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Voodoo Jürgens über Popularität und Authentizität

November 24, 2016
Text by Therese Kaiser
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Foto von Laura Schaeffer

Voodoo Jürgens ist zur Instanz österreichischen Exportpops aufgestiegen. Wie sich das anfühlt, will ich bei Melange und Tee im Weidinger von ihm wissen.

„Ansa Woar“ und die Single „Gitti“ klettern auf Anhieb an die Spitze der einheimischen Charts, der Tourkalender ist dicht, der Hype groß: Voodoo Jürgens ist in sekundenschnelle zur Instanz österreichischen Exportpops aufgestiegen. Dabei ist Voodoo Jürgens kein Newcomer, sondern schon seit über einem Jahrzehnt in der österreichischen Musikszene unterwegs.

Ich treffe Voodoo Jürgens auf seinen Vorschlag im Café Weidinger, und genauso wie ich ist auch er 15 Minuten zu früh dran. Das passiert wohl, wenn beide Parteien gerne noch kurz ihre Ruhe hätten, ich zum Vorbereiten, er zum Frühstücken. Macht aber nichts, denn wir verstehen uns auf Anhieb. Voodoo Jürgens ist ein sehr umgänglicher Typ, anders habe ich das aber auch nicht erwartet. Wer Voodoo Jürgens noch nie gehört hat, der sollte das jedenfalls machen, denn es sind vor allem Anekdoten zwischen Tragik und Komik, die besungen werden, im feinsten Wiener Dialekt, wunderbar unterhaltsam, wunderbar melodisch, wunderbar sehnsüchtig. Nachdem Stefanie Sargnagel kurz Hallo sagt und „Ansa Woar“, Voodoo Jürgens Debütalbum, signieren lässt, sprechen wir vor allem darüber, wie sich der plötzliche Erfolg anfühlt, was es bedeutet, sich als Künstler vom AMS abzumelden und warum es durchaus hätte sein können, dass er das mit der Musik doch lässt.

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Es ist schon ein bisschen seltsam, weil das mit dem Erfolg um Voodoo Jürgens an einem Punkt passiert ist, an dem ich mir gedacht habe, dass ich mir was anderes suchen muss und mit der Musik nicht durchkommen werde. Die Voodoo Jürgens Sachen habe ich ursprünglich für mich selbst geschrieben, und es ist irgendwie von alleine ins Rollen gekommen. Vor dem Album-Release hat sich schon ziemlich viel Spannung aufgebaut, es war ein bisschen ein Selbstläufer. Das Album hätte eigentlich im Frühling erscheinen sollen, dann sind aber einige Dinge dazwischengekommen. Mittlerweile glaube ich, dass das sehr gut so war, denn so hat sich vor allem über Mundpropaganda rumgesprochen, was ich so mache, und es ist auch gut, nicht immer gleich alles von sich herzugeben. So wie bei einem Konzert, da spielt man ja auch nicht so lange, bis auch der letzte genug gehört hat. Trotzdem: Dass es dann so läuft, davon hätte ich nicht einmal geträumt.

Mein Umfeld hat sich extrem gefreut, dass es sich jetzt doch noch ausgeht mit der Musik. Also größtenteils freuen sich alle, manchmal kommt natürlich auch ein bisschen Neid. Wenn dir Leute an den Kopf werfen, „Du warst früher viel leiwander“, dann hab ich das Gefühl, sie wollen das eben so sehen. Dass so viele Leute sich jetzt für mich interessieren, mit mir reden wollen, laugt mit der Zeit auch ein bisschen aus. Aber es hält sich noch in Grenzen, und ich hab da auch eine sehr hohe Toleranzgrenze.

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Wenn du dir Gagen zu fünft aufteilst – wie mit den Eternias – dann bleibt nicht viel übrig, wenn du nicht sehr erfolgreich bist. In der Szene selbst hat es eigentlich sehr gut funktioniert, darüber hinaus nicht. Aber dass Voodoo Jürgens so erfolgreich ist, habe ich nicht erwartet. Es war für mich ein riesiger Erfolg, wie ich mich vom AMS abmelden konnte. Wahrscheinlich war es die Deutsche Sprache, die es auch ausgemacht hat. Die Texte werden vom Publikum anders aufgenommen, es ist viel persönlicher als Englisch, und die Worte haben viel mehr Gewicht.

Am Wochenende war ich mit einer befreundeten Band im Rhiz, und da hat es jemand ziemlich gut auf den Punkt gebracht: man versteht zwar nicht jedes Wort, aber man versteht, worauf ich hinaus will. Die Spezialwörter versteht ja auch in Wien fast niemand mehr. Und wenn ich dann in Deutschland spiele, dann ist eben auch die musikalische Ebene wichtiger, als in Österreich. Als Voodoo Jürgens habe ich erstmals zuerst Texte, und dann die Melodie dazu geschrieben, das habe ich vorher immer anders gemacht. Aber ich werde jetzt erst mal schauen, wie das schlussendlich funktioniert außerhalb von Österreich.

Das war natürlich von Anfang an ein Thema, und dadurch, dass wir es hier mit Dialekt zu tun haben, hast du schnell die Leute, die da mit Heimattümelei kommen. Aber wenn man sich die Texte anhört, erschließt sich schnell, aus welcher Richtung ich komme. Ich bekomme ja auch Hassmails, wie „Linke Sau, verrecke“. Insofern hab ich mich gleich positioniert, damit von Anfang an klar ist, dass meine Musik nichts mit übertriebenem Nationalstolz zu tun hat. Der Mensch an sich ist ja politisch, und man kann das mehr oder weniger rauskehren, und mir ist wichtig, dass man weiß, was meine Haltung ist – das muss ich aber nicht unbedingt in meinen Liedern behandeln. Dort geht es um objektive Beobachtungen, da heb ich nicht den Zeigefinger – ich hab ja auch keine Antworten.

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Was mir wichtiger ist, als eine politische Botschaft zu senden, ist, dass ich authentisch wahrgenommen werde. Die Bewährungsprobe für den Dialekt waren Auftritte in Beisln, wo Leute saßen, die nicht wegen dem Konzert da waren, die aus den unterschiedlichsten Milieus kommen. Und die haben das anerkannt, und mich als authentisch empfunden – das war mir sehr wichtig. Aber es gibt natürlich auch Leute, die das anders sehen; ich habe mir mal Kommentare unter einem Standard-Artikel durchgelesen. Das kann zwar lustig sein - wenn es da um einen selbst geht, ist es aber natürlich schwieriger. Erstaunlich ist, dass das Leute sind, die mit dem Milieu ja gar nichts zu tun haben – aber trotzdem der Meinung sind, dass irgendetwas aufgesetzt ist. Aber das gilt generell für positive und negative Kritik: Man darf das alles nicht so nah an sich ranlassen, sonst wird man abgehoben oder beginnt, an sich zu zweifeln.

In diesem Projekt steckt jedenfalls sehr viel Persönliches, mit dem Dialekt kommt irgendwie etwas sehr Ehrliches dazu, jedes Wort ist gewichtiger. Aber natürlich habe ich mir hier eine Persönlichkeit kreiert, die alles ein bisschen überspitzt. Die Leute glauben auch oft tatsächlich, dass ich auf der Bühne komplett besoffen bin, das spielt anscheinend in die Figur rein. Mir fällt das gar nicht so auf, aber sicher übertreibt man das alles. Die Sprache, wie ich sie singe, wird wohl aussterben, und das ist vielleicht auch die letzte Welle. Mir geht es auch nicht darum, den Dialekt hochzuhalten, aber ich mach es eben, weil ich es kann. Und das Hochdeutsche ist sehr kantig, während das Wienerische viel weicher ist. Mit Voodoo Jürgens und dem Schreiben und Singen auf Wienerisch hab ich mich irgendwie erstmalig wirklich wohl gefühlt mit Sprache.

Schwer zu sagen. Es war jedenfalls nicht so, dass ich eine gute Alternative gehabt hätte. Wahrscheinlich hätte ich in einer Bar gearbeitet, wo ich Musik auflegen hätte können. Etwas zu machen, wozu man sich jeden Tag zwingen muss, ist furchtbar. Ich kann auch schwer mit Wecker aufstehen, da bekomme ich Welthass. Man lebt schon mal einige Jahre länger, wenn man da nicht täglich durch muss, glaube ich. Aber ja, vielleicht sollte ich aufhören, darüber zu sprechen, da denken sich ja jetzt sicher alle, „was für eine faule Sau«!

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PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth