club panamur club panamur
Club-Sujet von Georg Klüver-Pfandtner & Stefan Beer

Club Panamur: Hybrides Musikprogramm in Graz

September 22, 2016
Text by Christian Glatz
club panamur
Club-Sujet von Georg Klüver-Pfandtner & Stefan Beer

Wir sprechen mit Norman Palm über die Hintergründe des »club panamur« - ein temporärer Club-Ort im Rahmen des Festivals »steirischer herbst«.

Als ich das erste Mal vor drei Jahren vom Festival steirischer herbst las, assoziierte ich mit dem Namen ein barockes Weinfest mit klassischer Musik. Ein Jahr später stolperte ich in meinem Facebook Newsfeed wieder über das Grazer Festival und zwar im Zusammenhang mit dem Künstlerduo Easter. Etwas verwundert begann ich zu recherchieren, denn wie sollte die avantgardistische Band Easter mit meinen Vorstellungen vom „steirischen herbst“ übereinstimmen?

Überrascht stieß ich auf ein progressives Kunstfestival, das seit vierzig Jahren verschiedene künstlerische Disziplinen in Diskurs setzt, verbindet und neue Produktionen und Prozesse initiiert. Kunst, Musik, Performance, Tanz, Theater, Literatur, Architektur, Neue Medien und Theorie entwickelten sich harmonisch aus der ursprünglichen Initiative lokaler Szenen heraus und weiß sich selbst als „einer der weltweit wenigen Festivals für zeitgenössische Kunst, das seinem Wesen nach wahrhaft multi-disziplinär ist“ zu beschreiben. Die Sektion der elektronischen Tanzmusik im diesjährigen Festivalprogramm bündelt sich im club panamur – „ein temporärer Club-Ort, ein Treffpunkt jenseits der Genre-Schubladen der Musikindustrie“. Um mehr über Konzept, Idee und Inhalte zu erfahren, sprach ich mit Musikkurator Norman Palm…

Was heißt das konkret?

Konkret heißt das dann z.B. Aisha Devi – eine Künstlerin, die mit tibetanischen Wurzeln in der Schweiz aufgewachsen ist und die mittels spiritueller, fast schamanistischer Rave-Performances diese so verschiedenen Welten völlig überraschend  zusammenfügt. Oder Hailu Mergia, eine Funk-Legende in Äthiopien, wiederentdeckt von Awesome Tapes from Africa, dessen Solo-Aufnahmen aus den 70ern teilweise klingen wie hypnotische Kraut-Jams aus Düsseldorf! Da geht es mir darum zu verstehen wie und warum das alles zusammenhängt.
Viele Auftritte werden auch visuell sehr interessant sein, Aisha Devi und Perera Elsewhere arbeiten mit Video-Künstlern zusammen, Group A aus Tokio überschreiten die Grenzen von Musik, Mode und Performance-Kunst. Und dann gibt es ein Kollektiv wie die Flamingods das faktisch zwischen den Kontinenten in London und Bahrain arbeitet und in ihrem letzten Video fast dokumentarisch pakistanische Wrestling-Societies in Dubai portraitiert. Freie Assoziationen sind das, ungewöhnliche Konstellationen und Formen, viel Eigensinn und Experiment, exemplarisch für eine neue Denkweise von Pop, die global funktioniert und nach allen Seiten offen ist.

…kritisch allerdings.

Ja, es geht nicht darum etwas zu verpflanzen oder auszustellen. Es geht darum, mit dem Club einen Raum und darin Situationen zu schaffen, in denen man ganz nah an der Musik dran ist, sie konzentriert erlebt und interagiert. So spüren die Künstlerinnen etwas von Graz und umgekehrt. Zwischen der Musik und dem Publikum soll etwas passieren. Und zwar am besten etwas, was über den Abend hinaus bestehen bleibt. Mit dem diesjährigen Programm geht es aber auch darum bestehende Vorstellungen in Frage zu stellen und die Leute vielleicht sogar ein bisschen zu verwirren. Man soll sich z.B. bei Kairo is Koming denken »Wow, das klingt ja eigentlich überhaupt nicht nach Ägypten!« und weiter vielleicht »Warum denke ich eigentlich das Ägypten so oder so klingen müsste?« und »Was gibt’s denn da eigentlich noch so in Ägypten?«. So kann ein Abend Auslöser sein, sich näher mit einer Szene auseinanderzusetzen und, ich hab’s schon gesagt, Neues zu entdecken, den Horizont zu erweitern. Denn der kann gar nicht weit genug sein, heute.

Der Künstler Georg Klüver-Pfandtner und der Architekt Stefan Beer „schaffen einen schillernden, vitalen Clubparasiten“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es ging vor allem darum, einen ganz neuen Raum in Graz zu schaffen. Das Orpheum kennt man ja als Konzertort, als etablierte Spielstätte. Unser Club belagert diesen Ort, greift ihn an, krallt sich fest und macht so etwas Neues draus. Clubs sind ja immer mit einem gewissen Stil oder Publikum assoziiert, es ging uns um einen frischen Start, um einen unvoreingenommen Rahmen und nicht zuletzt natürlich um einen einzigartigen Ort. Aber zu viel will ich da eigentlich gar nicht verraten um den Überraschungseffekt nicht zu schmälern… das sollte man schon selbst entdecken!

Was sind deine persönlichen Highlights im Programm des „club panamur“ beziehungsweise welche Abende würdest du deinen Freunden wärmstens empfehlen?

Die alte Frage nach den persönlichen Hightlights! Ich finde natürlich alles toll. Diplomatische Antwort. Aber an dieser Stelle würde ich den Heterocetera-Abend empfehlen, mit den DJs Lotic, Kablam und WhyBe. Ähnlich spektakulär natürlich die Principe-Discos-Nacht mit Nigga Fox, Nidia Minaj und DJ Firmeza aus Lissabon. Aisha Devi habe ich schon erwähnt, Group A auch mit denen übrigens Minou Oram aka Hannah Christ auflegt, die bei Euch ja gerade eine sehr gute bzw. sehr frustrierende Recherche zur Unterrepräsentation weiblicher Musikerinnen veröffentlicht hat. Und so ganz persönlich freue ich mich sehr Hailu Mergia kennenzulernen, Hailu ist eine echte Legende und seine Musik wie von einem anderen Stern. Da bin ich dann schon auch Fan.

Next article

Diversity Matters
Illustration by Valentina Brković

Diversity Matters: A Discourse Towards Emancipated Club Culture

About

PW-Magazine is a Vienna-based online magazine for contemporary culture. By giving voice to a wide array of cutting-edge personas in art and culture, the magazine promotes diversity and a broad mix of artistic expression. The editorial team is tasked not only with reflecting current cultural production, but also with creating new visual content. The platform works with open structures and attaches great importance to collaborations that create new links between cultural creators and the public.
PW-Magazine was founded in May 2016 by Christian Glatz and Phil Koch.

Contact

editorial@pw-magazine.com

Team

Marie-Claire Gagnon
Christian Glatz
Ada Karlbauer
Phil Koch
Amar Priganica
Julius Pristauz
Laura Schaeffer

Authors

Hannah Christ
Elisabeth Falkensteiner
Wera Hippesroither
Juliana Lindenhofer
Pia-Marie Remmers
Alexandra-Maria Toth