung«. Und da geht es ja vor allem auch um die Ver-Dichtung. Also dass man auf alle Schnörkel völlig verzichtet und sich wirklich nur auf das Wesentliche sowohl in der Musik, als auch in den Texten fokussiert. Das war schon von Anfang an unser Plan. Wir wollten eine Musik kreieren, die in keiner Tradition steht, die weder Rock ’n’ Roll noch Pop oder irgendetwas anderes ist – eine Musik, die an nichts erinnert.

Robert: Wir sind große Freunde vom Minimalismus. Die Musikgeneration vor uns in den 70ern hat eine Musik vertreten, die extrem bombastisch und ausschweifend war. Da gab es ja noch Bands bei denen der Gitarrist 15-minütige Soli auf der Bühne gespielt hat. Sowas fanden wir total unmöglich. Ende der 70er hat man dann auch so langsam gemerkt, dass die Leute sowas einfach nicht mehr haben wollen. Das war irgendwie durchgewichst. Was dem natürlich entgegenstand, war das Ganze wesentlich minimalistischer zu machen. Dass man viel mehr auf den Punkt kommt mit der Musik.

Gabi: Das ist ja wie beim Wein, man muss einfach mal Wasser reinschütten um zu merken, dass man den Wein lieber pur trinken sollte und das Wasser daneben.

Gabi, in einem älteren Interview hast du erzählt, dass du früher bei Platten die schlechten Nummern einfach zerkratzt hast. Das passt ja auch sehr gut zu eurem Zugang.

Gabi: Genau, das habe ich schon als Kind gemacht. Nach dem Kauf einer neuen Platte habe ich mir die Stücke ganz schnell durchgehört. Die Nummern, die ich auf Anhieb nicht gut fand, habe ich dann mit einer Schere kaputt gemacht, damit man die eben nicht mehr hören kann. Wenn man sich am Anfang selber definieren will oder eine Bewegung ihre Identität sucht, ist es unheimlich wichtig erst mal zu wissen was man nicht will. Darüber geht es viel einfacher etwas zu definieren, als wenn man direkt mit Verbesserungsvorschlägen ankommt – die bringen nämlich oft nichts.
Wenn ich zum Beispiel als Teenager unzufrieden mit dem Wohnzimmer meiner Eltern bin und die mich dann ganz liberal fragen was ich denn gerne ändern würde, sage ich, dass ich erst mal alles aus dem Fenster schmeißen will. Wenn der Raum leer ist, dann ist er schon mal besser als jetzt. Und erst dann fällt mir ein, wie ich den haben will. Es ist oft nur ein konservativer Trick zu sagen, man solle einen Gegenvorschlag machen. Manchmal ist es viel sinnvoller einfach keinen zu machen und stattdessen alles Alte zu beseitigen. Und erst wenn alles weg ist, wird auch etwas Neues entstehen können.

Euer Schaffen hat nachfolgende Musikgenerationen maßgeblich beeinflusst. Die 80er erfreuen sich aktuell sowohl in der Musik als auch in der Mode einem steigenden Interesse. Wie beobachtet ihr diese Entwicklung und wie geht ihr mit der teils offensichtlichen Aneignung eures Stils um?

Gabi: Das stimmt, es kommen ja wirklich viele Leute aus der EBM, Industrial, aber auch House und Techno Szene zu mir, die dann sagen, unsere Musik und Texte hätten sie sehr stark geprägt. Und es ist natürlich toll, dass wir bezogen auf die Musik die Hörgewohnheiten verändert haben. Heutzutage werden ja speziell im Clubbereich 80 Prozent der Nummern quasi nach DAF-Regeln gemacht. Kein A und B Part, kein Refrain und Strophe, wenig Text, Musik die körper- und beatorientiert ist. Da sind wir natürlich stolz drauf. Und na klar, das beobachten wir und es gibt immer wieder Aufflackern von Phänomenen in verschiedenen Szenen, die uns sehr bekannt vorkommen.

Robert: Bereits in den frühen 80ern haben sich die großen Plattenfirmen dafür interessiert, dass wir kopiert werden. Die haben nach einiger Zeit realisiert, dass da irgendein Potential da ist, welches man finanziell ausschöpfen kann – obwohl sie uns am Anfang alle abgelehnt haben. Die Majors haben damals zu uns gesagt, es sei keine Musik was wir da machen. Und 2 Jahre später haben sie sich dann eben gedacht, dass das ganze Zeug irgendwie doch kopiert werden muss. Das hat auch bis heute nie nachgelassen.

Gabi: Prinzipiell habe ich auch nichts dagegen. Die Japaner haben für »kopieren«, »nachahmen« und »lernen« nur ein Wort. Wenn du etwas nachahmst, dann lernst du auch gleichzeitig etwas. Und vielleicht ist das auch einfach ein Weg zu etwas Eigenem zu kommen. Ich persönlich tue mich jedoch sehr schwer damit zu sagen: „Ach das find ich gut, dann mach ich sowas Ähnliches.“ Jeder Künstler sollte doch eigentlich immer versuchen etwas Neues zu kreieren. Das finde ich immer besser als wenn man versucht irgendetwas nachzuahmen oder sich zu stark von etwas beeinflussen lässt, das schon existiert. Ich finde das Neue immer besser als das, was es schon gibt.

pw-magazine-vienna-daf-laura-schaeffer
Foto von Laura Schaeffer

Eigentlich spannend, dass oft noch immer auf eine ähnliche Soundästhetik zurückgegriffen wird, obwohl sich die Produktionsbedingungen drastisch verändert haben. Während euer Schaffen aus der Faszination für neue Technologien und dem Mensch-Maschine-Diskurs hervorging, herrscht in vielen Bereichen der heutigen Underground-Musikszene eine große Skepsis gegenüber dem technologischen Fortschritt. Man greift auf die Schallplatte zurück, für verstaubte Hardware wird sehr viel Geld ausgegeben und sogar der Computer soll mithilfe von Plugins nach Tape klingen.

Gabi: Natürlich herrscht schon dieser Trend, dass man sich in der großen globalisierten Unübersichtlichkeit in ein vertrautes Gebiet bewegt und dann oft auf das Alte zurückgreift. Das finde ich eigentlich blöd, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich bin überhaupt kein Nostalgiker. Das Alte ist halt alt und das Neue ist halt neu. Und ich sehe es überhaupt nicht ein auf modernere, bessere Tools zu verzichten. Natürlich kann ich sagen: „Ich stehe irgendwie auf die Ästhetik und nehme meine Filme auf VHS auf, weil ich es mag, dass das so scheiße aussieht.“ Oder wenn jemand meint, dass so ein alter Synthie einfach besser klingt, ist das reine Geschmackssache – ich finde, dass sie oft schlechter klingen. Daher bevorzuge ich es auf jeden Fall mit modernen Tools zu arbeiten anstatt irgendwelche alten Sachen auszugraben. Wenn man auf VHS und Bandsalat steht, warum nicht? Jedem steht es natürlich frei zu tun was er will. Aber manchmal kann ich es überhaupt nicht nachvollziehen, wenn jemand eigentlich die technischen Möglichkeiten hat seine Musik gut klingen zu lassen, und dann schaut, wie man das Ganze ein bisschen schlechter klingen lassen könnte. Damit das dann irgendwie so klingt wie Devo.

Robert: Das hängt auch damit zusammen, dass wahnsinnig viel kommerzielle Musik immer »gut« klingt, total glatt. Und viele Leute wollen halt nicht so eine scheiß perfekte Musik haben, die so neu und sauber klingt.

Gabi: Ich glaube es liegt eher daran, dass sowohl in der Kunst als auch in der Politik und Gesellschaft diese Rückwärtsgewandtheit daraus entspringt, dass vielen Leuten die Welt einfach zu unübersichtlich geworden ist – durch die Vielzahl der Einflüsse und Optionen kann man vieles einfach nicht mehr nachvollziehen. Da fühlen sich manche Leute einfach nicht mehr wohl und sagen dann: „Hey, das reicht mir jetzt mit den Chinesen und den Koreanern und dem ganzen Zeug. Ich will jetzt einfach Österreicher sein, da soll auch keiner mehr in unser Land reinkommen. Es soll alles so bleiben wie es ist, ich will ja gar kein koreanisches Essen, ich will doch meine Serviettenknödel. Die gab es nämlich schon immer.“ Im Prinzip basiert unsere Gesellschaft leider immer noch auf dem Grundgedanken der altmodischen Familie. Da fällt es manchen Menschen einfach schwer zu sagen, die Chinesen, Inder und Araber seien auch Familie für sie – da hört es ganz schnell auf. Und aufgrund der immer kleiner werdenden Identifikationsmöglichkeiten kommt dann schnell die Angst auf, irgendwie überrollt zu werden und irgendetwas nicht mehr mitzukriegen. Da hält man dann einfach doch lieber am Bewährten fest.

Robert: Oft werden ja auch die alten Zeiten verherrlicht, obwohl das alles eigentlich gar nicht so toll war wie man immer denkt.

Gabi: Diese ganze 80er-Nostalgie verstehe ich zum Beispiel auch überhaupt nicht. Die 80er haben doch im Prinzip sehr viel Schlechtes hervorgebracht. Insbesondere wenn man jetzt die wirklich wichtigen Sachen betrachtet, außerhalb der Kunst und Musik – nämlich was die Reaganomics und der Thatcherismus, also die Liberalisierung der Wirtschaft und der gnadenlose Heuschreckenkapitalismus angerichtet hat. Dass der Staat sich beispielsweise aus dem Gesundheitswesen zurückzieht und den Obdachlosen nicht ins Krankenhaus lässt, war früher unvorstellbar. Früher gab es selbst bei den konservativsten Politikern in der deutschen CDU den festen Willen, auch den Obdachlosen behandeln zu lassen wenn er Krebs hat. Und irgendwann mal hat sich das mit Reagan und Thatcher geändert. Da hieß es dann: „Na wenn er die Behandlung nicht bezahlen kann, dann soll er doch krepieren!“

Wie geht es euch denn heutzutage? Wie ist es mit Anfang 60 noch immer auf der Bühne zu stehen und „Verschwende deine Jugend“ zu singen?

Gabi: Das macht totalen Spaß muss ich sagen. Wir würden das nicht mehr machen, wenn nicht so viele neue, junge Leute zu unseren Konzerten kommen würden. Also wenn das jetzt so wäre wie bei Suzi Quatro, wo nur so alte Knacker im Publikum stehen und daran denken, wie schön es damals war als sie jung waren. Das würde ich gar nicht mitmachen. Weil aber Leute da sind, die noch nicht einmal geboren waren als wir mit DAF angefangen haben, kann ich denen noch immer ganz glaubwürdig sagen: „Verschwendet eure Jugend!“ Ich habe meine ja schon verschwendet und das hat sich für mich total gelohnt. Deshalb kann ich diesen Tipp nur weitergeben. Da gibt es keine Probleme, das kann ich nach wie vor noch so sagen, weil ich das genau so denke. Die Jugend ist zum Verschwenden da. Genauso wie überhaupt das Leben reine Verschwendung ist. Jede Blume erblüht um zu verwelken, jeder Stern entsteht um zu verglühen, so ist das halt nun mal. Die Welt ist Verschwendung. Und diese ganze Vorsicht von wegen: „Ach nee, ich bewahre das jetzt noch auf, ich gebe das Geld jetzt nicht aus, ich spare lieber.“ Ich kenne Leute bei denen sich diese Angst vor der Verschwendung und vom Geben bis in die Beziehung zieht. Die sagen dann Sachen wie: „Ich würde dich ja gerne heiraten aber momentan habe ich so einen guten Job und wenn ich jetzt nach Hamburg ziehen muss, dann ist das nicht so gut für meine Karriere.“ Also Leute, die viel zu sehr im Sicherheitsdenken verhaftet sind und immer eine Absicherung vor das eigentliche Leben stellen.
Und da sage ich: „Na seid großzügig, verschwendet was ihr habt!“ Und wenn man viel verschwendet, dann kriegt man auch oft viel mehr zurück als man denkt. Gebt immer alles – im Leben und in der Kunst. Leidenschaft und Großzügigkeit lohnen sich.

Next article

Young Art Spaces Zeller van Almsick Laura Schaeffer
Cornelis van Almsick und Magdalena Zeller. Foto von Laura Schaeffer

Vienna Art Spaces: Zeller van Almsick

About

PW-Magazine is a bilingual online magazine for contemporary culture.