Tek Mater at Grelle Forelle Tek Mater at Grelle Forelle
Monsterfrau & Crystal Distortion - TEK MATER, © LWA 2016

Die Tekno-Oper »TEK MATER« entführt dich in die Cloud

December 15, 2017
Text by Josef Tóth
Tek Mater at Grelle Forelle
Monsterfrau & Crystal Distortion - TEK MATER, © LWA 2016

Das Künstlerhaus, der Stammsitz des brut, wird renoviert und so schwärmt es in alle möglichen Richtungen Wiens, um externe Räume mit seinem Programm zu bespielen. Dementsprechend wurde am 17.11.2017 mit der Uraufführung der Tekno-Punk-Oper TEK MATER die Grelle Forelle in ein Musiktheater verwandelt. Zu diesem Zweck kamen Lena Wicke-Aengenheyster alias MONSTERFRAU und Simon Carter, aka Crystal Distortion, dort zusammen. Sie präsentierten Season 1 ihrer Story über die fiktive Firma Cloud 9. Dessen Produkt SoulScan verspricht ewiges Leben im digitalen Multiversum. Die in eine audiovisuelle Liveperformance gepackte Geschichte wurde von den Forschungsprognosen des Transhumanisten Raymond „Ray“ Kurzweil inspiriert. Spielerischer Ausgangspunkt war insofern die Frage nach den gesellschaftspolitischen Konsequenzen der Möglichkeit, Bewusstsein zu digitalisieren. Eingebettet in eine tanzbare Soundwolke, verliehen sowohl MONSTERFRAU wie auch Crystal Distortion den Figuren der Erzählung ihre Stimmen. Dazwischen mal eine Werbespieleinlage, mal ein punkiger Tekno Track.

Mit einem eigens entwickelten Sensorenkostüm setzt MONSTERFRAU an einer Schnittstelle zwischen Choreographie und Musikinstrument an. Das Kostüm liest ihre Bewegungen ab, überträgt sie zuerst an einen Midi-Fighter und dann weiter an die Software. MONSTERFRAUs Bewegungen werden auf diese Weise zu Tönen und sie ertanzt die Sounds. Diverse Buttons und Regler steuern die Effekte. Der experimentelle Tekno von Crystal Distortion, einem Mitglied des bedeutenden Freetekno Soundsystems SP23, einst SpiralTribe, bietet einen gebührenden musikalischen Dialogpartner. Schwarzweiße Live Visuals von Thomas Aubin alias Tomagnetik werden über das Geschehen projiziert. Sie tränken Bühne und Performende in Muster, Raster und Spiralen. Streckenweise sind auch stilisierte oder verfremdete Repräsentationen der Charaktere und Orte zu sehen.

Der Text, auf zwei Bildschirmen mitzuverfolgen, entfaltet währenddessen eine lebendige Story irgendwo zwischen Blockbuster und Science-Fiction-Trash. Gleich zu Beginn druckt sich das kopierte Bewusstsein eines betagten Forschers mittels 3D Organprinter selbst aus. Die unheimliche Reproduktion veranlasst eine frühzeitige Freigabe des noch mangelhaften Produkts SoulScan. Der gierige Konzernchef reibt sich die Hände. Immer mehr Menschen lassen sich hochladen. Die Straßen werden leer. Illuminati regieren die Welt. Der Präsident scheint ahnungslos. Seine Tochter feiert eine epochale Geburtstagsfeier. Wütende Rednecks, Pro-Lifer und Hells Angels betreten plötzlich die Bühne, drohen alles zu zerstören. Eine Randale. Zwischen den Fronten Partypeople, die Richtung SoulScan drängen. Dieser wird instabil. Das Ende ein Cliffhanger.

Die Rezeption transhumanistischer Optimierungen mündet in einer herrlich überspitzten Aneinanderreihung altbekannter Tropen wie jene des Cyberpunk, Neo-Noir oder Social Sci-Fi. Das Ergebnis ist ein spaßiger Umgang mit Technikeuphorie und Fortschrittsangst. Ganz besonders vermag es durch seine Qualitäten als tanzbares Live-Action Teknohörspiel zu bestechen. Womit MONSTERFRAU und Crystal Distortion das Potential des Clubraums als Musiktheater bestätigen. Bunt in den Assoziationen, laut im Sound. Ein bisschen Retro, ein bisschen Zukunft. Wunderbar. Wir können gespannt darauf warten, was Season 2 dieser Teknomelange noch bringen wird.

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