S S S S S S S S
Foto von Christian Glatz

Warnung: Dieser Text enthält viele Sibilanten. Interview mit S S S S

May 10, 2016
Text by Hannah Christ
S S S S
Foto von Christian Glatz

Kurz vor seiner Show in Belgrad unterhalten wir uns mit S S S S über Heimatgefühle, audiovisuelle Ästhetik und darüber was Kassetten mit Toastern zu tun haben.

Mit welcher Erwartung gehst du in den heutigen Abend? Welche Fragen gehen dir vor Auftritten durch den Kopf?

Puh, also vor allem die grundsätzlichen Fragen: Wo und in welchem Rahmen spielt man? Ist es eher eine Konzert- oder Clubsituation? Bisher habe ich die verschiedensten Erfahrungen gemacht und daraus gelernt, dass es kein Schema gibt nachdem es in der Regel funktionieren würde. Man hat wahrscheinlich immer irgendwelche Erwartungen, die einem durch den Kopf gehen, aber bestimmte Vorstellungen mache ich mir trotzdem nicht. Ich bin auf jeden Fall gespannt in Belgrad zu spielen, da ich immer wieder höre wie interessant die Stadt sein soll.
Zudem ist das heutige Konzept speziell, da die Veranstalter auch aus einer anderen Stadt kommen und ich nur über eine weitere Connection aus der Schweiz dazu gestoßen bin. Also ein sehr interessanter Mix.

Zu deiner musikalischen Laufbahn: Du hast zunächst in Bands gespielt, wie kam es, dass du angefangen hast solo Musik zu produzieren?

Ich habe sehr früh angefangen Musik zu machen und mir viele Instrumente autodidaktisch beigebracht. Im Laufe dessen habe ich dann verschiedene Musikstile quasi innerlich abgehakt und mich so stilistisch weiterentwickelt. In Bands war ich häufig unzufrieden, so dass mir ein guter Freund nach dem nächsten Rauswurf/Austritt gesagt hat: „Man, Samuel, jetzt mach doch endlich mal dein eigenes Ding! Du wirst nie glücklich wenn du immer Kompromisse eingehen musst.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen.
Natürlich hat das „Band-sein“ auch seine schönen Seiten. Dieses Gefühl gemeinsam Musik zu machen, live oder im Studio, ist etwas unbeschreibliches. Das kommt als Solomusiker in dieser Form nicht auf.
Außerdem ist das auch nichts endgültiges, es war nur der richtige Zeitpunkt für mich diesen Schritt in die abgeschottete Solokünstler-Welt zu wagen. Die Phase genieße ich solange bis eine andere kommt.

Wofür steht dein Künstlername S S S S?

Relativ simple Erklärung: Für mich war ein persönlicher Bezug wichtig, ich wollte dieses faceless Techno-Ding nicht um zu versuchen anonym und geheimnisvoll zu bleiben, obwohl es doch alle wissen. Gleichzeitig fand ich einfach Samuel Savenberg auch nicht passend. Zunächst hatte ich die wenig spannende Überlegung die Initialen zu verwenden, also S. S. Aber das kann man geschichtlich betrachtet so natürlich nicht verwenden (lacht). Und dann kam ich auf die 4-to-the-floor-Analogie, die 4-S also symbolisch für das Grundraster des Viervierteltakts. Außerdem sieht es cool aus.

Mit welchem Equipment und welchen Herangehensweisen arbeitest du?

Ich habe unterschiedliche Herangehensweisen bei der Produktion von Tracks, als auch bei der Live-Umsetzung. Zum Beispiel arbeite ich viel mit Field-Recordings, nehme also interessante Umgebungsgeräusche, beispielsweise bei Zugfahrten, mit meinem iPhone auf und bearbeite diese. Ein wesentliches Tool für mich ist Ableton Live, mit dem ich die Aufnahmen mache und mische. Dabei entstehen riesige Konstrukte, die sich live nicht eins-zu-eins umsetzen lassen. Das heißt ich muss Kompromisse eingehen, das bleibt also auch als Solokünstler nicht aus (lacht). Live laufen bei mir gewisse vorprogrammierte Details und Melodien quasi wie vom Band ab, wohingegen ich die rhythmischen Bestandteile über einen Electribe (Drum Sequenzer) steuere. Diese Art der Live-Performance ist eine bewusste Entscheidung, da ich nicht live jammen möchte, sondern nach einem Konzept spiele, das aber Spielraum für Improvisation lässt.

Inwiefern beeinflusst dich dein Studium der Musik- und Medienkunst in deinem musikalischen Schaffen?

Einen Einfluss spüre ich sicherlich bei grundsätzlichen Themen wie Ästhetik oder auch Perfomance-Fragen, wie z.B. zu „Liveness“. Also was bedeutet live spielen überhaupt bei elektronischer Musik, die sample-basierend und programmiert ist? Egal wie viele Synthies da auf der Bühne stehen, du gibst es nicht direkt von dir und es macht keinen Unterschied wie intensiv du auf eine Taste drückst. Die Auseinandersetzung mit solchen Grundfragen halte ich für sehr wichtig als performender Musiker.

Deine Tracks und Sets sind von einem industriellen, harten, gar dystopischen Sound geprägt und auch die Artworks versprühen eine düstere Ästhetik. Was fasziniert dich daran?

(lacht) Ich würde gerne andere Musik machen können – geht aber nicht. Wenn ich produziere versuche ich nicht zwanghaft diesen Sound zu erzeugen, sondern er entsteht einfach aus meiner musikalischen Natur heraus. Ähnlich verhält es sich auch bei der visuellen Ästhetik. Dabei entspricht diese fast machohaft anmutende Darstellungsform gar nicht meinem Charakter. Ich komme ursprünglich vom Punk. Techno hat mich musikalisch in seiner reinen Form nie wirklich interessiert, außer aus einem musikgeschichtlichem Interesse heraus. Dieser Output liegt also in meiner Person und ich sehe Musikschaffen auch als eine therapeutische Maßnahme.

Wie wichtig ist dir die Verbindung von Musik und visueller Ästhetik?

Mir ist ein audiovisueller Einklang wichtig, aber ein ausgereiftes Konzept besteht hier nicht. Die Entstehung würde ich eher als zufällig beschreiben. Bei gewissen Bild-/Videomaterial weiß ich einfach, das werde ich verwenden.

An welche Performance erinnerst du dich besonders gerne zurück?

Da fallen mir einige Abende ein, aber besonders gerne erinnere ich mich an meine letztes Release-Show. Das Album habe ich im Club Südpol in Luzern aufgenommen und ein halbes Jahr später auch dort erstmals präsentiert. Dafür habe ich eine Installation mit einem 4-Kanal Soundsystem entwickelt. Das Intro ging 40 Minuten und bestand quasi nur aus Field-Recordings, die sich langsam aufgebaut haben, also fernab tanzbarer Musik. Aber die 200 Leute im Publikum haben sich wirklich darauf eingelassen und stillsitzend zugehört. Das war schon sehr besonders und hat mich auch dementsprechend beeindruckt.

Text von Hannah Christ

About

PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth