Ruth Beckermann "Die Geträumten" Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Ruth Beckermann. Foto von Laura Schaeffer
Ruth Beckermann "Die Geträumten" Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Anja Plaschg, Laurence Rupp © Ruth Beckermann Filmproduktion
Ruth Beckermann "Die Geträumten" Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Laurence Rupp, Anja Plaschg © Ruth Beckermann Filmproduktion
Ruth Beckermann "Die Geträumten" Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Studio 3, Funkhaus Wien © Ruth Beckermann Filmproduktion
Ruth Beckermann "Die Geträumten" Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Setfoto, Laurence Rupp, Anja Plaschg, Johannes Hammel, Ruth Beckermann

Ruth Beckermann über das Ringen, sich anderen verständlich zu machen

December 8, 2016
Text by Julia Philomena
Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Ruth Beckermann. Foto von Laura Schaeffer

Ihre Filme erstrecken sich über Orte, Welten und Zeiten: für die 1952 in Wien geborene Filmemacherin Ruth Beckermann heißt es seit rund vier Jahrzehnten, als Dokumentarfilmerin den rein journalistischen Zugang zu überwinden. Dabei beleuchtete sie die österreichische Gesellschaft auf zuweilen tragikomische Weise, ermuntert zu größerer politischer Reflektion, Sensibilität und Aufmerksamkeit.
Als Tochter zweier Holocaust-Überlebender bittet Beckermann Zeitzeugen vor die Kamera, sucht in der Gegenwart nach Spuren der Vergangenheit, begleitet Jugendliche bei den Vorbereitungen zu Bar Mitzwa oder verleiht der Liebesbeziehung zweier Dichter neue Perspektiven.
Beckermanns jüngstes Film-Werk Die Geträumten wird ab 16. Dezember in den heimischen Kinos zu sehen sein. Anja Plaschg und Laurence Rupp führen darin vor, was mit zwei jungen Menschen von heute passiert, die einander Liebesbriefe von Bachmann und Celan vorlesen.

Frau Beckermann, im Rahmen der diesjährigen Diagonale in Graz haben Sie gesagt, Sie würden immer denselben Film drehen. Inwiefern trifft diese Aussage auf „Die Geträumten“ zu?

Es gibt bei mir immer das Grundthema der Fremdheit, der Suche nach einem Ort, nach Zugehörigkeit und der Enttäuschung darüber, diesen nicht zu finden.

Auch „Die Geträumten“ gehen der Frage nach, wo man leben möchte, wie man sich auf dieser Welt zu Hause fühlen kann, besonders nach dem Krieg. Das ist natürlich ein großes Thema für Bachmann und Celan, aber auch für mich. Im Nachkriegs-Österreich als Jüdin zu leben, war eigentlich immer eine große Absurdität. In diesem Sinne ist jeder meiner Filme natürlich auch sehr subjektiv, denn ich schäle das heraus, was ich für wichtig halte.

Der zweite zentrale Aspekt des Films ist die Nähe. Die Frage, wie nahe man einem Menschen kommen kann. Oder auch wie nahe man einem Menschen kommen möchte. Das galt natürlich für Bachmann und Celan, aber auch für Plaschg und Rupp.

Im Fokus Ihrer Filme stehen meist die Lebensgeschichten der jeweiligen Protagonisten, die Erfahrungen mit Krieg und Antisemitismus. In „Die Geträumten“ konzentrieren Sie sich aber vor allem auf die Sprache, die Liebe und künstlerische Verwerfungen.

Den historischen Hintergrund der beiden Protagonisten spürt man, glaube ich, sehr stark, auch wenn er nicht ausgesprochen wird. Bachmann und Celan arbeiten sich ja auch daran ab, an ihrer Geschichte, an ihrer Fremdheit. Bachmann war die Tochter eines Nazi und Celan Jude. Das wollte und musste ich nicht extra betonen.

Was ich aber - abgesehen davon - auf keinen Fall wollte, war, die Biografien der beiden Briefschreibenden zu verfilmen. Ich wollte die Texte nehmen und schauen, wie Briefe dieser Art heute auf junge Menschen wirken. Das war meine Ausgangsposition. Und ich glaube, dass der Film auch funktioniert, wenn man keine Ahnung hat, wer die beiden Autoren waren. Eine große Bildung als Vorraussetzung zu stellen, fände ich völlig falsch. Wenn etwas stark ist, dann wirkt es.

Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Anja Plaschg, Laurence Rupp © Ruth Beckermann Filmproduktion

Ingeborg Bachmann hatte eine ganz einprägsame, unverwechselbare Stimme. Die Musikerin Anja Plaschg (Soap&Skin) trifft diesen Tonfall im Film sehr gut. Laurence Rupp ist Burgtheater-Ensemble-Mitglied und kommt aus Wien. Wie haben Sie zu den beiden Akteuren gefunden?

Ich habe mit der Casterin Lisa Oláh gearbeitet, der ich zwei Bedingungen gestellt habe, nämlich dass beide sehr jung sein sollen und ein österreichisches Idiom sprechen und kein Bundesdeutsch.
Als ich Anja kennengelernt habe, war ich sofort beeindruckt. Ich habe zwar ihre Musik gekannt, aber begeistert war ich von ihrer Persönlichkeit, ihrer Kreativität und ihrer Ernsthaftigkeit.
Mir hat die Idee gefallen, dass nicht beide ausgebildete Schauspieler sind. Rückblickend war das, glaube ich, sehr wichtig für den Film, weil das eine andere Art von Beziehung zugelassen hat. Keine rein professionelle, wie bei Schauspielern auf einem Set, sondern eine zweier Menschen, die einander begegnen und öffentlich kennenlernen. Was die Briefe mit den beiden anstellen, das wollte ich beobachten. Ich habe ihnen auch nicht aufgetragen sich vorzubereiten, weil ich davon überzeugt war, dass die Texte Wirkung genug sein werden. Wir haben auch nicht geprobt, sondern sofort gedreht, weil ich die ersten, authentischen Reaktionen einfangen wollte.

Welche Vorarbeit gab es?

Ich habe die beiden, wie auch alle anderen Schauspieler, die ich gecastet habe, einzeln getroffen und sie Briefe vorlesen lassen, um einen Eindruck zu bekommen. Ich wollte aber nicht zu viel vorwegnehmen, deswegen haben wir uns vor dem Dreh auch nur einmal zu dritt gesehen.

Wie sich Anja und Laurence dann langsam vor der Kamera angenähert haben, sieht man sehr gut. Und diese Annäherung war für mich ja ein so wichtiger Bestandteil des Films, diese Parallel-Geschichte zweier Menschen, die sich heutzutage treffen, um gemeinsam zu arbeiten. Um gemeinsam an diesen Texten zu arbeiten, wo es um so viele Stationen der Liebe, der Freundschaft und Verletzung geht.

Ich habe sehr gehofft, dass das funktionieren wird, denn sicher konnte ich nicht sein. Die hätten sich auch absolut nicht leiden können. (lacht) Wäre vielleicht auch interessant gewesen.

Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Laurence Rupp, Anja Plaschg © Ruth Beckermann Filmproduktion

Im Film verliert man jegliches Raum- und Zeitgefühl. Man bekommt keine Tageszeiten mit und die Kleidung der beiden ist immer dieselbe. Wie viele Drehtage gab es?

Viele im Publikum haben schon geglaubt, es wäre nur ein Drehtag gewesen (lacht). Es waren aber tatsächlich nur acht. Wir hatten Anjas Blusen doppelt und es gab Pausen, um die Kleidung zu waschen. Dass es nur ein Kostüm gab, war mir wichtig. Ich wollte vermeiden, dass man Tagesabläufe feststellen kann. Ich wollte, dass der Zuschauer in die Zeitlosigkeit fällt.
Es geht um eine Beziehung, die zwanzig Jahre gedauert hat, also um einen inneren Raum, eine innere Zeit. Deswegen wollte ich eben diesen Raum so stark beschränken. Auf das Studio, das Funkhaus. Für das Gefühl brauche ich nicht alle Orte bebildern, an denen Bachmann und Celan gelebt haben. Paris, Rom oder Wien muss ich nicht sehen, um die Beziehung, ihre Probleme und die Aufregung zu erkennen. Ich wollte möglichst wenig Ablenkung, sondern die meiste Aufmerksamkeit für die Details. Nicht nur die textlichen, sondern die der Mimik, der Gestik, der Körpersprache und ihrer Einstellungen. Ich wollte, dass der Zuschauer Zeit hat, sich darauf zu konzentrieren.

Sie haben in einem Interview mit Ö1 gesagt, der Film ist auch als Hommage an das Wiener Funkhaus zu sehen.

Rückblickend ist er auf jeden Fall als Hommage zu verstehen. Damals wusste ich ja noch nicht, dass das Funkhaus tragischerweise zum Verkauf steht.

Vor den Dreharbeiten bin ich mit Johannes Hammel, meinem Kameramann, durch das Funkhaus gegangen und habe überlegt, wo ich gerne aufnehmen würde. Ich kenne das Funkhaus schon lange. Seine Architektur hat mir immer schon besonders gefallen. Die Segmente des Stiegenhauses, der schwarz-weiße Boden, der schöne Sendesaal; das waren Locations, die ich gerne festhalten wollte. Beim Dreh selbst ist aber vieles ganz anders passiert als geplant. Ich wollte und musste vieles offen lassen. Einen genauen Drehplan gab es beispielsweise keines, weil ja vorweg nicht klar war, wann Pausen gemacht werden müssen. Ich wusste ja nicht, wann Anja und Laurence nicht mehr lesen konnten. Man kann nicht stundenlang lesen. Und dass die beiden gerne geraucht haben, sieht man auch. Das waren für mich gute Gelegenheiten, das Heute festzuhalten.

Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Studio 3, Funkhaus Wien © Ruth Beckermann Filmproduktion

Welches Genre würden Sie Ihrem Film zuschreiben, wenn Sie es müssten?

Mein Film ist ein Hybrid! (lacht) Ja dieses Genre, das ist blöd! Die Zeiten des Genres sind vorbei! (lacht) Mein Film ist ein Liebesfilm.
Der Sohn von Celan hat das schön formuliert, denn alleine die Briefe selbst sind Fiktion und wenn man die in einem Buch zusammenbringt, ist es ja schon wieder Fiktion. Und dieser Film ist durch meine beigefügten Ebenen noch mal mehr Fiktion. Aber vielleicht waren schon alleine das Drehbuch-Schreiben und der Wunsch nach dieser Geschichte Fiktion. Das kann man kaum sagen, so obsolet ist das. (lacht)
Aber natürlich ist jeder Spielfilm auch Dokumentation, weil er ja etwas über die Schauspieler verrät. Am besten ist wirklich die Bezeichnung „Hybrid“, die ist jetzt auch ganz modern.

Bachmann schreibt Celan unzählige Male von ihren Träumen, der Vorstellung, die sie von der gemeinsamen Liebe hat. War ihr die Illusion lieber als die Realität?

Ich glaube, es war ihnen beiden relativ schnell klar, dass sie nicht zusammen leben können. Und wollen. Aber vor allem nicht können - vom Inneren her. Bachmann und Celan sind beide so sensible und komplizierte Menschen gewesen und vor allem ist diese große Konkurrenz zwischen ihnen gestanden. Bachmann hat zwar diese aufflackernde Sehnsucht nach einem normalen Zusammenleben gehabt, welches er ja gefunden hat. Gisèle Lestrange hat sich als Gattin völlig für Celan aufgeopfert und ihre eigene Karriere als Künstlerin für ihn verworfen. Und wahrscheinlich hat er auch genau so eine Frau gebraucht.
Ingeborg Bachmann dagegen war eine Frau, die absolut emanzipiert leben wollte. Und so zeichnet der Film auch eine Frau, die für ihre Arbeit lebt. Die sich nicht von Männern einschränken lässt, nicht von der Familie, von niemandem. Wenn er ihr schreibt „komm nicht nach Paris“, antwortet sie „vielleicht komm ich doch, wenn es meine Arbeit erfordert“.
Celan hat sie zu Beginn auch sicher nicht als große Dichterin gesehen, erst nach zehn Jahren schreibt er ihr, dass er endlich ihre Gedichte verstanden hat.
Sie hat sehr schnell großen Erfolg gehabt, er nicht. Sie hat ihm sehr geholfen und er war, in Paris lebend, auf diese Hilfe im deutschsprachigen Raum auch absolut angewiesen. Sie war eine tolle Netzwerkerin und hat Celan viel vermittelt. Aber sie war auch pragmatisch und hatte nicht nur die Seite der Träumerin. Neben Celan führte sie parallel eine Liebesbeziehung mit Hans Weigel. Sie war eine Suchende und Verzweifelnde, weil es leider immer schlecht für sie gelaufen ist.

Ruth Beckermann "Die Geträumten"
Setfoto, Laurence Rupp, Anja Plaschg, Johannes Hammel, Ruth Beckermann

In Ihren Filmen berichten Sie von starken Persönlichkeiten, Menschen die etwas zu erzählen haben und sich entscheidend von der Masse abheben - so wie auch Ihr Vater. Inwiefern war die fragile Bachmann für Sie gleichzeitig eine starke Frau?

Bachmann ist für mich eine starke Person, weil sie die Kraft hatte, ihren Weg zu gehen. Ganz jung schlägt sie sich überall durch und beginnt immer wieder neu. Und vor allem bleibt sie dabei, dass die Arbeit an erster Stelle steht. Jeder Schriftsteller hat meine größte Bewunderung, weil er es fertigbringt, über Wochen und Monate, über Jahre hinweg zu schreiben. In dieser Einsamkeit, die das Schreiben mit sich bringt. Das alleine ist eine große Stärke.
Dass sie auf der anderen Seite so fragil und zerbrechlich war, damit hat sie gespielt, glaube ich. Ich denke, sie war auch ein raffiniertes Luder. Und das gefällt mir an ihr (lacht). Die Fotos, die es von ihr gibt, sind ja unglaublich. Manchmal Diva, manchmal depressiv.

Worin besteht für Sie der Reiz des Mediums Brief? Hätte sich inhaltlich etwas geändert, wenn Celan und Bachmann einander Liebes-Mails geschrieben hätten?

Ich glaube, dass auch damals in den 50-er Jahren nur wenige Menschen einander Briefe geschrieben haben, nämlich solche Briefe. Das waren zwei besondere Menschen mit besonderen Briefen. Und ich denke, dass es heute auch besondere Menschen gibt, die sich auf besondere Art mitteilen. Sonst gäbe es ja keine Dichter mehr. (lacht) Gegen lange Liebesmails spricht nichts. Es geht um das Ringen, sich dem anderen verständlich zu machen, seine Gefühle in einer Ernsthaftigkeit ausdrücken zu wollen. Jemand, der früher tagelang an einem Brief gefeilt hätte, der schickt heute auch nicht beiläufig ein bla-bla-Mail ab.
An diesen Pessimismus unserer Zeit glaube ich nicht! Ich bin überzeugt davon, dass die heutige Zeit nicht kalt und vergletschert ist und dass nicht jeder alleine vor seinem facebook sitzt. Das ist doch ein Blödsinn! Die totale Überflutung der Reize, quer durch alle Medien lässt sich natürlich nicht leugnen und die gab es in dem Ausmaß natürlich früher nicht. Aber die Gefühle bleiben gleich und darin besteht der Reiz der Kunst, den Menschen die Gelegenheit zu gewähren, etwas anderes zu erleben. Denn es gibt sie noch, die Sensiblen, die Ängstlichen, die Sprach-Verliebten. Das sind die Speziellen. Die Geträumten.

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